Sonntag, 20. Dezember 2020

 

Flieg Robert, flieg!

Dieser im Corona-Jahr 2020 letzte Post besteht aus zwei Hälften: Einem kritischen Kommentar und einer dem Titel zugehörigen Kurzdoku mit bisher unveröffentlichtem Material. Er schließt den Kreis mit der Living Do eigenen Philosophie.




#besonderehelden

Eine Corona-Kampagne der Regierung unter „#besonderehelden“ machte bundesweit von sich reden. Die Diskussionen darüber sind medial bereits abgefrühstückt, geschuldet der schnelllebigen Alltagstaktung, die uns in die Oberflächlichkeit prügelt wie den Sträfling vom Wärter in die Zelle.

Nicht diskutiert wurde über die offen-latente Botschaft der Kampagne. Diese Botschaft hinter dem Plakativen ist es aber, die sich ins Unterbewusstsein drängt — und nachklingt, egal ob abgefrühstückt oder noch auf dem Butterbrot. Das trägt schwer psychologisch und soziologisch. Deswegen ist es Gegenstand dieses Posts.


Die Sache

Das Streitobjekt: Corona-Kampagne
Der Auftraggeber: Die Bundesregierung
Der Auftragnehmer: Medienprofis
Die Zielgruppe: Generation Z
Der Auftrag: „Kommunizieren Sie den jungen Leute da draußen, sie sollen zuhause bleiben, damit das Coronavirus sich nicht weiterverbreitet.“
Der Titel: #besonderehelden
Das Medium: Drei Video-Clips jeweils von circa 1 ½ Minuten Länge

Hier die Links zu den Clips:

1.  Tobi

2. Anton

3. Luise


Gen Z

Die Clips werden zwar von verschiedenen Alterskohorten gesehen, peilen aber eine ganz bestimmte an: Junge Erwachsene um die 20 — Die [Vertreter der] Generation Z, kurz Gen Z.

Unzählige Arbeiten, Studien, Artikel, … sind weltweit über diese Generation Z geschrieben worden. Als Nachfolger der Generation X und der Gen Y ist sie wie auch ihre Vorgänger, ein wesentlicher Faktor in der Bildung und damit in der Wirtschaft. Aus ihr generieren sich neue High Potentials wie auch Opfer des Leistungssystems.

Weder abgezielt auf die Schicht ,gehobene Bildungsbürger‘ noch auf deren Kontrapunkt ,sozial schwache Randgruppen‘, rekrutiert sich das Gros der Gen Z aus dem breiten Feld der Mitte.

Dieses soll mit den drei Clips als seinem Spiegel [!] abgeholt, getroffen, ja sogar motiviert werden.


Zerrspiegel

Drei Vertreter für den repräsentativen Querschnitt der Gen Z? Wir sehen den „faulen Tobi“, [20], einen Basecapfetischisten, der autistisch im PC-Game gefangen, kalte Ravioli aus der Büchse löffelt, weil „zu faul, sie mir warm zu machen“, und ein junges Pärchen, Luise [?] und Anton [22], der auf dem Sofa oder Bett liegend und TV zappend Chips ist, Cola trinkt oder frittiertes KFC-Aas vertilgt. Luise scheint sich noch nach draußen gewagt zu haben, um für sich und ihren salutierenden Freund eine Pizza zu besorgen, aber auch sie kapituliert letztlich, schließt das Fenster und nimmt kommentarlos hin, wie Anton den abgenagten Geflügelknochen hinter sich ins Eck wirft.

Das alles ist nicht cool. Nicht heldenhaft. Es ist: Erbärmlich.


A-soziale Isolation

Diese Darstellung soll die Gesinnung der Generation Z widerspiegeln? Deren Verständnis für a-soziale Isolation — Japans Hikikomori lassen grüßen — als heldenhaftem Gebaren zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Anton Lehmann: „Plötzlich war ich ein Held, ein Idol, ein Musterbürger.“

Neben Kindern unterrichte ich seit drei Jahrzehnten Jugendliche und junge Erwachsene = Vertreter der Generation Y als auch Z. Von den meisten — repräsentativer Querschnitt? — wusste und weiß ich um deren Hobbys, Ansichten, Meinungen, Berufsabsichten, … Eine so assige und unreflektierte Haltung wie in dieser Kampagne kolportiert, würde niemand von diesen an den Tag legen.


Ach, Humor?

„Urteile nicht über Dinge, die du nicht überreißt. Ist alles überspitzt. Alles überzeichnet. Das ist Humoreske und Melodram in eins. Humor, Alter, Humo-hor! Wenn du den nicht raushören kannst, dann gehörst du halt auch zu den armen Schweinen, vor die wir unsere Perlen nicht werfen wollen.“

Die Gegenrede an mich von der Agentur, die für das streitbare Machwerk verantwortlich zeichnet. Rein fiktiv, versteht sich. So fiktiv wie auch die geskripteten Worte der Protagonisten, die mit so viel Pathos vorgetragen werden, dass ich armes Schwein echt keinen Humor heraushören kann.


Einfach nix tun

Nein, eben nicht! Das ist die Crux dieser unsäglich schlechten Kampagne. Sie ist ein Schlag ins Gesicht derer — und diese sind zahlreich —, die wesentlich sensibler und kritischer sind als die drei Propagandisten dieser Scheinattitüde. Bewusstes nichts Tun zum Abschalten und Entspannen, das nicht nur überlasteten Workaholics als Therapie verordnet wird, wird hier nicht kommuniziert und nicht transportiert. Stattdessen wird Konsumieren suggeriert: Gaming (wo hat denn der faule Tobi das Geld für sein Equipment her …?) TV glotzen und Fastfood vertilgen.

Diese drei jungen Erwachsenen — der repräsentative Querschnitt der Gen Z … — werden als „besondere Helden“ betitelt, nicht obwohl, sondern gerade, weil sie der Lethargie zum Opfer fallen. Ein Makel wird zum heroischen Ideal umgedeutet: Ein scheinbarer Geniestreich abgehobener Werbeleute, die, der wahren Gen Z längst entwachsen und von ihr distanziert, nichts mit ihr gemein haben.     


Mentales und physisches Kontrastprogramm

Mit gleichem Aufwand hätte man drei Clips produzieren können, die das Gegenteil darstellen: Junge Erwachsene, die ihr erzwungenes zu Hause sein mit Sinn und Inhalt füllen — ich erspare es mir, hier die unzähligen Möglichkeiten dazu aufzulisten — und vielleicht mehr denn je nach draußen an die vielbesagte frische Luft gehen. Das hätte weit mehr der Realität entsprochen. Und entspräche es auch jetzt. Das belegen zahlreiche Jugendstudien. Drei davon habe ich hier verlinkt.


3 Studien zur Generation Z

https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/jugendstudie-2020-was-interessiert-und-bewegt-jugendliche-in-baden-wuerttemberg/

https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Service/2020+07+02+Jugendstudie+2020

https://www.tagesspiegel.de/wissen/sinus-jugendstudie-2020-generation-problembewusstsein/26030386.html

 

#besondererheld vs. Living Dojin

Der Begriff „Held“, ist inzwischen durch seinen inflationären Werbegebrauch zur Worthülse verkommen. Von uns — der Living Do-Community — wird er gar nicht verwendet.

„Living Do“ lässt zwei Übersetzungen zu und bedeutet auch beides: „Den Weg leben“ und „lebendiger Weg“. Living Dojin heißt der zweiten gemäß, wörtlich: „Lebendiger Wegmensch“ und steht für den — spirituellen — Wanderer.

Dass die Spiritualität eines jeden Living Dojin höchst unterschiedlich ist, versteht sich von selbst. Wichtig: Sie ist vorhanden! Und das — der Dreh- und Angelpunkt — unterscheidet ihn von den Charakteren der Clips.

Wie mögen keine Helden sein, #besonderehelden schon gar nicht. Wanderer jedoch sind wir alle. Vom ersten Tag an bis zum letzten. Unsere Wanderung ist der Alltag. Das Leben ist der Weg.

Wo uns unsere Wanderung — wie der Wind den Fliegenden Robert — letztlich hinbringen wird, wissen wir nicht. Wobei wir am zweiten Teil des Posts angelangt sind …



Der fliegende Robert

Der fliegende Robert ist eine Figur aus dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann, den er 1844 publizierte. Seit jeher gehört er zu meinen literarischen Lieblingsfiguren. Und er ist auch fester Bestandteil meiner Seminare.

Hier noch einmal seine Geschichte:




Skizzen einer Reise

In den Seminaren stelle ich nach der Lektüre die entscheidende Frage:
„Was glaubt Ihr, wohin hat der Wind den fliegenden Robert getragen?“

Hast Du Dir diese Frage jemals gestellt?

Die Antwort folgt jetzt. Erstmalig und exklusiv hier und heute in diesem Blog, in diesem Post. In einem dokumentarischen Abriss, entnommen und skizziert aus Roberts Niederschriften, die mir das Schicksal in die Hände spielte.

 





Die Regenschirmschule Lummerland

Nach einer turbulenten Reise unter, zwischen und manchmal auch über den Wolken, verschlägt es Robert auf eine Insel namens Lummerland. Dort will er eine besondere Schule für besondere Menschen eröffnen: Menschen, die wie er davonfliegen wollen, um neue Dinge zu sehen. Neue Dinge zu erfahren. Und neue Dinge zu machen. Er wird ihnen zeigen, wie man den richtigen Regenschirm dafür entwickelt, herstellt und damit fliegt.

Die idealen Räumlichkeiten in einer verlassenen Werkstatt gefunden, macht er sich voller Eifer an die Arbeit: Er fegt, räumt und putzt … Vom Schildermalermeister Mandulinus Mandelkern lässt er sich ein Werbeschild anfertigen, das er über dem Eingang anschraubt.




Frau Waas, die nur zwei Straßen und drei Maulwurfshügel weit entfernt, einen kleinen Laden umtreibt, in dem man alles bekommt, was man so braucht, besorgt ihm gegen Hilfsdienste Taffent und Leinwand, Zwirn und Nadeln für die Bespannung der Schirme. Für deren Griffe gibt sie ihm Geweihhorn der Rentiere, die ihr Santa Claus einmal bei einem seiner jährlichen Weihnachtsbesuche dagelassen hat. Peddigrohr und Fischbein für Gestell, Bügel und Sprossen beschafft er sich selbst aus den gewundenen Buchten an der Ostküste der Insel.

Auf einem blütenweißen Blatt Papier tippt er auf dem von Frau Waas erfundenen „Typographischen Schreibklavier mit Treppentastatur“, das erst viele Jahre später zur Schreibmaschine weiterentwickelt wurde, einen ermutigenden Appell für seine zukünftigen Schüler.

Auf ihm tippt er auch seine Erlebnisse, während er auf erste Schüler hofft. 

Diese wollen sich wider Erwarten und zu seinem wachsenden Gram nicht einstellen. Von Lukas und Jim, zwei Inselbewohnern, ernüchtert, sieht er ein, dass es für ihn auf Lummerland keine Zukunft gibt. Frau Waas‘ Angebot, ihren Laden zu übernehmen, schlägt er dankend aus: „Eine Krämerseele bin ich nicht.“

An einem günstigen Tag, an dem der Regen niederbraust und der Sturm das Feld durchsaust, lässt sich Robert frohgemut erneut vom Wind davontragen. Dieses Mal mit sturmfestsitzender Schiebermütze, Niederschriften und Appell sicher in der Jackentasche.

Über mehrere Stationen, wie der Insel Taka-Tuka-Land, auf der er mit Kapitän Efraims Vater gegen Piraten kämpft, Captagonien, Mamua Alt Guinea und den BHmas, auf denen er sich Wonderbratkartoffeln, Pumpselmusen und Tangarinen schmecken lässt, überfliegt er die Straße von Anián entlang der Langerhans‘schen Inseln bis nach Sussex, um sich mit dem zauberhaften Kindermädchen und schwebenden Schirmkollegin Mary auszutauschen. Leider muss er dort erfahren, dass diese nicht real existiert, sondern eine Erfindung der Schriftstellerin P.L. Travers ist, womöglich inspiriert durch seinen Schöpfer.

Letztlich wird er auf der großen und weiten Mentalinsel Budosa sesshaft und findet dort nach einer Durststrecke seine ersten Schirmschüler. Lange Jahre parallel mit den zwei Musen Karatina und Jujutsulia liiert, löst er sich von der resoluten ersten und entscheidet sich für die sanfte, der er bis heute die Treue hält.

In seiner Schirmschule hängt das Blatt mit dem Appell an seine Schüler, das ihn auf all seinen Reisen begleitet hat. Über die Jahre ist ihm das Weiß abhandengekommen, der Appell aber hat nichts an seiner Strahlkraft verloren. Unverändert steht dort geschrieben:

 

Lieber Schüler der Regenschirmschule Lummerland!

Du willst fliegen lernen. Das ist schön. Doch ohne den richtigen Schirm funktioniert es nicht. Der richtige Schirm ist für jeden anders und kann nur von einem selbst hergestellt werden.

Dazu brauchst Du Kenntnisse und Fertigkeiten.

Wenn Du Dir den Schirm nach Jahren eifrigen Werkens hergestellt hast, bist Du ein gutes Stück weit gekommen. Doch zum Fliegen brauchst Du mehr:

Du brauchst Mut. Du brauchst Hoffnung. Du brauchst Hingabe.

Mut bei stürmischem Wetter hinauszugehen. Hoffnung, dort und dann von der richtigen Bö erfasst zu werden. Und letztlich die Hingabe, sich vom Wind forttragen zu lassen.

Wenn Du das in Dir hast, steht Dir nichts im Wege, auch ein fliegender Robert zu werden.

Darum rufe ich dir zu:

Flieg Robert, flieg!




Wir sollten nicht müde werden, an unserem ganz persönlichen Schirm zu arbeiten. Denn die Winds of Corona werden auch im neuen Jahr weiterwehen.

 

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© Bilder: Axel Schultz-Gora [gmax], außer Nr. 1, Florida Entertainment GmbH, Nr. 5, Warner Bros.