Montag, 30. Januar 2017

KOHELET - NICHTS NEUES UNTER DER SONNE





„Lieber Axel, ich habe seit Oktober nichts mehr von dir auf deinem Living Dō-Blog gelesen. Was ist los?“, werde ich gefragt, „fällt dir nichts mehr ein?“

„Ja und nein“, antworte ich.

TMI (Too much information)
Eingedenk des Informationsoverkills tue ich mich zunehmend schwer, etwas zu verfassen, von dem ich glaube, dass es erhellend sein möge und die Zeit des Lesers wert. Die Fülle, der für uns persönlich oft belanglosen Nachrichten, Mitteilungen, Berichte und Botschaften, die täglich auf uns einströmen, lähmt, schlimmstenfalls betäubt uns, zwingt uns zum gnadenlosen (Aus-)Mustern von Texten aller Art. Da laufen auch meine Posts Gefahr diesem zum Opfer zu fallen.

Alles ist gesagt
Mehr noch hemmt mich die Tatsache: Alle wesentlichen spirituellen Erkenntnisse der großen Meister, Denker und Lehrer des Ostens wie des Westens sind auskömmlich von Ihnen, beziehungsweise ihren Multiplikatoren, dargelegt worden. Danach kam, was kommen musste. Von Eklektikern aller Couleur wurden sie gelesen, studiert, verstanden und nicht verstanden, interpretiert, kommentiert, ergänzt, gekürzt, umformuliert, vereinfacht, verkompliziert, verfälscht, aus dem Zusammenhang gerissen, hingebogen, bejaht, negiert, gefeiert, angefeindet; letztlich wiedergekäut und wiedergekäut. Das alles trotz eines zumindest einer gewissen Schicht innewohnenden Bewusstseins: Alle unsere sprachlichen Mittel reichen nicht aus, um die Essenz des Seienden in ihrer universalen Gänze zu erfassen (s. u.: "kein Mensch kann alles ausdrücken", oder im Zen treffend: "Kein Verlass auf Worte"). 
Wofür also versuchen, noch etwas Eloquentes oben draufzupacken? Weshalb immer wieder das Gleiche neu formulieren? Geschweige denn im www, in einem Winzblog von Millionen?  
Ist es da für den geneigten Leser nicht lohnender, an die Quellen zu gehen, sich den originären Denkern und wahrhaften Lehrern zuzuwenden, als neuzeitliche Eklektiker zu bemühen?

Vorerst letzter Living Dō-Post
Aus dieser Erkenntnis heraus, möchte ich diesen vorerst letzten Living Dō-Post mit einer biblischen Quelle — Prediger Salomo oder auch Kohelet genannt — schließen. Die Maxime des Keep on going strong lebe ich weiter, um die graue Theorie bunt zu machen; also weniger in Texten als aktiv im Dōjō. Und im Alltag.

Kohelet
„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ erkennt Kohelet (Prediger Salomo). 
Je mehr und tiefer man ins Weltgeschehen eintaucht, umso mehr versteht man die Worte des biblischen Weisen. Auch die Geschichtsschreibung bestätigt ihn: Es kehrt alles wieder. Die Erscheinungsformen mögen sich ändern, aber im Kern bleibt es das Gleiche; weil auch wir im Kern des Menschseins die gleichen bleiben, selbst nach 45.000 Jahren Evolution. Natürlich haben wir uns (bildungs-)technisch weiterentwickelt. Aber das fragile System Mensch als Leib-Seele-Gebilde ist geblieben. Dieses System fällt seit jeher den immer gleichen, urmenschlichen, geistigen Problemen anheim, und es müht sich ebenfalls seither um deren Lösung, mittels Religion, Philosophie, Psychologie, Spiritualität, Esoterik, ... Ihm, dem Menschen als fleischgewordenes Paradoxon und Verdrängungsphänomen, gefangen in seiner allgegenwärtigen Ambivalenz und der Situation, die er sich daraus geschaffen hat, will das — wie uns die sozialen Geschehnisse der Welt beweisen — leider nur ansatzweise und nur in Minderheiten gelingen.

Vorspruch
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?

Wechsel, Dauer und Vergessen
4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.
8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.

Song: Blackbird (Paul McCartney, Beatles, 1968)









Dienstag, 18. Oktober 2016

WHAT'S YOUR NEXT MOVE? - Marlboro, die letzte





Aller guten Dinge sind drei. Ein letztes Mal soll hier im Living Dō-Blog die obige Marke oder überhaupt irgendeine Zigarettenmarke bemüht sein. Es geht hier aber nicht mehr um den streitbaren Suchtstängel. Und auch nicht um die diversen Warnungen auf der Packung — was an sich vielleicht sogar schon einen kleinen, satirischen Exkurs in die Parallelkonsumwelt wert wäre: Auf den Family-SUVs könnte „Schlechtes Rangieren kann zu Beulen führen“ stehen, und  auf den Kondompackungen „Kann Haut- und Kopfirritationen hervorrufen“. Auf Colaflaschen und Chipstüten stünde: „Kann zum Kauf größerer Kleidung veranlassen“, oder: „Kann Schönheitsdefizite erzeugen“
Es ginge auch direkter und weniger euphemistisch: „Macht sozial abhängig“ auf den Smartphones, und: „Führt zu Faulheit und zu flächendeckender Verblödung“ auf den Fernsehern. Letztlich müssten wir alle auf unseren Klamotten den eingewebten Hinweis tragen, oder besser gleich auf der Haut tätowiert: „Kann tödlich sein.“
Nein, es geht  um etwas anderes — Marlboro wirbt zurzeit wieder mit großflächigen Porträts für ihre Krebs- und Totbringer unter anderem mit der Frage: „What’s your next move?“.

Weiter denken
Diese Frage könnte von den Werbetextern als Wortspiel gemeint sein: „Was ist dein nächster Zug?“, um dann die Antwort zu implizieren: „Der an meiner Marlboro!“
Huah, wie geistreich. Dann kann ich den Post hier beenden.
Ein Living Dōjin jedoch kann aus der Frage „What’s your next move“ mehr herausholen als sich dem durch Werbeübermüllung  zur Ignoranz konditionierten Konsumenten zu erschließen vermag. Ihm kommt zum Beispiel in den Sinn, dass eingefleischte Brettspielnerds bei dieser Frage gedanklich brillante Züge einer Hou Yifan verknüpfen mögen. Oder, wer die chinesische Schachweltmeisterin nicht kennt, sich aber im Global Business zuhause wähnt, sie mit Handlungen Steve Jobs‘scher Dimensionen assoziiert.
Auf das elitäre Berufs- oder Geschäftsleben heruntergebrochen, kann die Frage nach dem next Move also durchaus eine nächste als erfolgversprechend gesehene Aktion meinen — eine Innovation, ein Event, eine Kampagne —, hervorgegangen aus taktisch gedachten Überlegungen.
Und auf das Leben jenseits weltherrschaftlicher Ambitionen eines Mark Zuckerberg oder eines Donald Trump bezogen? Da sieht die Realität meist anders aus. Sie kulminiert in zwei Extremen: Hyperpassivität und Hyperaktivität; deren Fragen lauten: „Warum wird kein next Move gemacht?“ Oder: „Warum werden lauter, aber eher unbedeutende next Moves gemacht?"   
Warum herrschen hier Lethargie und Apathie einerseits vor und Hyperaktivität bis zum Burn-out andrerseits?

Gleich und doch verschieden
Wir alle sind behavioristisch betrachtet, der Fünfheit ex- und intrinsischer Prägung unterworfen: (1)Anlagen - (2)Erziehung/Konditionierung  - (3)Umwelt - (4)Erfahrung - (5)subjektive Verarbeitung und Bedeutungshierarchie der Erfahrung.
In dieser Pentade liegt begründet, warum wir zwar alle verschieden sind, in unser psycho-sozialen Grundstruktur aber recht ähnlich.
Biologisch definiert, sind wir als Homo sapiens senso-motorische Wesen mit erworbenem Intellekt (der durch die rege Nutzung externer, digitaler Intelligenz sich messbar [s. https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Spitzer#Digitale_Demenz] wieder reduziert). Über Jahrtausende hinweg sicherten wir unsere Existenz und unser Überleben durch das aktive Tun mit dem Körper als Sammler, Jäger, Handwerker, …
Nach zwei Weltkriegen waren wir Jahrzehnte lang körperlich mit dem Aufbau und später mit dem Erhalt des Zerstörten beschäftigt.
Inzwischen ist alles aufgebaut. Die Berufswelt hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. Unsere Existenz ist nicht mehr primär von (bisweilen harter) körperlicher Arbeit abhängig, sondern vom Konsum und dessen zwanghafter Aufrechterhaltung als unserer Wohlstandsgrundlage. Diese, sich durch uns selbst erzeugende und durch uns selbst zerfleischende Mechanik ist der schleichende Prozess vom erneuten Niedergang einer Hochkultur wie ihn die Historie immer wieder erlebt hat. 
Was hat das alles mit der „What’s your next move“-Frage zu tun?

Als Gefangener unseres Seins sind wir ständig auf der Flucht vor uns selbst
Das Los des Lebenden, Mensch oder Tier, ist es, sich über die gesamte Dauer seiner Existenz ununterbrochen mit ihm — dem Leben, zu beschäftigen. Man kann es nicht links liegen lassen, und wenn, dann rächt es sich bitter. Es rächt sich aber auch, wenn man es nicht in Ruhe lässt. Oder lässt es uns nicht in Ruhe?
Für beide, den Hyperpassiven wie den Hyperaktiven gilt der Zwitterfatalismus, wie ihn die Überschrift dieses Absatzes beschreibt. Lediglich deren konträre Bewältigungsmuster sind es, die sie, zumindest in dieser Hinsicht, so stark voneinander unterscheiden.
Bewusste Menschen wie unbewusste agieren in beiden vorgenannten Extremen Hyperpassivität und Hyperaktivität. So ergeben sich vier Formen.
Für den unbewussten Hyperpassiven gilt: Kein Plan, also auch kein Zug. Seneca wusste: „Wer den Hafen nicht kennt, für den weht nie der richtige Wind.“
Der unbewusste Hyperaktive hat ebenfalls keinen Plan, nur ist er der Flucht vor sich näher als seiner Gefangenschaft, deswegen ertrinkt er in Eifer, Eile, Emsigkeit.
Nicht weniger fatalistisch trifft es die Bewussten. Den Hyperpassiven unter ihnen hat die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, ganz im Camus’schen Sinn, zur Lethargie getrieben — weshalb und wozu etwas tun, wenn ihr ohnehin alles anheimfällt?
Bleibt noch der bewusste Hyperaktive. Dem wirkenden Konstrukt des Selbstbilds vom Macher geschuldet und der Tatsache, dass allein dessen Rettung, und sei sie zwanghaft, ihn noch am Leben erhält, bringt er triftige Rechtfertigungsstrategien für seine überrege Betriebsamkeit hervor.    

Orientieren - Optimieren - Organisieren
Wer weder zum einen Extrem gehört noch zum anderen, hat als Mischwesen gute Chancen auf ein ausgeglichenes Leben mit guten Moves. So hört man auf diversen Seminaren bisweilen diese Formel: „Aus deiner Vision und deinen Werten erwächst die Mission deines Lebens. Der Erfolg deines Lebens misst sich daran, wie unaufhaltsam du auf deiner Mission bist.“
Sind wir uns unserer Werte bewusst? Haben wir eine Vision, ein geistiges Bild vor Augen? Wollen wir noch etwas aufbauen? Haben wir noch Ziele, Wünsche, Träume, die wir mit eigenen Händen verwirklichen wollen?
Was wollen wir von uns selbst und unserem Leben?
Wer darauf keine Antwort weiß, geschweige denn, sich diese Fragen überhaupt stellt, und sich nicht mal seiner eigenen Werte bewusst ist, der macht keinen bedeutenden Move. Wer zwar Antworten hat, aber sich immer wieder von seinem Weg ablenken lässt, wird womöglich viele gute Moves machen, aber er läuft Gefahr sein Ziel aus den Augen zu verlieren - deswegen lautet die "D-Triade" aus den Acht Triaden des Living Dō: Orientieren - Optimieren - Organisieren. 

Ausgewogenheit
Tragisch wird es, wenn wir als dieses Mischwesen, das beides, Ruhe — kein Move — und Betriebsamkeit — ausgesuchte Moves — braucht, nicht ausgewogen leben können. Wenn wir uns Stille und Ruhe ersehnen, aber es beruflich wie privat nicht schaffen, uns diese Inseln zu organisieren. Wenn wir unter dem Hamsterrad-Syndrom leiden.
Bei Dauerstress — Moves am laufenden Band — wird sich unser Geist früher oder später melden. Er wird es, dreimal dürfen wir raten, über den Körper tun. Wir sind und bleiben Körperwesen, selbst wenn wir ihn zunehmend verleugnen, das meint, ihn schlecht zu ernähren und schlecht zu pflegen, ihn mitunter regelrecht zu vergewaltigen.

Jetzt - Die Königszeit
Das Vergangene war. Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt nur die Gegenwart. Sie ist die Königszeit. Der Anspruch aller Spiritueller und damit auch der Living Dōjin ist: Das Bewusstsein für die Königszeit zu schärfen. Eine Tätigkeit zu verrichten und dabei mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit (… es war so schön mit dem Partner …) oder in der Zukunft (… es wird so schön werden …) zu hängen, ist Verrat an der Gegenwart. Bei belanglosen Tätigkeiten mag das angehen, nicht aber, wenn wir etwas Wichtiges tun, wie zum Beispiel einen Menschen oder ein Tier pflegen. Davon abgesehen steigt ohnehin die Konzentration mit der persönlichen Bedeutungsschwere (s. die Pentade), die wir unserer momentanen Tätigkeit beimessen. Die Frage hier lautet also nicht nach dem nächsten Move, sondern nach dem jetzigen: „Welchen Move machst du gerade? Und vor allem: Wie machst du ihn?“  




Move!
Wichtig ist, dass wir uns überhaupt bewegen. Körperlich und geistig, und das ausgeglichen und bewusst. Tun um des reinen Tuns Willen, ohne nach dem Sinn zu fragen, hat mit Bewusstheit nichts zu schaffen. 
Umso besser, wenn wir zum erkannten Sinn noch die Ethik unserer Handelns erkennen, wenn wir bad Moves unterlassen und good Moves unternehmen.
Wie das geht? 
Keine Moves machen, die für einen selbst und für andere schlecht sind, sondern Moves machen, die für einen selbst und für andere gut sind. 
Und wie geht das? 
Nicht in Lethargie versumpfen, sondern immer wieder mal nach innen gehen, über sich selbst nachdenken, sich die Frage stellen: „Was will ich von mir und meinem Leben?“ Und Antworten finden. Je klarer die Antwort, desto klarer der Plan, desto wahrer der (next) Move.

Song: „Owner of the lonely heart“ (1983) von YES. Der Song beginnt mit: "Move yourself ..."



Freitag, 24. Juni 2016

33,33 ... Ah, ja, ...

 





Wie der Kassenbon preisgibt, macht die Summe meines Einkaufs exakt 33,33. 
Ich habe es nicht, wie mancher Tankende mit zuckenden Fingern am Zapfhahn, einem kindlichen Spieltrieb geschuldet, auf eine Schnapszahl angelegt. Sie ist durch die Konstellation der Artikel entstanden. Und sie ist etwas Besonderes. Denn oft kommt so etwas bestimmt nicht vor, oder doch?

Als ich einer Freundin den Kassenbon mit der magischen Zahl zeige, teilt sie mein Interesse daran gar nicht, sondern betont, „Lidl löhnt nicht“ zitierend, dass sie diesen wie auch die anderen Discounter boykottiere. „Ich bin alternativ und kaufe bei Alnatura ein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Ökologen zu erfahren, dass dort einzukaufen, typisch westlicher Besserverdiener sei, zumindest aber prestigeheischend. „Richtig alternativ ist es erst, wenn man sein Essen selber anbaut.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Lichtnahrungsadepten zu erfahren, dass das schon ein großer Schritt sei, aber man noch immer in der Abhängigkeit zur Nahrungsaufnahme und allem, was damit verbunden ist, stecke. „Die höchste Ebene der Selbstermächtigung ist es, gar nicht mehr von der Nahrung abhängig zu sein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zeugen Jehovas zu erfahren, dass die Lichtnahrungsmenschen wohl sehr spirituell seien. „Aber sie sind nicht religiös, so wie wir.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Scientologen zu erfahren, dass die Zeugen Jehovas zwar religiös seien, aber in ihrer Religion zu sehr gefangen. „Wahre Religion, wie die unsere, befreit, und führt  wirklich zu Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Atheisten zu erfahren, dass ausgerechnet ein Scientologe das behaupte, wo doch alle Welt um die Verwerflichkeit dieser Sekte wüsste. Zudem klärt er mich über Feuerbachs zentrale These auf: „Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Agnostikers zu erfahren: „Annahmen, insbesondere theologische, die die Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz, beispielsweise eines Gottes, betreffen, sind entweder ungeklärt oder überhaupt nicht zu klären.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zen-Adepten zu erfahren, dass es im Buddhismus keinen zentralen, personifizierten Gott gebe wie eben in den abrahamitischen Religionen. „Sei dir selbst ein Licht“, lautet einer der wesentlichen Weisungen des Buddhas.“
„Ah, ja“, sage ich, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Japanologen zu erfahren, dass laut Sawaki, Kōdō ,Zen, die größte Lüge aller Zeiten‘ sei, aber man auf diese Aussage auch nichts geben könne, denn diese sei quasi widerlegt durch ein anderes Zen-Zitat: „Kein Verlass auf Worte.“ 



Am Ende eines sehr, sehr langen und von sendungsbewussten Begegnungen geprägten Tages fahre ich mir mit der Hand um den Nacken, ganz steif vom vielen Nicken. Was habe ich mich heute aber auch belehren lassen von diesen Menschen, die alles so viel besser wissen ...

Den Kassenbon habe ich an die Pinnwand neben meinen Schreibtisch gehängt, quasi eine Analogie zum Totenschädel der Gelehrten. Darunter hängt Psalm 90, Vers 12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Samstag, 19. März 2016

YOU DECIDE. Marlboro wolft schafspelzig again

Grafik: ASG, Foto: mittelbayerische.de

„Will you stay real?“, „Is up the only way?”  
Mit diesen und ähnlichen vermeintlich geistreichen, in Englisch formulierten Fragen, die, laut Marketingabteilung, zum Nachdenken anregen sollen, holt der Tabakgigant Philip Morris zum abermaligen subversiven Werberundschlag für sein Königskind Marlboro aus. 

Nach der Maybe-Kampagne 2012 und einem Nachklapper 2014 (s. Post) penetrieren uns jetzt wieder weiße Plakatwände. Diesmal, noch einen Touch intellektueller, beschrieben nicht mit moderner, schwarz gedruckter Typo, Gott, wie abgelutscht und spießig, sondern mit handgeschriebenen, roten Großbuchstaben, Wow, wie  konspirativ und rebellisch.
Die Werbemenschen der Agentur L.B. fühlen sich wahrscheinlich wieder mal begnadet, wie die meisten Werbemenschen ab einem gewissen Hybrislevel. Nicht weil sie, getreu dem Motto never change a running system, erneut den Zuschlag für die aktuelle Marlboro-Kampagne erhalten, sondern weil sie sich ,ganz was Cleveres‘ ausgedacht haben: Wir nehmen die alte Strategie — Wiedererkennung! — auf und modifizieren sie. Heya, wie genial, und auch noch echt günstig in der Produktion: keine aufwendigen Shootings an ausgefallenen Sets mit teuren Requisiten, bitchy Models und überspannten Fotografen. Stattdessen einem Praktikanten, Erstsemester Grafikdesign, Flipchartpaper und einer Handvoll Edding 800, das ist der, mit der ganz breiten Spitze.
Jetzt der begnadete Trick: Wir stellen intellektuelle Fragen, und die in Englisch, nach dem Motto „Dummheit frisst, Intelligenz trinkt, Bildung raucht“. Und wer nicht gebildet ist, also gar kein Englisch kann? Scheiß drauf, der raucht erst recht und gerade deswegen.

Think! 
So hat sich die Frankfurter Werbecrew auf ein paar pseudo-philosophische Fragen eingeschossen, um dann zu konstatieren: „You decide.“
Ja, du entscheidest! Du entscheidest, wo’s langgehen soll. Hier wird‘s jetzt tatsächlich tiefenpsychologisch. Ist „nach oben“ wirklich die einzige Richtung? Was meinen die überhaupt mit „nach oben“? Aha, jetzt haben die bei mir ja doch erreicht, was sie laut Werbestatement wollen, mich zum (Nach-)denken anzuregen. Dass „nach oben“ nur allegorisch gemeint sein kann, liegt nahe. Hier böte sich an, Analogien in punkto Karriere zu konstruieren, oder für unsere Religiösen, „up“ mit „himmelwärts“ zu übersetzen. Dann bekommt die Marlboro-Frage ja geradezu eine mächtige Bedeutung: Ist zum Himmel aufzusteigen, der einzige Weg? Gibt es denn nicht noch einen anderen, oder gar mehrere andere? Und stünde himmelwärts nicht die Hölle als diametrales Extrem entgegen? 


Downwards 
Vielleicht will ich ja gar nicht himmelwärts, wie das ganze Gutmenschentum und die Gesundheitsapostel mit ihren Veganpsychosen und Tierschützerhysterien. Vielleicht will ich ja böse sein, und wie einst Backwahn seinen Sannyasins riet, wild und gefährlich leben? Also: Frei und ungehemmt rauchen! Und mir nicht in die Autonomie des freien Rauchers dreinreden lassen. Ist doch mein Leben! 
Ja, absolut. Es ist wahrhaftig jedermanns eigene Entscheidung, wie er mit sich, seinem Körper, seinem Geist, seiner Freiheit, seinem Leben umgeht. Wer Rauchen will, der tut es so lange, bis sein Bewusstsein, sollte es erwachen, ihm klarmacht, was er sich da wirklich antut. Es ist hinreichend erforscht, zigtausendfach verifiziert und lässt sich nicht wegdiskutieren: Wer raucht, fügt sich körperlichen Schaden zu — selbst der in der Suchtforschung gepriesene Sekundärwert kann das nicht ändern —, und dieser Schaden kann gewaltig sein. Bis der qualvolle Rauchertod eintritt, können da noch allerhand eklige Erscheinungen wie Kehlkopfkrebs,  Raucherbein, Raucherlunge auftreten.
Abbildungen von diesen sollen ab Ende Mai auf die Schachteln gedruckt werden. Ich erspare es mir, hier ein paar einzustellen. Doch bis dahin sind es ja noch zwei Monate, also rangeklotzt und alle Plakatwände und Litfaßsäulen mit den komischen Fragen und seit kurzem mit ebenso komisch zurechtpostierten Menschen zugeklebt.

Enlighten 
Ich könnte noch einiges über Inhalt und Form der Kampagne schreiben, die Umsatzzahlen von Philipp Morris (wen es interessiert, die stehen hier) nennen und die Zahl der an Nikotin und Teer Erkrankten und Gestorbenen entgegenstellen (wer es wissen will: hier); Recherchematerial über und gegen das Rauchen findet sich en masse im Netz. Ich bin aber kein Journalist und verfasse keine Artikel, sondern sehe mich als essayistischen Blogger, der während er diese Worte schreibt, merkt, wie Widerstände gegen weiteres Schreiben in ihm aufsteigen. Das ist keine gute Basis für das Verfassen von Prosa, die nicht verdunkeln soll, sondern eher erhellen wie z.B. der vorige Post „Heart of Gold“.

You decide. 
Ich habe, was das Rauchen, besser das Nichtrauchen anlangt, mich schon seit langem entschieden. Ich freue mich über jeden Nichtraucher. Und hoffe für jeden Raucher, dass er bald zu uns wechselt. Es ist eine Frage des Bewusstseins. Du entscheidest.

Dazu, ganz ohne Rauch, aber mit viel Surrealismus: Jain: "Come"