Montag, 30. Januar 2017

KOHELET - NICHTS NEUES UNTER DER SONNE

„Lieber Axel, ich habe seit Oktober nichts mehr von dir auf deinem Living Dō-Blog gelesen. Was ist los?“, werde ich gefragt, „fällt dir nichts mehr ein?“
„Ja und nein“, antworte ich.

TMI (Too much information)
Eingedenk des Informationsoverkills tue ich mich zunehmend schwer, etwas zu verfassen, von dem ich glaube, dass es erhellend sein möge und die Zeit des Lesers wert. Die Fülle, der für uns persönlich oft belanglosen Nachrichten, Mitteilungen, Berichte und Botschaften, die täglich auf uns einströmen, lähmt, schlimmstenfalls betäubt uns, zwingt uns zum gnadenlosen (Aus-)Mustern von Texten aller Art. Da laufen auch meine Posts Gefahr diesem zum Opfer zu fallen.

Alles ist gesagt
Mehr noch hemmt mich die Tatsache: Alle wesentlichen spirituellen Erkenntnisse der großen Meister, Denker und Lehrer des Ostens wie des Westens sind auskömmlich von Ihnen, beziehungsweise ihren Multiplikatoren, dargelegt worden. Danach kam, was kommen musste. Von Eklektikern aller Couleur wurden sie gelesen, studiert, verstanden und nicht verstanden, interpretiert, kommentiert, ergänzt, gekürzt, umformuliert, vereinfacht, verkompliziert, verfälscht, aus dem Zusammenhang gerissen, hingebogen, bejaht, negiert, gefeiert, angefeindet; letztlich wiedergekäut und wiedergekäut. Das alles trotz eines zumindest einer gewissen Schicht innewohnenden Bewusstseins: Alle unsere sprachlichen Mittel reichen nicht aus, um die Essenz des Seienden in ihrer universalen Gänze zu erfassen (s. u.: "kein Mensch kann alles ausdrücken", oder im Zen treffend: "Kein Verlass auf Worte"). 
Wofür also versuchen, noch etwas Eloquentes oben draufzupacken? Weshalb immer wieder das Gleiche neu formulieren? Geschweige denn im www, in einem Winzblog von Millionen?  
Ist es da für den geneigten Leser nicht lohnender, an die Quellen zu gehen, sich den originären Denkern und wahrhaften Lehrern zuzuwenden, als neuzeitliche Eklektiker zu bemühen?

Vorerst letzter Living Dō-Post
Aus dieser Erkenntnis heraus, möchte ich diesen vorerst letzten Living Dō-Post mit einer biblischen Quelle — Prediger Salomo oder auch Kohelet genannt — schließen. Die Maxime des Keep on going strong lebe ich weiter, um die graue Theorie bunt zu machen; also weniger in Texten als aktiv im Dōjō. Und im Alltag.

Kohelet
„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ erkennt Kohelet (Prediger Salomo). 
Je mehr und tiefer man ins Weltgeschehen eintaucht, umso mehr versteht man die Worte des biblischen Weisen. Auch die Geschichtsschreibung bestätigt ihn: Es kehrt alles wieder. Die Erscheinungsformen mögen sich ändern, aber im Kern bleibt es das Gleiche; weil auch wir im Kern des Menschseins die gleichen bleiben, selbst nach 45.000 Jahren Evolution. Natürlich haben wir uns (bildungs-)technisch weiterentwickelt. Aber das fragile System Mensch als Leib-Seele-Gebilde ist geblieben. Dieses System fällt seit jeher den immer gleichen, urmenschlichen, geistigen Problemen anheim, und es müht sich ebenfalls seither um deren Lösung, mittels Religion, Philosophie, Psychologie, Spiritualität, Esoterik, ... Ihm, dem Menschen als fleischgewordenes Paradoxon und Verdrängungsphänomen, gefangen in seiner allgegenwärtigen Ambivalenz und der Situation, die er sich daraus geschaffen hat, will das — wie uns die sozialen Geschehnisse der Welt beweisen — leider nur ansatzweise und nur in Minderheiten gelingen.

Vorspruch
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?

Wechsel, Dauer und Vergessen
4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.
8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.

Song: Blackbird (Paul McCartney, Beatles, 1968)