Freitag, 24. Juni 2016

33,33 ... Ah, ja, ...

 





Wie der Kassenbon preisgibt, macht die Summe meines Einkaufs exakt 33,33. 
Ich habe es nicht, wie mancher Tankende mit zuckenden Fingern am Zapfhahn, einem kindlichen Spieltrieb geschuldet, auf eine Schnapszahl angelegt. Sie ist durch die Konstellation der Artikel entstanden. Und sie ist etwas Besonderes. Denn oft kommt so etwas bestimmt nicht vor, oder doch?

Als ich einer Freundin den Kassenbon mit der magischen Zahl zeige, teilt sie mein Interesse daran gar nicht, sondern betont, „Lidl löhnt nicht“ zitierend, dass sie diesen wie auch die anderen Discounter boykottiere. „Ich bin alternativ und kaufe bei Alnatura ein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Ökologen zu erfahren, dass dort einzukaufen, typisch westlicher Besserverdiener sei, zumindest aber prestigeheischend. „Richtig alternativ ist es erst, wenn man sein Essen selber anbaut.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Lichtnahrungsadepten zu erfahren, dass das schon ein großer Schritt sei, aber man noch immer in der Abhängigkeit zur Nahrungsaufnahme und allem, was damit verbunden ist, stecke. „Die höchste Ebene der Selbstermächtigung ist es, gar nicht mehr von der Nahrung abhängig zu sein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zeugen Jehovas zu erfahren, dass die Lichtnahrungsmenschen wohl sehr spirituell seien. „Aber sie sind nicht religiös, so wie wir.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Scientologen zu erfahren, dass die Zeugen Jehovas zwar religiös seien, aber in ihrer Religion zu sehr gefangen. „Wahre Religion, wie die unsere, befreit, und führt  wirklich zu Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Atheisten zu erfahren, dass ausgerechnet ein Scientologe das behaupte, wo doch alle Welt um die Verwerflichkeit dieser Sekte wüsste. Zudem klärt er mich über Feuerbachs zentrale These auf: „Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Agnostikers zu erfahren: „Annahmen, insbesondere theologische, die die Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz, beispielsweise eines Gottes, betreffen, sind entweder ungeklärt oder überhaupt nicht zu klären.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zen-Adepten zu erfahren, dass es im Buddhismus keinen zentralen, personifizierten Gott gebe wie eben in den abrahamitischen Religionen. „Sei dir selbst ein Licht“, lautet einer der wesentlichen Weisungen des Buddhas.“
„Ah, ja“, sage ich, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Japanologen zu erfahren, dass laut Sawaki, Kōdō ,Zen, die größte Lüge aller Zeiten‘ sei, aber man auf diese Aussage auch nichts geben könne, denn diese sei quasi widerlegt durch ein anderes Zen-Zitat: „Kein Verlass auf Worte.“ 



Am Ende eines sehr, sehr langen und von sendungsbewussten Begegnungen geprägten Tages fahre ich mir mit der Hand um den Nacken, ganz steif vom vielen Nicken. Was habe ich mich heute aber auch belehren lassen von diesen Menschen, die alles so viel besser wissen ...

Den Kassenbon habe ich an die Pinnwand neben meinen Schreibtisch gehängt, quasi eine Analogie zum Totenschädel der Gelehrten. Darunter hängt Psalm 90, Vers 12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“