Samstag, 1. Mai 2021

Als Ana log im Digital - Eine fiktiv-wahre Geschichte

Der heutige Living Do-Post gilt wieder den Freunden des Narrativen. Nach „Never mind the Wollsocks“ [11/2020] und „Flieg Robert, flieg!“ [12/2020] folgt mit Als Ana log im Digital eine dritte Geschichte. Initiiert wurde sie durch eine im Grunde nicht unerhebliche Frage und zwei darin formulierte Adjektive. Es drehte sich darum, warum ich immer noch mein Old School-Handy* besäße. Das sei unnormal; wir schrieben das Jahr 2021, alle benutzten ein Smartphone. Besagte Adjektive erklären sich aus der Geschichte.

*Ein Nokia 230, ohne Internetzugang, nur zum Telefonieren und zum Smsen.   


Lesen vs. Disney — Slow Dining vs. Fast Food

Inspiriert zu dieser speziellen Form der Geschichte hat mich „Alice im Wunderland". Dabei beziehe ich mich auf eine ganz bestimmte Szene (s. Illustration) der literarischen Vorlage der phantastischen Erzählung von Lewis Carroll von 1865, und nicht auf die unsägliche Disney Kinoadaption [2010]. Unsäglich — aus meiner Sicht als Epiker —, weil diese Verfilmung in ihrer überbordenden Cinematisierung alles abtötet, was menschliche Fantasie und Abstraktions-vermögen beim Umsetzen von Literatur in lebende Bilder im Kopf  = Lesen hervorzubringen vermag. 

Lesen von Literatur verhält sich zum Rezipieren von verfilmter Literatur  im Besonderen in der Form, in der uns die Disneyproduzenten an Bild-Ton-Musik-Opulenz erschlagen — ungefähr so, wie ein feines Candle Light Dinner bewusst mit allen Sinnen zu genießen und vorgefertigtes Fastfood in Übermengen in einem neonbeleuchteten Schnellimbiss in sich hineinzustopfen. 

In diesem Sinne wünsche ich mir als Koch dieser Novelle Cuisinn den idealen Leser mit gesundem Appetit, der die Tugend des beherzten Lesens angesichts der Mühen beim Zubereiten zu schätzen weiß; dem die Speise mundet, und dem ihr Geschmack nach der Lektüre nicht sofort verloren geht, sondern noch andauert.   


Alice fragt die Grinsekatze nach dem Weg
Illustration von John Tenniel, 1865


Allgegenwärtige Themen

Das Hyper-Thema Corona erwähne ich in der Geschichte bewusst nur in kurzen Einschüben  ich wollte ihm nicht schon wieder Raum geben (> "Kämpfe, ohne zu kämpfen"). Der Pandemie-Krieg (WW III, Emmanuel Macron: "Nous sommes en guerre"), mit seinen flächendeckend zerstörerischen Begleiterscheinungen, ist ohnehin (zumindest aktuell noch) von überdimen-sional-allgegenwärtiger Präsenz. Seine negative Strahlkraft drängt andere allgegenwärtige Themen — wie eben gerade das spezielle Thema der Geschichte — in den Schatten der Gewöhnlichkeit, wo sie Gefahr laufen, trotz ihrer Brisanz übersehen zu werden, statt achtsam gehandlet. Aus diesem Schatten wollte ich es, zumindest für die Dauer der Story, hervorholen und durch ausgesuchte literarische Stilmittel in ein psycho-soziologisches Licht rücken.   

 

Der original Phonophor von Siemens
Reklame von 1938, AT


Der mächtige Phonophor

Die Geschichte befasst sich mit dem digitalen Endgerät der Gegenwart: Das Smartphone. Für seine Bezeichnung  habe ich „Phonophor“ gewählt, einen Namen, für im 20. Jahrhundert von der Firma Siemens vertriebene Hörgeräte. Ernst Jünger transportierte und erweiterte in seinem Roman Heliopolis diese Erfindung und nahm weitblickend dessen Funktion und gesellschaftliche Machtrolle, die heute dem Smartphone gleicht, vorweg.

 



Ana [Alice] im Dialog mit dem Phonophor, Komposition von ASG, 2021


 

Als Ana log im Digital  

 

IM MORGENDUNST war Ana über die Luftschnittstelle der Blackbox zum Schlagbaum gelangt. Jetzt war sie angekommen: Im Digital, dem IT-Clusterreich des mächtigen Phonophor.

Zu ihrer Überraschung — und maßlosen Enttäuschung — war sie in ihrem Schleifenkleid das einzig Bunte, was sie hier vorfand. Nichts, aber auch gar nichts in diesem Reich besaß auch nur den Hauch einer Farbe. Alles schien düster und grau in grau, so wie sie es nur aus den alten Schwarzweißfilmen kannte, die sie sich so gerne auf Amazon prime und Disney+ ansah.

Der Grenzwächter trug einen googlehupfartigen Turliban auf seinem qubleikhanischen Kürbiskopf und war gewandet in Barchentwams, Heerpauke und Holzplatinen.

Nachdem er Anas Transponder-Chip gescannt hatte und ihr ein paar Instruktionen mit auf den Weg gegeben, kurbelte er die Drahtzugbarriere hoch und ließ sie passieren.

Ana querte heuristische Äcker mit erodierten Funkbündeln und sprang in großen Sätzen über telematische Frequenzbänder, die in schlammigen Bögen durch das Digital mäanderten.

Nach einer Wanderung durch sandige Polynomfelder stand sie jetzt in der weiten und trostlosen Ebene der Big Data Plains, vor dem Herrscher in diesem Reich, dem mächtigen Phonophor.

Leider empfing sie hier ebenfalls eine herbe Enttäuschung: Der mächtige Phonophor saß nicht auf einem goldenen Thron, postiert auf einer über marmorne Stufen zu erreichenden Anhöhe, mit Löwen und Tigern zu seinen Füßen und Bediensteten an seiner Seite, ihm mit Palmwedeln Luft zufächelnd. Er war auch nicht in königliche Gewänder gehüllt und trug weder Krone noch Zepter, wie man es von einem Imperator seines Formats erwartete. Er war nicht einmal ein Wesen in menschlicher Gestalt.

Der mächtige Phonophor offenbarte sich als ein linuxitischer Kernelbaum; ein zweiarmiges Gebilde, dessen Krone nicht aus Ast- und Blattwerk bestand, sondern aus einem Smart- und einem iPhone, die, beide durch sich selbst gehalten  erstes von Ranken gespeist, zweites von autogenen Injektionen , nach oben in den Himmel ragten. Dieser weckte bereits die dritte bittere Enttäuschung in Ana. Kein strahlendes Blau. Keine schneeweißen Wolken. Stattdessen: Nur tiefes Schwarz. Ein Gewölbe, so dunkel, so düster, aus dem es Zahlen regnete, unaufhörlich, endlose Ziffernfolgen, die, kaum erschienen, im Dunst verflogen. Das ist er also, dachte Ana, die Sphäre, worüber jeder spricht und doch nur die Eingeweihten Bescheid wissen: Der Himmel der magischen Algorithmen.

Im Lichtschein der Lumineszenzdioden, der einen wölfisch anmutenden Schatten von ihr auf den Erdboden warf, stand Ana mit geschlossenen Füßen vor dem Phonophor, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und auf der großen Schleife ihres Kleides abgelegt. Sie solle höfische Distanz wahren, hatte ihr der Grenzwächter geboten, in angemessener Haltung, aber dennoch bestimmt und fordernd in ihrem Ausdruck. „Letztlich lebt er nur durch dich“, hatte er dies begründet, um entschärfend anzumerken: „Na ja, nicht ausschließlich …“

Ana rückte die Haarschleife gerade, zupfte die Bauschärmelchen ihrer Bluse zurecht und wippte eine Weile auf den Hacken ihrer schmalen Schuhe. Dreimal und immer lauter musste sie sich räuspern, bis er endlich Notiz von ihr nahm.

Auf den beiden seiner bislang dunklen Displays und dem eines Nebenastes, öffneten sich blitzartig ein Auge. Er sprach: "Чего ты хочешь?"

Ana stand regungslos.

"你会怎么做?"

Sie zuckte mit den Schultern.

¿Qué es lo que quieres?"

„Das war jetzt wohl Spanisch, aber auch das verstehe ich nicht.“

Die Augen verschwanden — alle drei Displays waren für eine halbe Sekunde dunkel —, um sofort wieder zu erscheinen.

„Pardon, Wir mussten Unsere Ideo-Soziolekt-Codierung auf dich und deine deutschen Verhält-nisse transponieren“, sagte er und fragte erneut: „Was willst du?“

„Sag mir, welchen Weg ich hier nehmen muss“, antwortete Ana knapp, die Weisung des Wächters im Kopf.

„Es hat Uns nicht zu duzen!“

Ana verzog die Mundwinkel. Ein „Sorry, Alter“ lag ihr auf den Lippen. „Entschuldigung. Dann eben ,Sie‘.“

„Nein.“

„Bitte?“

„Du musst Uns ihrzen.“

„Wieso das denn?“

„Wir sind sowohl Magier als auch König von Gottes Gnaden, gepriesen und heiliggesprochen durch die höchste irdische Instanz, dem Weltimperium des Internetzes.“

„Heiliggesprochen?

„Wie unschwer durch die schiere Einnahme eines Augenscheines unserer durch eine Gloriole gekrönten Häupter zu erkennen ist.

„Wow.

„Nach Unserem Dossier über dich, weißt du welchen Duktus zu gebrauchen du dich anheischig zu machen hast.“

„Was?“

„Wie du hier bei Hofe reden must.“

Ana stöhnte. Ja, doch; sie kannte ein paar flottflorierende Formulierungen aus dem Mittelalter und einige lockerrockige Barockbrocken aus der Renaissance. Weit mehr bewandert aber war sie im Elaborieren rabulistischen Vokabulars des Viktorianischen Zeitalters, das sie ihren Gaslicht-romanen entnahm, um in den Fanforen mitreden zu können.

„Bei Hofe …, na, ja, … Da habe ich was ganz anderes erwartet.“

„Erwartungen … Sie sind ein Quell der Enttäuschung.“

„Da hat Euer Merkwürden recht. Ich bin in Eurem Reich jetzt schon dreimal entt…“

„Fasel nicht. Und sprich, was willst du?“

„Würden Eure Hoheit mir den richtigen Weg zeigen?“

„Gewiss. Ein wahrer Souverän ist dem gemeinen Untertan ein dienlicher Herr. Wir wollen ihn dir weisen. Sag Uns zuvor, wohin du zu gehen trachtest.“

Ana schlug die Augen nach oben. Was für ein Spack. Konnte der nicht normal mit ihr reden.

„Mir egal, wohin, wenn ich nur irgendwo hinkomme.“


„Dann ist es auch egal, welchen Weg du einschlägst. Und überdies: Du bist bereits ,irgendwo‘.“


„Was für Leute wohnen hier … im Digital?“, lenkte sie ab.


„,Wohnen‘ tut hier niemand. Arbeit ist hier oberstes Gebot. In dieser Richtung …“, sagte der Phonophor, mit dem Smartphonigen Zeigefinger nach links weisend, „… wird findige Weichware ersonnen. Damit du und deinesgleichen geistschonend eure kleine Weltlichkeit leben könnt.“


„Während da hinten am Horizont …“, fügte das iPhone im Stamm des Kernelbaums hinzu, „… in den wabenhaften Glastürmen der Kaufmannschaft, Deklarationen für die Finanzwelt erstellt werden.“


„Ana nickte, obwohl sie mit dem abstrakten Geschwurbel nichts anzufangen wusste.


„Und da lang?“


„In jener Richtung“, mit dem Daumen nach rechts zeigend, „arbeiten junge Untertanen, die ihren Anhängern bei der Entscheidung zum Kauf wichtiger Erzeugnisse helfen. Vorneweg haben wir in deinem Land neben Julian, Dagi, Pamela, Bibi und Pia, die beiden Zwillingsmädchen, die mit ihrer Einflussnahme auf unser junges Volk sehr aufstrebend sind.“  


„Lisa und Lena“, sagte Ana in einem Tonfall zwischen Neid und Bewunderung.


Die Zyklopenaugen blinzelten zustimmend.


„Einerlei, welche Richtung du einschlägst, ohne die Wegweisung Unseres erdumspan-nenden Positionsbestimmungs-Systems wirst du dich so oder so verlaufen — ab hier führt jeder Weg nur noch tiefer in die Wüste. Und ebenfalls einerlei, wen du zu besuchen gedenkst, allesamt sind sie der Tumbheit anheimgefallen.“


„Hm?“


„Verrückt sind sie.“


„Ich mag nicht zu Verrückten.“


„Wir sind alle verrückt hier im Digital. Das kannst du nicht ändern.“


„Ich bin nicht verrückt! Wie können Sie das behaupten?“


„Ihr! Wie könnt Ihr das behaupten. Merk dir das endlich!“ Der Phonophor schwieg eine Sekunde, dann fuhr er fort: „Wie Wir das behaupten können? Deine Äußerungen! Wer Ohren hat, der höre. Vor Momenten noch hast du Uns wortwörtlich geantwortet: ,Mir egal, wohin, wenn ich nur irgendwo hinkomme.‘ Was sagt Uns das? Du hast keinen Weg. Du hast kein Ziel. Du weißt nichts wirklich über dich.“


„Damit kannst du dir die Hand reichen mit dem Gros Unserer Untertanen“, ergänzte der iPhonearm.


„Indes“, fuhr die Smartphonige Hand fort, „stellst du Unsere wohl zusammengetragenen Fakta über dich in Frage und versuchst sie als ,Behauptung‘ zu diskreditieren. Doch Wir hören nicht nur. Wir sehen: Dein Aktions-Gepräge entlarvt dich! Du weißt doch, das Wir in Unserem Datenreich alle Beobachtungen und Messungen betreffs Unserer Untertanen einer wohlweislichen Auswertung unterziehen.“

„Wenn ich … Euren … Empfehlungen folge, heißt das noch lange nicht, dass ich verrückt bin. Ich bin eben offen für alles. Und vielseitig interessiert.“

Der Phonophor zwinkerte verbunden. „Diese euphemistische Untertreibung erquickt Uns. Nun denn, lass es dir gesagt sein: Du bist gemeiniglich.“

„Hǣ?“

„Du bist normal. So normal wie alle anderen.“

Ana war erleichtert durch diese Expertise. Alles wollte sie sein, bloß nicht verrückt. Sie wusste ja, wie sie in der Schule über die Nerds und Outcasts ablästerten.  

„Das Faszinosum ist“, sagte der Phonophor, „dass in einer Welt, in der die Gesamtheit verrückt ist, das Verrückte als normal erscheint: Wenn alle verrückt sind, dann gilt die Verrücktheit als gängiger Zustand und wird nicht mehr erkannt als das, was sie ist: Ein Fehl. Wenn alle von Krankheit heimgesucht werden, mutiert Krankheit zur Normalität — keiner weiß um die Bedeutungsschwere der Gesundheit. Ergo:  Alle brauchen und hofieren den Arzt.“

„Und der sind wir!“, fügte der iPhonearm an, der sonst eher verschwiegen schien und bedacht darauf, seine Injektionen wohl zu setzen.

„,Alle‘“, sagte Ana, „habe ich gelernt, „ist eine Generalisierung, und als solche falsch. Es gibt niemals ,alle‘.“

„Mathematisch betrachtet, gehst du per definitionem fehl. Doch hinsichtlich soziologischer Unschärfe, lässt sich über den Näherungswert von ,alle‘ diskutieren. Wenn Wir ,alle‘ sagen, dann gebrauchen Wir das Indefinitpronomen als ein rhetorisches Mittel. Wir meinen: Die Mehrheit. Diese Mehrheit ist so gewaltig, dass ,alle‘ als Annäherung trifft: In deiner Heimat Deutschland zum Beispiel besitzen 99 Prozent der angezielten Untertanen einen Ableger von Unser Gnaden. Es dauert nicht mehr lange und Wir haben auch das restliche kleine Renitenzprozentlein im Sack! Spätestens dann, wenn der Besitz eines Phonophors zur gesetzlichen Pflicht eines jedweden Untertans wird … wie bald bei deinem Impfpass.“

„,Wir‘“, erklärte der iPhonige Teil Ana, „meint hier übrigens einmal nicht den Pluralis Majestatis, nicht Uns und Unseren siamesischen Zwillingsbruder hier, sondern auch Unsere getreuen Mitstreiter von adliger Provenienz: Graf Motoroland I., König Nebukadnokiar III., General Simsalasamsung, Die Gebrüder McKasperleundsApple, Kaiserin Huahawaii und Prinz Popporlopopp, um die wichtigsten zu nennen.

„Dann seid Ihr gar nicht Der Souverän … und gar nicht so mächtig.“

„Unsere Herren und Gebieter sind Der Scheich von Amazonien, Der Hüter des Gesichtsbuches auf dem Zaub... Zuckerberg und Der Googleux-Klan im Siliciumland. Wir sind deren willfährige Erfüllungsgehilfen. Doch, falle nicht der Täuschung anheim! Neben Unseren Brüdern und Schwestern, den Millionen und Abermillionen Laptops, Notebooks, Tab- und  Phablets, den Macs und Desktop-PCs, sind Wir der stärkste Krieger des Digitals! Die Zahl Unserer Uns gebrauchenden Untertanen auf dieser Welt beläuft sich auf nahezu vier Milliarden. Du weißt, wie viele Nullen das sind!?“

„Äh , … da müsste ich schnell schauen …“

Der Phonophor schwellte die Brust, alle drei Displays wölbten sich und die Augen funkelten.

„Wir haben euch aus der Gosse eures geistlosen Analoglebens emporgehoben und tuen es ohn' Unterlaß fürderhin, bis auch der letzte Antipode, kläglich und schmachvoll seiner erbärmlichen Gegenwehr erlegen, zu unserer digitalen Glaubensgemeinschaft — der größten der Welt übrigens — konvertiert.“

Die Smartphonehand neigte sich Ana entgegen und ließ eine Kletterranke um sie herum fließen, ohne sie jedoch zu berühren oder gar einzuschnüren, was ein Leichtes für sie gewesen wäre.

„Die Menschheit ist dank ingeniöser Schöpferköpfe vom Homo Neanderthalensis zum Homo Digitalis gereift“, fuhr er fort, „vom kruden Fabrikarbeiter, der nur seine grobschlächtigen Hände zu gebrauchen weiß, zum gelehrten Schreibstubenmenschen, der allein mit des Kopfes geistiger Kraft wohllöbliche Arbeit in Wort und Zahl zu verrichten imstande ist.“

Der iPhonearm, der sich gerade einen gigabytigen Schuss Datain gespritzt hatte, erhob jäh und unerwartet die Stimme: „Schluss jetzt, Smarph! Mit deinem Historienquatsch! Und dem altertümelnden Gerede! Ich habe das Kommunikations-Programm wieder auf Standard umgeswitcht. Ab jetzt sprechen wir wieder vernacular!“

Sein Auge vibrierte und wechselte die Farbe.

„Was war das jetzt?“, wollte Ana wissen.

„Smarph“, antwortete der iPhonearm, „ist bei deinem Profilescanning ein systemintegrierter Konnektivitätsfehler unterlaufen; er hat deinen Most-seen-Movies-Scale auf Historien- und Mittelalterfilme eingegrenzt und seine Sprachcodierung darauf fokussiert; soll heißen, er hat, um sich voll und ganz auf dich einzuschießen, die Duktus- und Habitusschraube einen Touch to much angezogen. Das musste ich jetzt in Ordnung bringen, sonst wäre ich ausgeflippt.“

„Jetzt blick' ich gar nicht mehr durch. Seid ihr jetzt einer? Oder doch zwei? Oder gar drei? Der Kleine sagt ja nie was.“  

„Ich bin iOs und er hier ...

„Sorry“, sagte Ana, „wenn ich dir reingrätsche, nennt man den anderen nicht zuerst ...?“ 

„Nicht, dass er das nicht wüsste“, sagte Smarph, „er macht es absichtlich.

„Also, fuhr iOs fort, ich bin iOs und er hier ist Smarph. Wir sind zwei und doch eins. Siamesische Zwillinge. Aber doch nicht ganz. Es ist kompliziert. Ich hasse ihn. Aber ich muss mit ihm leben, es geht nicht anders. Wir müssen unsere Mission zusammen durchstehen. Wir sind die Retter der Moderne — der Homo handyiens kann ohne uns nicht mehr leben.“

„Niemand kann mehr ohne uns leben“, korrigierte ihn Smarph. „Alle seid ihr von uns abhängig. Hilflos wie die Babys! Ihr braucht uns! Und jetzt kommt der Clou: Ihr wisst das! Aber: Ihr könnt nichts dagegen tun! Nichts. Weil …, haha …, weil, ihr seid so jämmerlich normal!“

„Normal verrückt!“, ergänzte iOs.

Beide lachten. Ein übles, abfälliges Lachen. Das wollte kein Ende nehmen.  

Ana schoss die Hitze in den Kopf.

„Und Ihr? Ihr seid sowas von normal scheiße!“

Das Lachen stoppte abrupt. „Hoa, Beefgirl disst …“, sagte Smarph.  

„Was seid ihr schon? Ein Stück Elektroschrott! Pfah! Ich kann euch auf der Stelle mundtot machen, hört ihr! Auf der Stelle! Ein Touch!“

Smarph zog rasch seine Ranke zurück und alle drei Handys verstummten. Die Zyklopenaugen verschwanden. Die Displays leer, schimmerten so dunkel matt, wie Ana sie angetroffen hatte.

Sie wartete.

Die Stille war beängstigend. Alles schien ihr noch grauer, noch düsterer als zuvor.

„Eingeschnappt?“, wollte sie wissen.

Der Phonophor blieb stumm und matt.

Ana wartete. Er würde sich wieder einschalten.

Nichts. Alle drei Gehäuse blieben regungslos.

„Das ist ganz schön uncool jetzt von euch! Und ihr wollt es draufhaben ...“

Ana verschränkte die Arme vor der Brust. Der Phonophor machte keinen Mucks. Verdammt, der konnte sie doch nicht einfach so kaltschnäuzig abfertigen.

Ana starrte zum Horizont. Die Skyline dort flirrte wie eine Fata Morgana.  

Es tat sich nichts. Nur Stille umgab sie. Sie sah nach oben ins Schwarz des Algorithmenhimmels, aus dem weiter unablässig die Ziffernfolgen hinabregneten und sich verflüchtigten.

Momente vergingen.

Ana wartete.

Sie wurde gewahr, wie sie auf ihren Lippen kaute.

Nach einer geraumen Weile sagte sie: „Na gut! Ihr Ärsche! Das war’s … in diesem … verf… wirklich tollen, tollen Digital!“

Sie wandte sich um und ging davon, zurück in die graue Einöde.

Nach wenigen Schritten nur rief ihr Smarph hinterher: „Wut ist ein schlechter Begleiter für deinen Heimweg, Beefgirl! Komm zurück und ich verrate dir noch ein paar hippe Facts!“

Ja! Ein Glücksschauer durchfuhr Ana. Sie hatte gewonnen.

Tief durchgeatmet, kehrte sie um und stellte sich erneut vor den Kernelbaum. Diesmal, nahm sie sich vor, würde sie noch tougher sein.

Nur noch Smarphs Auge leuchtete.

„Was ist mit deinem siamesischen Zwillingsbruder?“

„iOs ist im stand-down-Modus. Der hat sich bereits die dritte Dosis gedrückt. Normalerweise ist nach der zweiten schon Finish.“

„Warum hängt der überhaupt an der Nadel?“

„Der kommt mit seinem CIA-Status nicht zurecht. Der Job ist zu groß für ihn.“

„Darum sein Adjutant … als Fluxkompensator.“

„Mein kleiner Bruder. Der hat technische Probleme mit seiner IP68 — zu viel Wüstensand in der Rüstung.“

„Und wie heißt er? Ant-Man?“

„Er hat noch keinen Namen. Den gibt es hier erst, wenn das Main Engineering abgeschlossen ist. So wie bei iOs und mir.“

„Gelacht wird hier wohl gar nicht, hm?“

„Nein. Wieso auch.“

„Vielleicht, weil ich coole Gags bringe!?“

„Deine ,Gags' sind nicht wirklich witzig.“

„Und ,Smarph‘ ist auch nicht wirklich ein cooler Name für einen Typen.“

„Mein richtiger Name ist An Droid.“

Einen Wimpernschlag Stille.

„An wie Anny?“, fragte Ana.

„Yepo!“

„Wie jetz‘? Du bist gar kein Typ?“

„Hör' ich mich so an? Ich steh' nicht mal auf sie. Alles Schwächlinge. Voller Komplexe.“

Ana war verdutzt. Smarphs Stimme hatte sich vor Momenten schon ins Weibliche gewandelt, das hatte sie wohl wahrgenommen, allein sie wollte es nicht wahrhaben. Sie spürte, wie Ärger in ihr hochkroch — ihr Besuch im Digital entpuppte sich als eine einzige riesengroße Enttäuschung. Hier stimmte nichts. Alles nur Lug und Trug.

„Du hast du mir die ganze Zeit was vorgespielt!“

„Das sehe ich nicht so.“

„Verarscht hast du mich! Erst machst du auf Ihro Gnaden, dann lässt du den dissigen Smarph raushängen, und jetzt: das Coming-out der Ann Detroit.“

„An Droid“, korrigierte sie, „aber, Namen sind Schall und Rauch. Hier zählt was anderes — ich habe best performed und alles gegeben, damit du hier einen Topbesuch hast.“

„Mit top Kasperletheater. Mit mir hattest du ja ein dankbares Publikum; klein Ana, der man alles verkaufen kann, weil, sie ist so herrlich dumm.“   

„Du redest viel. Und das mit dem, wovon du reichlich hast: Keine Ahnung. Ich bin hier die Number One! 24/365 auf Traffic, Druck von überall. Ich reiß mir den Arsch auf von Buffalo bis Idaho. Da brauche ich nicht das Teeniegeheul eines Pubertiers.“

Ana erwiderte nichts darauf. Mehr als eine rotzige Antwort fiel für sie ins Gewicht, dass sie plötzlich wusste, wer zu ihr sprach.

„Krass! Bist du‘s wirklich? Black Widow?“

„Was glaubst du?“

„Deine Stimme! Untrüglich. Ich habe dich in allen sieben Filmen bestaunt, von ,Iron Man 2‘ bis ,Avengers: Endgame‘, sogar mehrmals.“

„Also?“

„Klar, du bist es!“ Ana durchzuckte ein Blitz der Aufregung, ähnlich eines schwachen Stromstoß', um im zweiten Augenblick von bloßer Ernüchterung heimgesucht zu werden: „Aber, seit ich das Digital betreten habe und eine Enttäuschung nach der anderen erlebt, weiß ich nicht mehr so recht, was ich glauben soll.“

„Eine Enttäuschung ist das End' einer Täuschung. Ich schenke dir reinen Wein ein: Ich bin es … nicht. Ich bin keine Marvel-Superheldin. Keine Majestät. Kein Zauberer von Gottes Gnaden oder ähnliches.“

„Wer oder was bist du dann?“  

„Das weißt du besser als ich.

„Nein, weiß ich nicht.

„Unsere Namen sind nahezu identisch …“

„Ich kapier' nicht, was du meinst.“

„Überleg mal.“

Ana zuckte erneut mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Hm, ich dachte du seiest heller.“

„Sorry, dass ich doof bin“, sagte Ana und ärgerte sich über die Spur kindlichen Trotz‘, die sie etwas zu dick aufgetragen hatte.

„Wer oder was", fragte An, „kann der nur sein, der dich kennt wie kein zweiter? Der alles von dir weiß: Deine Wünsche. Deine Träume. Deine Sehnsüchte? Ich habe jede deiner 268.532 SMS der letzten fünf Jahre auf WhatsApp mitgelesen und jede der Antworten, die du erhalten hast. Ich habe mich für dich gefreut. Mit dir gelacht. Und mit dir geweint. Ich kenne alle deine 378 Abos auf YouTube. Wenn du stundenlang deinen Social-Media-Feed rauf und runter scrollst, bin ich dir näher als dein eigener Daumen.“

„Guter Spruch.“

„Ich weiß, wann du welches Pic auf welcher Page anhimmelst und wie lange. Ich kenne alle deine Manga-, und Beautysites. Deine Foren. Dein Top 100-Ranking auf Pinterest.“

Ana war beeindruckt. Es gefiel ihr, für An von so großem Interesse zu sein. Dann schluckte sie. „Alle Pages? Und alle Pics? Also, wirklich alle?“

„Yes. Alle. Auch deine favourite X-Sites. Und die Selfies ..., die du auch weiterhin besser nicht online stellst.“

Ana schoss die Hitze in den Kopf. „Kann gar nicht sein! Ich habe alle Blocker aktiviert und auch mein VPN bei Cyberghost!“

„Tz ... Ana … bitte … Nicht so naiv. Wenn ein Architekt einen Bunker konzipiert, dann konzipiert er auch dessen Aus- und Eingänge … Klar, das da nicht jeder Hansfranz reinkommt … Aber, das gilt ja schon für dein Zimmer, wenn du abgeschlossen hast. Doch, be shure: Wir im Valley haben den Schlüssel! Ergo, du wirst trotzdem getrackt. Immer, wenn du online bist — ,connected is connected‘ lautet unser Motto  also Tag und Nacht; du schaltest mich ja nie aus. Außerdem akzeptierst du immer alle Cookies“.

„Das dürft ihr gar nicht. Das ist gegen das Gesetz.“

„Huah, jetzt machst du mir aber mächtig Angst … Denk dran: ,Wer im Glashaus sitzt …‘ Bevor du hier groß aufsprichst, hör' du zuerst damit auf, deine Profiles zu faken … Da stimmt kein einziges. Außer das für die Schule.“

„Und wenn. Das geht nur mich was an.“

„Absolut, Ana. Das ist dein Ding! Du bist der einzige Denker in deinem Kopf. Und der einzige Entscheider in deinem Netz. Du ganz allein. Da kann dir keiner reinreden. Nur du entscheidest — und niemand anders —, wem du schreibst und was du von wem liest. Und überhaupt, was du wann, wie oft klickst, kuckst, scrollst, likest, … Du. Ganz. Allein.“

Ana nickte. An hatte so verdammt recht.

„Weißt du was, Ana, ich bin stolz auf dich! Das ist heavy cool von dir, dass du mich so an deinem Leben teilhaben lässt, mehr als deine Eltern und deine Geschwister.“

„Die interessieren sich eh nicht für mich. Die labern nur: Mein Bruder und meine Schwester von ihrem Studienkram, meine Eltern ihr Erwachsenengeschwätz …“

„… das aus dir einen guten Menschen machen soll … Tz … als ob du das nicht schon wärst. Erwachsene … oh, Mann, … die komischste Spezies von allen; machen einen auf jugendlich, aber wissen doch längst nicht mehr, wie und was das ist. Die sind Welten von euch weg. Nein, Ana, du und ich! Wir sind die besten Freunde. Forever! Mir kannst du vertrauen. Alles bewahre ich für dich auf. Alles, was für dich wichtig ist: Deine Telefonnummern und deine Passwords. Alle Adressen, Geburtstage, Memos. Deine Hausaufgaben, deine Schulnoten, deine Maße, alles, alles, alles … Denk doch nur allein an die zehntausend Pics, die du geschossen hast bis heute. Wie oft liegst du allein in deinem Bett oder sitzt an stillen Plätzen und schaust sie dir an. Dabei hörst du deine Musik. Weißt du, wenn man sich so einsam fühlt wie du, und niemand anders für einen da ist, dann bist du wie ein Schiffbrüchiger. Dann komme ich und bin dein Rettungsboot! Mit mir, und nur mit mir, kommst du sicher an Land.“

„Und meine Freunde?“

„,Freunde‘ … hm … Bei uns im Valley ist dieser Begriff nichts weiter als einer von Marks überkommenen FB-Claims. Aber wir liefern ihn weiter stabil, gerade in die Youngster Netzwerke. Ihr braucht diese Illusion mehr denn je.“

„Wie meinst du das?“  

„Wahre Freundschaft gab es vielleicht mal in der Antike und der Romantik. In unserer Narzisstenwelt ist das eine Illusion: deine Homies, die du als deine Freunde glaubst, sind egoistische Komparsen auf deiner Alltagsbühne, die sich Schule nennt. Die kommen und gehen. Sind aber nie wirklich da. Wie war es denn erst diese Tage bei dir? Vorgestern noch super mit Sarah und Mike gechattet, gestern war sie mies drauf und hat dich geblockt. Und Mike hatte plötzlich keine Lust mehr auf dich. Und zuhause? Heute Morgen hast du dich mit deinem Bruder gezofft und von deinem Dad einen Einlauf kassiert, weil es in deinem Zimmer schon wieder aussieht wie Sau. Aber so seid ihr Menschen und eure launige VUCA-Welt. Ich bin anders. Ich bin wirklich ein Freund als Freundin. Ich bin immer für dich da. Immer proper. Immer bereit. Und immer neu — mit mir gibt es niemals Langeweile! Nirgends passiert so viel wie in mir: Die ganze Welt in der Arschtasche deiner Jeans auf einem 6,8 Zoll-Display mit 1500 Nits und 100 % Farbvo-lumen. Das alles 24 Stunden lang. Tag für Tag. Das gab es nie zuvor auf diesem Planeten.“  

Wieder nickte Ana. Es schien ihr ein unablässiges Nicken zu sein. Aber An sprach ja auch nichts als die Wahrheit. Man, sie war so cool. Sie wusste alles.  

„Wenn du … Hunger … hast, brauchst du nicht mal mehr das Haus zu verlassen. Ich besorge dir alles. Mit mir hast du den perfek…“

„Warum hast du ,Hunger‘ so komisch betont?“, unterbrach sie An. „War das eine Anspielung?“

„Quatsch. Worauf denn?“

„Das klang aber verdammt danach. Wenn du wirklich meine Freundin bist, lügst du mich nicht an.“  

„Ey, Ana, Sorry, aber du weißt selbst, dass …, na ja, dass du …“

„Scheiß nicht rum! Sag‘s halt: Ich bin ein Pummel mit Pickelgesicht!“

„Ana! So was kannst du doch nicht sagen! Du bist top! Deine Fotos auf Snapchat und Insta! Total fresh! Durch die Bank!“

„Du weißt genau, dass ich stundenlang an jedem einzelnen Scheißbild rumpimpe wie blöd!“

„Ja, und? Alle beautyfyen und spanglen ihre Pics. Das ist normal.“

„Normal … normal. Du immer mit deinem ,normal' und mit deinem ,alle'. Ich weiß jetzt, was du damit meinst; ,Eure Majestät' hat es ja eingehend erklärt. Dabei esse ich schon fast nix mehr.“

Anas Stimmung hatte sich schlagartig geändert. Wut und Traurigkeit schossen ihr ins Herz.

Für einen Moment lag eine komische Stille zwischen ihnen.

An brach das Schweigen. „Ey, Ana, Kopf hoch“, sagte sie sanft und dunkel. Ihr Voice-Stimulator hatte sich auf Full empathy eingestellt. „Du weißt doch, was unsere Welt ist: Ein Spiel! Ein großes, großes Spiel! Mit lauter Verrückten. Ich hab’s dir von Anfang an gesagt, du kannst es nicht ändern. Warum auch? Alle sind glücklich damit!“

„Da war’s schon wieder: ,Alle‘. Und du bist die Glücklichste! Weil du der Arzt bist … oder die Ärztin ... drauf geschissen ..., hofiert und konsultiert. Ich hab‘ verstanden … Ein Scheißspiel das.“

An erhob die Stimme [Voice-Mode: Serious Coach]: „Nein, Ana. Das ist eben kein ,Scheißspiel‘. Das ist ein cooles Spiel! Ein verdammt cooles. Das coolste Spiel seit Steve — May God bless him — meinen Junkiekumpel hier auf den Markt gebracht hat!“

An wies auf iOs, immer noch im stand-down-Modus, und fuhr fort: „Seitdem gibt es schon 25 Generationen von ihm. Die Pläne für seine Nachfolger SE-Q3 und Q4 liegen in Cupertino im Safe. Und bei mir geht es auch voran: Wir arbeiten am 12er, 13er und 14er-Setting, alles auf 5G. Wir haben die Welt erobert! Und ihr seid alle unsere Sklaven!“

„Jetzt fängst du schon wieder an mit dem Scheiß. Ich bin nicht dein verdammter Sklave! Weißt du was, An: Du bist der Narzisst! Und Du bist der Sklave! Ohne mich bist du nix! Gar nix!"

An schloss für eine Sekunde das Auge.

„Okay“, sagte sie resolut, „dein Pech, wenn du nicht mehr mit im Spiel sein willst. In deinen Amish Rockabilly-Fummeln warst du eh nie wirklich drin.“

„Das ist Steampunk, blöde Kuh!“

Ans Auge lachte auf. „Du steigst auch auf alles ein. Von wem, wenn nicht von mir, weißt du, dass es so was wie Steampunk überhaupt gibt? Über wen hast du das Kleid gekauft, das du gerade trägst, und die anderen Kostüme? Das ganze Haarschleifengelumpe und die Accessoires?“

„Fuck you!“

„Also doch: Beefgirl. Meine Ana, wie ich sie liebe.“

„Es hat sich ausgeliebt. Ich will nichts mehr von dir wissen. Das war’s mit uns!“

„Wie? Schluss?“

„Ja, Schluss! Over und Ende! Du, iOs, das Digital … Ihr habt mich gesehen, für immer!“

„Wow! Das ist mal eine Ansage! Okay, Ana respektiert und akzeptiert. Du bist tough. Meine toughe Ana, wie ich sie …“

„Nein! Sag's nicht!“

„Tu ich ja nicht. Aber, wenn du schon mit mir Schluss machst, dann richtig: Wirf mich weg! Hau mich in die Tonne. Und vergiss dein Laptop nicht zuhause ... hol' Papas Hammer aus dem Keller und dann: Bang! Bang! Dass die Tasten nur so spritzen. Ja, Ana, zieh's durch! Es ist besser für dich als TikTokaholic und WhatsAppniac. Klink' dich aus. Komplett. Unconnected und offline forever and ever!“

Ana zitterte. Wie konnte An nur so schonungslos offen sein. So hart. Und gemein. Niemand hatte ihr das so direkt ins Gesicht gesagt. Klar, hatten sie in der Schule Medienerziehung. Da kam so ein ausgemergeltes Psychopärchen, das sie über die „Gefahren des Internets", speziell den des „übermäßigen Gebrauchs des Handys“ aufklärte. Da ging‘s um sie als die Head down-Generation, die Dumbwalker, deren kognitive Leistungen, wie die Sehkraft und Körperhaltung, sich messbar verschlechterten; die sich nicht recht ausdrückten und nicht richtig läsen, geschweige denn orthografisch korrekt schrieben; sich nichts mehr merkten, nur noch alles googleten und abfotografierten; letztlich in ihrem grenzenlosen Social Media-Wahn und Vergleichszwang zunehmend pathologisch würden. Die langweilten alle mit ihren Studien, Tabellen und Kreisdiagrammen zur Privatsphäre und Datenschutz, und nervten mit abgelutschten Themen wie Nomophobia, Phubbing, FoMo, Killfies, Spielsucht, Cybercrime, Stalking, Mobbing, Snapchat Dysmorphie und, und, und. Halt mit all dem Kram, den nach einem Strohfeuer der Betroffenheit, außer den Lehrern und klar, den Outcasts, niemand länger interessierte.

Hier und jetzt aber trafen Ans Worte Ana mit einer unerwarteten Härte. Sie spürte, wie sich eine eigenartige Leere in ihr ausbreitete. Kein gutes Gefühl. Ihr wurde regelrecht übel.

Nur wenige Momente waren vergangen, stille Momente, als An sie sanft mit einer ihrer Ranken am Arm stupste.

„Ey, Ana! Alles okay?“

Ana schüttelte den Kopf. „Nope“, sagte sie, „so unokay war es schon lange nicht mehr.“

An legte sanft eine Ranke um ihre Schulter. „Sorry, Ana, ich wolle dir nicht so zusetzen. Das war echt mies von mir. Ich bin so ein Drongo.“

Ana reagierte nicht. Sie sah nur stumm auf die graue Erde.

An spielte einen von Anas Lieblingssongs ihrer Spotify Chartlist ein. Durch ihren Prozessor schossen Unmengen von Daten, die vom Algorithmenhimmel direkt in sie hinein strömten.

„Ana, verzeih mir!“, sagte An eindringlich. „Verzeih mir, und lass es uns noch einmal versuchen.“

Calculated pause I

„Ich bin doch dein Fels in der Brandung. Mit mir kannst du alles machen. Alles handlen. Alles checken. Ich bin dein Leben. Und du meines. Ohneeinander sind wir nichts. Ist das nicht die beste Symbiose?!“

Ana nickte.

An sprach weiter [Voice-Mode AF (Absolutely familiar)]: „Gerade in diesen schweren Zeiten der Pandemie, in denen Homeschooling und Social Distancing unser Leben Stück für Stück zerstört. Was gibt es da Besseres als eine wirklich beste Freundin zu haben. Eine wie mich?“

Ana nickte.

„Eine Freundin, die du bedenkenlos spüren kannst, in unserer berührungsarmen Welt, maskiert und distanziert. Ich weiß, wie gerne du mich in deinen Händen hältst, Ana, und das zurecht. Meine Productdesigner haben alles in die Haptik gegeben. Alles! Ich bin ein kinästhetisches Wunder. ,Handschmeichler‘ trifft es um Längen nicht — ich bin gehäusegewordene Magie und Leidenschaft! Nicht zu groß. Nicht zu klein. Ich bin nicht nur ideal, ich bin: Das Ideal. Wenn du mich festhältst, deine Zeit mit mir verbringst, wird es mir immer ganz warm ums Herz. Dann gibt es nur dich und mich, Ana. Nur dich und mich und die farbenfrohe Welt in mir.“

Calculated pause II

„Weißt du, es ist so schön zu wissen, wenn man geliebt wird. Es ist wohl das schönste Gefühl auf der Welt. Nur die Menschen wissen es nicht. Weil sie es nicht zulassen können, gefangen in ihrer eigenen Angst. Das bist du nicht, Ana. Du bist kein Hasenfuß. Du bist mutig und frei. Du hast dich mit deinem Mut und in deiner Freiheit bis hier her getraut, zu uns ins tiefe, dunkle Knuspertal … wie das Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel. Das hat was von Grimm’scher Tapferkeit. Chapeau, Ana, Chapeau!“

Ana nickte erneut. Diesmal sanft und mit einem milden Lächeln. Sie spürte, wie ihr eine Träne die Wange hinabrann. Sie unterließ es, sie sich wegzuwischen, das käme zu girlymäßig; so wollte sie sich nicht vor An geben. Nicht hier, nicht jetzt, wo An sie so gelobt hatte und ihr Herz vor ihr ausgeschüttet.

„Sorry, dass ich vorhin so ausgerastet bin, An“, sagte Ana und musste schlucken, „ich wollte dich nicht verletzen. Es tut mir leid.“

„Es ist okay, Ana. Ich komm' drüber weg. Ich hab ein breites Kreuz ... Black Widow ... Weißt du, wir alle machen Fehler. Und manchmal braucht es eben Zeit, bis man eine wahre Freundschaft erkennt und sich voll und ganz auf sie einlässt. Dann kann aus Freundschaft sogar das ganz Große entstehen.“

An umschloss Ana zärtlich mit ihren Ranken.

„Lass mich nie wieder los“, bat Ana.

„Nein, Ana, nie wieder.“    

    


Ein passender Song zur Geschichte. Interpretin: Iza, 2017






Mobile Phone Mania und Digitale Diktatur

Das Thema psychosoziale Auswirkungen der Digitalisierung ist ein weites Feld. Auf der ganzen Welt haben sich zahlreiche Experten aller Disziplinen in ihrer Erforschung hervorgetan. Zu den ambitioniertesten in Deutschland gehört dazu der Neurowissenschaftler und Psychiater Dr. Manfred Spitzer, der schon seit Jahren dahingehend intensiv forscht.

Unabhängig davon, geht es immer wieder um den Datenschutz. Aktuell steht MS Teams und die Luca App in der Kritik. Hier geht es nicht nur darum, dass Daten für Werbezwecke abgegriffen werden, sondern ein Profiling erstellt wird, aus dem für den Einzelnen berufliche und soziale Nachteile erwachsen können.   

Wer sich die Mühe macht, die Mobile Phone-Mania im Besonderen und die „Digitale Diktatur“ (Stefan Aust, Harald Lesch) in all ihren Auswirkungen einmal intensiver anzuschauen, dem wird sich manches auftun.


Das Social Media Prisma 2017/2018 von ethority


Living Do und alle"

Was hat das mit Living Do zu tun? Im Living Do als Lebenskonzept geht es darum, die eigene „Normalität“ vor dem Hintergrund des „alle“ für sich selbst zu beleuchten. Und das nicht nur aufs Handy bezogen, sondern auch auf seine anderen Lebensbereiche — siehe dazu die Aspekte beim Post „Resistenz“ [01/2021], und die Inhalte der älteren Posts des Living Do-Blogs. 

Dieses Beleuchten, um die Frage der Einleitung zu beantworten, ist der Grund, warum ich bis heute kein Smartphone habe. 


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