Donnerstag, 1. April 2021

SEI WIND UND WEIDE. KÄMPFE, OHNE ZU KÄMPFEN

Die Krise lässt weiterhin und stetig ihren Wind durchs Land wehen. Er weht in alle Himmelsrichtungen. Durch alle Bevölkerungsschichten. Und: In allen Stärken — naturgemäß sind von diesen auf der Beaufortskala* die äußersten Gegensätze [Windstärke 0 und 12] am auffälligsten. Das gilt auch für ihren psychologischen Transfer in den (Corona-)Alltag: Windstille [0] entspricht Lethargie und Phlegma als Zeichen von  Resignation und Erschöpfung. Orkan [12] entspricht grenzwertigem bis gefährlichem Aktionismus als Kompensation von Überforderung. Gleichermaßen sind beide Extreme in ihren unterschiedlichsten Ausdrucksformen letztlich Symptome von HilflosigkeitJe nach dem Grad der persönlichen Betroffenheit und der eigenen Resistenz (—>  Januar-Post 2021) führen beide Extreme nicht selten bis in die Verzweiflung. 

Dass es soweit nicht kommen muss, bestenfalls sich Positives für eine persönliche Transformation finden lässt, davon handelt dieser Post.     


 




Maxime des Living Do - Impulsgeber

Kann bei so einer Misere eine Maxime wie die des Living Do „Sei Wind und Weide. Kämpfe, ohne zu kämpfen.“ bei der Bewältigung (warum ich nicht "im Kampf gegen die Krise oder "im Kampf gegen das Virus" schreibe, erschließt sich im Folgenden) dieser schweren Zeit helfen? Ein paar (zen-)philosophisch anmutende Worte, die ihre Aussage noch nicht einmal klar auf den Punkt bringen, wie zum Beispiel: „Was Du tust, das tue ganz.“, sondern ihre Botschaft verschlüsselt einhertragen und damit Anstrengung abverlangen, ihren Sinn zu erfassen? 

Ja. Die Maxime des Living Do kann helfen. Sie kann Impulse geben und einen Beitrag leisten, die Krise als schmerzliche Offenbarung des Lebens mit wache(re)n Augen zu sehen und besser mit ihren Erscheinungen umzugehen. Dass das nicht aus sich selbst heraus geschehen kann und ohne eigenes Zutun, wie bei einem und durch einen Zauberspruch, ist selbstredend. Es braucht einige ,Dinge' dazu. Welche, folgt in den weiteren Abschnitten.       






Mechanik des Lebens - Verständnis

Für die Symbolik und damit für die Botschaft der Living Do-Maxime braucht es Verständnis; wie es ein solches braucht sowohl für Symbolik allgemein als auch für das Wesen des Living Do an sich. Es braucht für alles in der Welt Verständnis, will man ihrer komplexen Mechanik beikommen: Wie beim Räderwerk einer Uhr, bei dem ein Zahnrad ins andere greift, verhält es sich mit dem Leben. Hier allerdings greifen unendlich viele Zahnräder ineinander.





Kausalität - Lückenlose Verkettung und Abschluss

Mit Verständnisfähigkeit und Auffassungsgabe allein ist es nicht getan. Mehr als kognitive Fähigkeit ist nötig, wenn spirituelle Botschaften letztlich in Aktion münden, idealerweise gelebt werden sollen.

Verständnisfähigkeit ist der dritte von fünf Aspekten der folgenden Kausalkette. Dabei gilt, dass die Negation " ( steht hier für „heißt nicht/ist nicht") des Folgeaspekts vom vorangegangenen Aspekt aufgehoben sein muss.  

 

Gesagt/geschrieben ≠ gehört/gelesen — Gehört/gelesen ≠ verstanden — Verstanden ≠ verinnerlicht — Verinnerlicht ≠ getan — Getan ≠ von Herzen gelebt


Die spirituellen Lehrer aller Epochen wussten um die Bedeutungsschwere dieser Kausalkette. Was nutzten und nutzen ihre Weisheiten, wenn die Kette bei den Rezipienten nicht bis an ihr Ende gelangt?


Thermik im Fallwind der Misere - Hoffnung

Trotz des Gefahr Laufens, von der Mehrheit nicht gehört/gelesen, verstanden, … worden zu sein, ließen die großen Meister nicht ab von ihren Lehren und von ihrem Lehren. Sie waren von der Hoffnung getragen, dass ein Teil, so klein er auch sein mochte, ihre Botschaften leben würde, die Kette vollenden und damit die Welt ein wenig besser machen. Für diesen kleinen Teil lehrten sie. Mit dem Living Do und seinen Living Dojin ist es ebenso. Hoffnung erzeugt, um im Bild zu bleiben, Thermik im Fallwind der Misere.   






Sei Wind und Weide." - Tiefe

Ausgehend von der überlieferten Jiu-Jitsu-Maxime „Nachgeben, um zu siegen“ und dem dazugehörigen tradierten Beispiel der biegsamen Weide, die, sich wiegend, den Sturm überstand, während die starre Eiche in ihrem Widerstand brach, wurde mir beim Entwickeln des Living Do gewahr, dass die Maxime nur auf das technische Anwendungsprinzip dieser Kampfkunst abzielt, nicht aber die von mir hineingegebene spirituelle Essenz als gelebte Wegkunst kommuniziert. Eine Ergänzung des tradierten Grundsatzes war nötig. Diese Erkenntnis mündete in die genuine Living Do-Maxime „Sei Wind und Weide."    


Das Wechselspiel zwischen Uke und Tori - Annehmen und Loslassen

Für ein lebendiges (living) Miteinander bedarf es mehr als nur nachzugeben — kein Yin ohne Yang. Es bedarf des Windes, der die Weide sich wiegen macht. Es bedarf der Weide, um dem Wind eine Aktionsfläche zu geben.

Übertragen auf unsere Wegkunst Jiu-Jitsu, beziehungsweise auf die interaktiven Do-Künste allgemein, heißt das, damit überhaupt eine Wechselwirkung entstehen kann, braucht es einen „Angreifer" (jap. Uke) und einen „Verteidiger" (jap. Tori). Ich schreibe beide Akteure in Anführungszeichen, weil es hier nicht um einen realen Kampf geht, im Gegenteil. 

Beide, Uke und Tori, sind sowohl Wind und Weide: Beide bewegen sich in festgelegten Angriffs- und Verteidigungs-Mustern. Uke greift an, und gibt damit seine Energie an Tori. Tori nimmt Ukes Angriffs-Energie an, beziehungsweise auf. Jetzt wendet sich das Blatt: Tori gibt seine Verteidigungsenergie an Uke. Uke lässt von seiner Position als "Angreifer" los. Er ist jetzt der Annehmende. Er nimmt die Verteidigungs-Energie von Tori auf: Er lässt geschehen, er lässt sich werfen, hebeln oder festlegen. Nach einer abgeschlossenen Technikfolge werde die Rollen gewechselt: Der Wind wird zur Weide, die Weide wird zum Wind.


 

Kämpfen, ohne zu kämpfen ist Geben und Nehmen in ständigem Wechsel 

 

(Krisen-)Winde - Allgegenwart

Wer das Wind-Weide-Prinzip als Living Dojin erkannt hat, erkennt, dass überall in unserem Leben dieses Prinzip wirkt: Überall wehen Winde in allen erdenklichen Formen, findet ein Geben und Nehmen, ein Austausch von Energien statt. 

Die Corona-Pandemie ist seit einem Jahr der vorherrschende Wind — und er wird es wohl noch länger bleiben — aber er ist nicht der einzige ... Die weithin bekannten gesellschaftlichen Winde, die unser Leben durchweh(t)en bis durchstürm(t)en, sind allgemein bekannt. 

Die Energie dieser (Krisen-)Winde in all ihren psychologischen und soziologischen Formen nehmen wir zwangsläufig mehr oder weniger auf: Wir sind Weide. Wir wiegen uns und bleiben im Wiegen standhaft. Wir brechen nicht wie die starre Eiche. 


Von der Weide zum Wind - Eigenermächtigung

Doch beim sich Wiegen, beim Weide sein, bleibt es nicht. Auch wir sind Wind. Auch wir sind Energie. Wir sind nicht nur Reagierende, sondern auch Agierende. Wir erzeugen unseren eigenen Wind, machen uns selbst wiegen in der Sicherheit, dass in dem geflügelten Wort von der Krise als Chance auch für uns eine Wahrheit zu finden ist. 

Wir müssen nicht unbedingt mit Windstärke 12 agieren, im Gegenteil, oft sind weniger Windstärken besser; sie sind ökonomischer und weil weniger mächtig, zielführender zu handhaben  — den Wind als transzendierte Form der Energie habe ich bereits 2001 in meinem Buch Arashi-Power thematisiert. Die eingesetzten Windstärken sollten idealerweise kontinuierlich wehen — Kontinuität ist ein Aspekt der K-Triade der 8 Triaden des Living Do (Konzentration - Klarheit - Kontinuität).             

 






Kämpfe, ohne zu kämpfen." - Transzendieren I

Bei uns im Living Dojo ,kämpfen' wir — wenn wir unser Jiu-Jitsu als Wettkampfsport betreiben — miteinander nicht gegeneinander. „Sieg“ oder „Niederlage“ gibt es in diesem Kontext nicht. Für uns als Living Dojin ist der Jiu-Jitsu-,Kampf' ein kultivierter Prozess körperlicher Auseinandersetzung: was für Unkundige vordergründig roh erscheinen mag — wir fassen – werfen – fallen – umklammern – scheren – hebeln – würgen —, ist unter der Oberfläche das Gegenteil; eine Synergie von ethischem Moment und körperlichem Ausdruck: Sanftheit in der scheinbaren Rohheit — wir spielen kämpfen. 

In diesem Spiel sind wir gelebte Verbindung: Wir verbinden nicht nur unseren Geist mit unserem Körper, wir stellen durch den achtsamen Umgang mit unserem ,Kampf'-Partner eine Verbindung her zwischen ihm und uns. Dadurch verlassen wir die kompetitive Ebene und erhöhen unser Tun auf eine ethische, die sich einem bloßen Wettkampfsportler, der, seinem Narzissmus anheimgefallen, bloß und einzig auf seinen eigenen Sieg aus ist, nicht zu erschließen vermag — Embodiment wird zu Embudoment.


 





Miteinander nicht gegeneinander - Transzendieren II

Der Alltag ist nicht unser Gegner. Das Leben ist nicht unser Rivale. Corona ist nicht unser Feind. Wir kämpfen nicht gegen den Alltag. Nicht gegen das Leben. Nicht gegen das Virus. Sondern wir ,kämpfen' im Sinne der Living Do-Philosophie mit ihnen. Die Weide neigt sich mit dem Wind, sie stellt sich nicht gegen ihn. Jeder Segler oder auch Radfahrer und Wanderer weiß, dass das Segeln, Fahren oder Wandern mit dem Wind Kräfte addiert: die eigene Kraft plus die Windkraft, während das Segeln, Radeln, Wandern gegen den Wind Kräfte zehrt ...  

Anmerkung: Die Anführungszeichen bei den einschlägigen Begriffen sind jeweils bewusst geschrieben oder weggelassen. Wann und weshalb erschließt sich aus dem Kontext. 

Der ,Kampf' mit sich selbst, das ,Ringen' mit seiner eigenen Begrenztheit ist nicht dasselbe wie der Kampf gegen sich selbst. Wenn ich gegen mich oder gegen andere kämpfe, kann es, wie uns die Erfahrung lehrt/e, je nachdem wie stark und wie lange der Kampf wütet, zu üblen Auswirkungen kommen.* Überdies hat dies wohl jeder, der seine eigenen Kräfte auslotete und bis an seine Grenzen geriet, erfahren — in meinem Bekanntenkreis finden sich einige, die diesem Kampf gegen sich (und [vermeintlich] gegen andere) unterlagen und bis heute Reparationen leisten. Die Gründe lassen sich eruieren, die Mechanismen dahinter sind erforscht. Näher Interessierten seien dazu die Publikationen von HJ Maaz empfohlen.  

*Beispiele für diese Auswirkungen habe ich in meinem Post Heart of Gold unter Das Werk des dunklen Maschinenherzens aufgezählt; s. Heart of Gold


Platon und Aristoteles - Differenzieren und Weiterdenken

Die Idee vom Kampf gegen jemanden oder gegen etwas, haben wir uns in vieltausendjähriger Menschheitsgeschichte durch tradierte Mythen selbst eingebläut. Durch das Schaffen von Analogien anhand unzähliger Beispiele aus der Natur, hat unsere Spezies die „Idee des Kampfes gegen ..." zu einem Gesetz erhoben. 

Der Archetypus vom Feind und dem Kampf gegen ihn, ist so tief in den Steintafeln unserer streithaften Überlebensgenetik eingemeißelt, dass es ohne den entsprechenden spirituellen Überbau mitunter unmöglich scheint, anders herum zu denken, gar zu fühlen, und uns auf friedvolles Miteinander-,Kämpfen' umzuprogrammieren. 

Bis zum heutigen Tag wird dieser Archetypus und dieses ,Gesetz' in allen Formen menschlicher Kultur aufrechterhalten: Durch Literatur, durch Filme, durch Rap-Genres, etc. findet eine offene wie versteckte Heroisierung, Glorifizierung und Idealisierung des Gewaltsamen, des Kampfes gegen ... statt. Die Medien, in all ihren Formen, dahingehend zu einem manipulativen Krebsgeschwür mutiert, streuen in ihrer durch die Digitalisierung möglichgemachten Omnipräsenz flächendeckend Metastasen in unsere Köpfe und in unsere Herzen — es fand und findet keine Gehirnwäsche statt, sondern das Gegenteil: eine akute Gehirnverdreckung und Herzverwucherung.         







Mahatma Gandhi - Mut - Entschlossenheit - Großes Herz
Das Beispiel für Kämpfen, ohne zu kämpfen." ist wohl Mahatma Gandhi (1869 - 1948). Seine Synergie von Intellektualität (Rechtsanwalt und Publizist), Askese (Hindu) und Pazifismus ließ ihn durch Mut, Entschlossenheit und vor allem durch das große Herz zum geistigen wie politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung werden. 

Gandhi kultivierte eine Geisteshaltung, in Indien als Ahimsa bezeichnet, die grundsätzlich das Schädigen und Verletzen von Lebewesen aller Art vermeidet. Nach der buddhistischen Lehre gehören auch negative Gedanken, Hass und Lüge dazu. Gandhi war der festen Überzeugung, dass jeder Mensch durch beharrliches sich Üben in den Tugenden lernt, mit sich selbst und anderen in Frieden zu leben. Aus Jiu-Jitsu leben (2011), Kapitel „Dō – Entscheidung für den Frieden", S. 105





Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den Kinofilm Gandhi von 1982 ansehen. Dieser zeigt in ausdrucksstarken Szenen vom seinem Leben und Wirken. 


Kreise schließen - Muße

Im Abschnitt Impulsgeber versprach ich Anregungen zur Hilfe bei der Krisenbewältigung, „Dinge", derer es dazu bedarf. Sie stehen blau gesetzt in den Titeln der einzelnen Abschnitte und stecken in den Abschnitten selbst. Um sie herauszulesen, braucht es Muße. Muße braucht innere Ruhe. Innere Ruhe braucht äußere. Wobei wir wieder bei den Aspekten der Resistenz sind. 

Die Welt ist voller Kreise. Sorgen wir dafür, dass sich zumindest unsere Kreise schließen.  








Die Brise des Friedens

Keiner weiß, was die Zukunft mit oder ohne Corona bringt. Das sehnlichste Wünschen nach dem ,alten Leben‘ wird wie muss zwangsläufig ungehört bleiben. Vergangenheit ist Vergangenheit.  

Was mit großer Wahrscheinlichkeit — dennoch nicht mit absoluter Sicherheit — für jeden von uns sein wird ist, dass es ein Morgen geben wird. Und ein Übermorgen. 

Wie wir diesem Morgen begegnen und wie wir ihn gestalten werden, ist uns ganz allein anheimgegeben. 

Winde [6-8], Stürme [9-11] und Orkane[12] werden weiterhin wehen. Wir werden uns weiterhin wiegen, weiterhin kämpfen, ohne zu kämpfen ... 

... bis die Große Brise des Friedens einkehrt. 


Cat Stevens - „The Wind"

Zum Ausklang des heutigen Posts ein passender Song aus den frühen 1970ern. Es gibt einige Lieder aus dieser Zeit, in denen der Wind eine Rolle spielt. Ich habe mich für The Wind von Cat Stevens entschieden, dessen gefühlvolle Lieder haben mich schon in meiner Jugend begleitet.






*Laut der Beaufortskala, die ich auch in Arashi-Power hergenommen habe, sind es 12 Windstärken. Diese wurden später um fünf weitere Stärken auf 17 ergänzt.


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