Dienstag, 18. Oktober 2016

WHAT'S YOUR NEXT MOVE? - Marlboro, die letzte





Aller guten Dinge sind drei. Ein letztes Mal soll hier im Living Dō-Blog die obige Marke oder überhaupt irgendeine Zigarettenmarke bemüht sein. Es geht hier aber nicht mehr um den streitbaren Suchtstängel. Und auch nicht um die diversen Warnungen auf der Packung — was an sich vielleicht sogar schon einen kleinen, satirischen Exkurs in die Parallelkonsumwelt wert wäre: Auf den Family-SUVs könnte „Schlechtes Rangieren kann zu Beulen führen“ stehen, und  auf den Kondompackungen „Kann Haut- und Kopfirritationen hervorrufen“. Auf Colaflaschen und Chipstüten stünde: „Kann zum Kauf größerer Kleidung veranlassen“, oder: „Kann Schönheitsdefizite erzeugen“
Es ginge auch direkter und weniger euphemistisch: „Macht sozial abhängig“ auf den Smartphones, und: „Führt zu Faulheit und zu flächendeckender Verblödung“ auf den Fernsehern. Letztlich müssten wir alle auf unseren Klamotten den eingewebten Hinweis tragen, oder besser gleich auf der Haut tätowiert: „Kann tödlich sein.“
Nein, es geht  um etwas anderes — Marlboro wirbt zurzeit wieder mit großflächigen Porträts für ihre Krebs- und Totbringer unter anderem mit der Frage: „What’s your next move?“.

Weiter denken
Diese Frage könnte von den Werbetextern als Wortspiel gemeint sein: „Was ist dein nächster Zug?“, um dann die Antwort zu implizieren: „Der an meiner Marlboro!“
Huah, wie geistreich. Dann kann ich den Post hier beenden.
Ein Living Dōjin jedoch kann aus der Frage „What’s your next move“ mehr herausholen als sich dem durch Werbeübermüllung  zur Ignoranz konditionierten Konsumenten zu erschließen vermag. Ihm kommt zum Beispiel in den Sinn, dass eingefleischte Brettspielnerds bei dieser Frage gedanklich brillante Züge einer Hou Yifan verknüpfen mögen. Oder, wer die chinesische Schachweltmeisterin nicht kennt, sich aber im Global Business zuhause wähnt, sie mit Handlungen Steve Jobs‘scher Dimensionen assoziiert.
Auf das elitäre Berufs- oder Geschäftsleben heruntergebrochen, kann die Frage nach dem next Move also durchaus eine nächste als erfolgversprechend gesehene Aktion meinen — eine Innovation, ein Event, eine Kampagne —, hervorgegangen aus taktisch gedachten Überlegungen.
Und auf das Leben jenseits weltherrschaftlicher Ambitionen eines Mark Zuckerberg oder eines Donald Trump bezogen? Da sieht die Realität meist anders aus. Sie kulminiert in zwei Extremen: Hyperpassivität und Hyperaktivität; deren Fragen lauten: „Warum wird kein next Move gemacht?“ Oder: „Warum werden lauter, aber eher unbedeutende next Moves gemacht?"   
Warum herrschen hier Lethargie und Apathie einerseits vor und Hyperaktivität bis zum Burn-out andrerseits?

Gleich und doch verschieden
Wir alle sind behavioristisch betrachtet, der Fünfheit ex- und intrinsischer Prägung unterworfen: (1)Anlagen - (2)Erziehung/Konditionierung  - (3)Umwelt - (4)Erfahrung - (5)subjektive Verarbeitung und Bedeutungshierarchie der Erfahrung.
In dieser Pentade liegt begründet, warum wir zwar alle verschieden sind, in unser psycho-sozialen Grundstruktur aber recht ähnlich.
Biologisch definiert, sind wir als Homo sapiens senso-motorische Wesen mit erworbenem Intellekt (der durch die rege Nutzung externer, digitaler Intelligenz sich messbar [s. https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Spitzer#Digitale_Demenz] wieder reduziert). Über Jahrtausende hinweg sicherten wir unsere Existenz und unser Überleben durch das aktive Tun mit dem Körper als Sammler, Jäger, Handwerker, …
Nach zwei Weltkriegen waren wir Jahrzehnte lang körperlich mit dem Aufbau und später mit dem Erhalt des Zerstörten beschäftigt.
Inzwischen ist alles aufgebaut. Die Berufswelt hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. Unsere Existenz ist nicht mehr primär von (bisweilen harter) körperlicher Arbeit abhängig, sondern vom Konsum und dessen zwanghafter Aufrechterhaltung als unserer Wohlstandsgrundlage. Diese, sich durch uns selbst erzeugende und durch uns selbst zerfleischende Mechanik ist der schleichende Prozess vom erneuten Niedergang einer Hochkultur wie ihn die Historie immer wieder erlebt hat. 
Was hat das alles mit der „What’s your next move“-Frage zu tun?

Als Gefangener unseres Seins sind wir ständig auf der Flucht vor uns selbst
Das Los des Lebenden, Mensch oder Tier, ist es, sich über die gesamte Dauer seiner Existenz ununterbrochen mit ihm — dem Leben, zu beschäftigen. Man kann es nicht links liegen lassen, und wenn, dann rächt es sich bitter. Es rächt sich aber auch, wenn man es nicht in Ruhe lässt. Oder lässt es uns nicht in Ruhe?
Für beide, den Hyperpassiven wie den Hyperaktiven gilt der Zwitterfatalismus, wie ihn die Überschrift dieses Absatzes beschreibt. Lediglich deren konträre Bewältigungsmuster sind es, die sie, zumindest in dieser Hinsicht, so stark voneinander unterscheiden.
Bewusste Menschen wie unbewusste agieren in beiden vorgenannten Extremen Hyperpassivität und Hyperaktivität. So ergeben sich vier Formen.
Für den unbewussten Hyperpassiven gilt: Kein Plan, also auch kein Zug. Seneca wusste: „Wer den Hafen nicht kennt, für den weht nie der richtige Wind.“
Der unbewusste Hyperaktive hat ebenfalls keinen Plan, nur ist er der Flucht vor sich näher als seiner Gefangenschaft, deswegen ertrinkt er in Eifer, Eile, Emsigkeit.
Nicht weniger fatalistisch trifft es die Bewussten. Den Hyperpassiven unter ihnen hat die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, ganz im Camus’schen Sinn, zur Lethargie getrieben — weshalb und wozu etwas tun, wenn ihr ohnehin alles anheimfällt?
Bleibt noch der bewusste Hyperaktive. Dem wirkenden Konstrukt des Selbstbilds vom Macher geschuldet und der Tatsache, dass allein dessen Rettung, und sei sie zwanghaft, ihn noch am Leben erhält, bringt er triftige Rechtfertigungsstrategien für seine überrege Betriebsamkeit hervor.    

Orientieren - Optimieren - Organisieren
Wer weder zum einen Extrem gehört noch zum anderen, hat als Mischwesen gute Chancen auf ein ausgeglichenes Leben mit guten Moves. So hört man auf diversen Seminaren bisweilen diese Formel: „Aus deiner Vision und deinen Werten erwächst die Mission deines Lebens. Der Erfolg deines Lebens misst sich daran, wie unaufhaltsam du auf deiner Mission bist.“
Sind wir uns unserer Werte bewusst? Haben wir eine Vision, ein geistiges Bild vor Augen? Wollen wir noch etwas aufbauen? Haben wir noch Ziele, Wünsche, Träume, die wir mit eigenen Händen verwirklichen wollen?
Was wollen wir von uns selbst und unserem Leben?
Wer darauf keine Antwort weiß, geschweige denn, sich diese Fragen überhaupt stellt, und sich nicht mal seiner eigenen Werte bewusst ist, der macht keinen bedeutenden Move. Wer zwar Antworten hat, aber sich immer wieder von seinem Weg ablenken lässt, wird womöglich viele gute Moves machen, aber er läuft Gefahr sein Ziel aus den Augen zu verlieren - deswegen lautet die "D-Triade" aus den Acht Triaden des Living Dō: Orientieren - Optimieren - Organisieren. 

Ausgewogenheit
Tragisch wird es, wenn wir als dieses Mischwesen, das beides, Ruhe — kein Move — und Betriebsamkeit — ausgesuchte Moves — braucht, nicht ausgewogen leben können. Wenn wir uns Stille und Ruhe ersehnen, aber es beruflich wie privat nicht schaffen, uns diese Inseln zu organisieren. Wenn wir unter dem Hamsterrad-Syndrom leiden.
Bei Dauerstress — Moves am laufenden Band — wird sich unser Geist früher oder später melden. Er wird es, dreimal dürfen wir raten, über den Körper tun. Wir sind und bleiben Körperwesen, selbst wenn wir ihn zunehmend verleugnen, das meint, ihn schlecht zu ernähren und schlecht zu pflegen, ihn mitunter regelrecht zu vergewaltigen.

Jetzt - Die Königszeit
Das Vergangene war. Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt nur die Gegenwart. Sie ist die Königszeit. Der Anspruch aller Spiritueller und damit auch der Living Dōjin ist: Das Bewusstsein für die Königszeit zu schärfen. Eine Tätigkeit zu verrichten und dabei mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit (… es war so schön mit dem Partner …) oder in der Zukunft (… es wird so schön werden …) zu hängen, ist Verrat an der Gegenwart. Bei belanglosen Tätigkeiten mag das angehen, nicht aber, wenn wir etwas Wichtiges tun, wie zum Beispiel einen Menschen oder ein Tier pflegen. Davon abgesehen steigt ohnehin die Konzentration mit der persönlichen Bedeutungsschwere (s. die Pentade), die wir unserer momentanen Tätigkeit beimessen. Die Frage hier lautet also nicht nach dem nächsten Move, sondern nach dem jetzigen: „Welchen Move machst du gerade? Und vor allem: Wie machst du ihn?“  




Move!
Wichtig ist, dass wir uns überhaupt bewegen. Körperlich und geistig, und das ausgeglichen und bewusst. Tun um des reinen Tuns Willen, ohne nach dem Sinn zu fragen, hat mit Bewusstheit nichts zu schaffen. 
Umso besser, wenn wir zum erkannten Sinn noch die Ethik unserer Handelns erkennen, wenn wir bad Moves unterlassen und good Moves unternehmen.
Wie das geht? 
Keine Moves machen, die für einen selbst und für andere schlecht sind, sondern Moves machen, die für einen selbst und für andere gut sind. 
Und wie geht das? 
Nicht in Lethargie versumpfen, sondern immer wieder mal nach innen gehen, über sich selbst nachdenken, sich die Frage stellen: „Was will ich von mir und meinem Leben?“ Und Antworten finden. Je klarer die Antwort, desto klarer der Plan, desto wahrer der (next) Move.

Song: „Owner of the lonely heart“ (1983) von YES. Der Song beginnt mit: "Move yourself ..."