Samstag, 19. März 2016

YOU DECIDE. Marlboro wolft schafspelzig again

Grafik: ASG, Foto: mittelbayerische.de

„Will you stay real?“, „Is up the only way?”  
Mit diesen und ähnlichen vermeintlich geistreichen, in Englisch formulierten Fragen, die, laut Marketingabteilung, zum Nachdenken anregen sollen, holt der Tabakgigant Philip Morris zum abermaligen subversiven Werberundschlag für sein Königskind Marlboro aus. 

Nach der Maybe-Kampagne 2012 und einem Nachklapper 2014 (s. Post) penetrieren uns jetzt wieder weiße Plakatwände. Diesmal, noch einen Touch intellektueller, beschrieben nicht mit moderner, schwarz gedruckter Typo, Gott, wie abgelutscht und spießig, sondern mit handgeschriebenen, roten Großbuchstaben, Wow, wie  konspirativ und rebellisch.
Die Werbemenschen der Agentur L.B. fühlen sich wahrscheinlich wieder mal begnadet, wie die meisten Werbemenschen ab einem gewissen Hybrislevel. Nicht weil sie, getreu dem Motto never change a running system, erneut den Zuschlag für die aktuelle Marlboro-Kampagne erhalten, sondern weil sie sich ,ganz was Cleveres‘ ausgedacht haben: Wir nehmen die alte Strategie — Wiedererkennung! — auf und modifizieren sie. Heya, wie genial, und auch noch echt günstig in der Produktion: keine aufwendigen Shootings an ausgefallenen Sets mit teuren Requisiten, bitchy Models und überspannten Fotografen. Stattdessen einem Praktikanten, Erstsemester Grafikdesign, Flipchartpaper und einer Handvoll Edding 800, das ist der, mit der ganz breiten Spitze.
Jetzt der begnadete Trick: Wir stellen intellektuelle Fragen, und die in Englisch, nach dem Motto „Dummheit frisst, Intelligenz trinkt, Bildung raucht“. Und wer nicht gebildet ist, also gar kein Englisch kann? Scheiß drauf, der raucht erst recht und gerade deswegen.

Think! 
So hat sich die Frankfurter Werbecrew auf ein paar pseudo-philosophische Fragen eingeschossen, um dann zu konstatieren: „You decide.“
Ja, du entscheidest! Du entscheidest, wo’s langgehen soll. Hier wird‘s jetzt tatsächlich tiefenpsychologisch. Ist „nach oben“ wirklich die einzige Richtung? Was meinen die überhaupt mit „nach oben“? Aha, jetzt haben die bei mir ja doch erreicht, was sie laut Werbestatement wollen, mich zum (Nach-)denken anzuregen. Dass „nach oben“ nur allegorisch gemeint sein kann, liegt nahe. Hier böte sich an, Analogien in punkto Karriere zu konstruieren, oder für unsere Religiösen, „up“ mit „himmelwärts“ zu übersetzen. Dann bekommt die Marlboro-Frage ja geradezu eine mächtige Bedeutung: Ist zum Himmel aufzusteigen, der einzige Weg? Gibt es denn nicht noch einen anderen, oder gar mehrere andere? Und stünde himmelwärts nicht die Hölle als diametrales Extrem entgegen? 


Downwards 
Vielleicht will ich ja gar nicht himmelwärts, wie das ganze Gutmenschentum und die Gesundheitsapostel mit ihren Veganpsychosen und Tierschützerhysterien. Vielleicht will ich ja böse sein, und wie einst Backwahn seinen Sannyasins riet, wild und gefährlich leben? Also: Frei und ungehemmt rauchen! Und mir nicht in die Autonomie des freien Rauchers dreinreden lassen. Ist doch mein Leben! 
Ja, absolut. Es ist wahrhaftig jedermanns eigene Entscheidung, wie er mit sich, seinem Körper, seinem Geist, seiner Freiheit, seinem Leben umgeht. Wer Rauchen will, der tut es so lange, bis sein Bewusstsein, sollte es erwachen, ihm klarmacht, was er sich da wirklich antut. Es ist hinreichend erforscht, zigtausendfach verifiziert und lässt sich nicht wegdiskutieren: Wer raucht, fügt sich körperlichen Schaden zu — selbst der in der Suchtforschung gepriesene Sekundärwert kann das nicht ändern —, und dieser Schaden kann gewaltig sein. Bis der qualvolle Rauchertod eintritt, können da noch allerhand eklige Erscheinungen wie Kehlkopfkrebs,  Raucherbein, Raucherlunge auftreten.
Abbildungen von diesen sollen ab Ende Mai auf die Schachteln gedruckt werden. Ich erspare es mir, hier ein paar einzustellen. Doch bis dahin sind es ja noch zwei Monate, also rangeklotzt und alle Plakatwände und Litfaßsäulen mit den komischen Fragen und seit kurzem mit ebenso komisch zurechtpostierten Menschen zugeklebt.

Enlighten 
Ich könnte noch einiges über Inhalt und Form der Kampagne schreiben, die Umsatzzahlen von Philipp Morris (wen es interessiert, die stehen hier) nennen und die Zahl der an Nikotin und Teer Erkrankten und Gestorbenen entgegenstellen (wer es wissen will: hier); Recherchematerial über und gegen das Rauchen findet sich en masse im Netz. Ich bin aber kein Journalist und verfasse keine Artikel, sondern sehe mich als essayistischen Blogger, der während er diese Worte schreibt, merkt, wie Widerstände gegen weiteres Schreiben in ihm aufsteigen. Das ist keine gute Basis für das Verfassen von Prosa, die nicht verdunkeln soll, sondern eher erhellen wie z.B. der vorige Post „Heart of Gold“.

You decide. 
Ich habe, was das Rauchen, besser das Nichtrauchen anlangt, mich schon seit langem entschieden. Ich freue mich über jeden Nichtraucher. Und hoffe für jeden Raucher, dass er bald zu uns wechselt. Es ist eine Frage des Bewusstseins. Du entscheidest.

Dazu, ganz ohne Rauch, aber mit viel Surrealismus: Jain: "Come"