Donnerstag, 25. Februar 2016

H E A R T  O F  G O L D



Der Folksong Heart of Gold wurde 1971 vom kanadischen Singer-Songwriter Neil Young aufgenommen. Er hat einen recht kurzen Text. Doch der besticht umso mehr durch seine Botschaft. Und die hat viel mit Living Dō zu tun.

Inhalt
In Heart of Gold geht es um eine Person, die sich auf die Suche nach einem „goldenen Herzen“ begibt. Sie selbst will „leben und geben“ und muss sich eingestehen, dass ihr das nicht wie von ihr ersehnt, gelingt. Ihre Sehnsucht lässt sie Strapazen auf sich nehmen und weite Reisen tun. Sie altert, aber sie gibt die Suche nicht auf.

Text
I want to live, I want to give
I've been a miner for a heart of gold
It's these expressions I never give
That keep me searching for a heart of gold
And I'm getting old
I've been to Hollywood, I've been to Redwood
I crossed the ocean for a heart of gold
I've been in my mind, it's such a fine line
that keeps me searching for a heart of gold
And I'm getting old
(…)

Zeitlose Metaphern 
Der Songtext von Heart of Gold kann so kurz gehalten sein, weil er nicht auserzählt (wie zum Beispiel Hurricane von Bob Dylan), sondern von der Metaphorik lebt. In wenigen allegorischen Worten hat Neil Young seine Sehnsucht nach einem Leben in Liebe ausgedrückt. Dies gelang ihm so gut, dass sein Lied auch noch 45 Jahre danach von Menschen gehört und gecovert wird, die damals noch nicht einmal auf der Welt waren. Der Song ist zeitlos, weil er den Archetypus der Menschheit schlechthin — die Sehnsucht nach Glück und Liebe — einbindet; dieser wandelt sich nicht.

Ja oder Nein?
Gibt es überhaupt Menschen mit goldenem Herzen? Oder jagt Neil Young einer Idealvorstellung hinterher? Begibt er sich auf eine aussichtslose Suche? Hat er womöglich an den falschen Orten (Hollywood …) gesucht?
Ich kenne Leute, die fest an Menschen mit einem goldenen Herzen glauben. Sie betonen dazu, diese seien sehr rar gesät. Sie führen Menschen an, die sich aufopfern in der Sozialarbeit, im Pflegedienst und in der Seelsorge.
Ebenso kenne ich Leute, die behaupten, die Welt sei von Grund auf schlecht und es gäbe diese Menschen nicht. Sie nennen Männer und Frauen im Zusammenhang mit Menschenhandel, Prostitution, gar Krieg. 

Quelle: SZ.de / 24.01.2014/ Foto: Oliver Berg/dpa



Ja, es gibt sie! 
Aus meiner Lebenserfahrung und langjährigen Berufspraxis weiß ich, es gibt sie sehr wohl, die Goldherzmenschen. Sie sind überaus zahlreich. Sie sind über die ganze Erde verteilt. Sie sind äußerst aktiv und strotzen vor Energie, wenn es gilt die Welt zu erforschen. Sie sind absolut unvoreingenommen, sie trennen nicht zwischen Nationen und Glauben, zwischen Gut und Böse.  Sie entsprechen nahezu dem Idealtypus des Liebenden, so wie es Paulus in seinem ersten Korintherbrief (1 Kor 13,1–13) schreibt:
 4Die Liebe ist langmütig, /die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. 5Sie handelt nicht ungehörig, /sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. 6Sie freut sich nicht über das Unrecht, /sondern freut sich an der Wahrheit. 7Sie erträgt alles, /glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.

Aber ...
Das hört sich alles sehr schön an. Doch es folgt das große Aber: Die Goldherzmenschen leiden allesamt an einer fast unheilbaren Krankheit. Und: Sie sind hilflos und vollkommen abhängig. Die Krankheit nimmt fatalerweise an Schwere in jenem Maß zu, wie sich die Abhängigkeit wandelt.
Diese Goldherzmenschen sind einer temporären Spezies zugehörig, die allgemein unter einem einfachen Sammelbegriff gefasst werden: Kind, oder Kinder im Plural. Ihre Krankheit heißt Adoleszenz, beziehungsweise Postadoleszenz und geht unmittelbar einher mit der flächendeckenden Dauerquarantäne Sozialisation. Sie sind abhängig von jenen, die selbst einmal dieser Spezies angehörten, jedoch durch die Mutation zum Erwachsenen, die Goldherzeigenschaften nur noch rudimentär leben können.
Jeder Mensch kommt mit einem goldenen Herzen auf die Welt. Und er trägt es nur eine kurze Weile in sich; so lange, bis schon recht bald die schleichende Inkubation eintritt, bis die Welt und das Leben mit den Viren der Erziehung und der Erfahrung in all ihren Formen das flüssige, pulsierende Gold in eiserne Zahnräder, Gestänge und Schrauben wandelt. Das Herz aus Gold wird schleichend zu einem eisernen Maschinenherzen. Das schlägt fortan in seiner Brust, unermüdlich, und verrichtet sein schicksalsträchtiges Werk.  

Das Werk des dunklen Maschinenherzens
Dieses Werk ist wie schon Laotze wusste, der Polarität anheimgegeben. Das Prinzip des Yin und Yang trägt sein Gesicht in allen Facetten zur Schau. So steht das Werk des dunklen Maschinenherzens in krassem Gegensatz zu dem des hellen, geschweige dem des Goldherzens.
Das dunkle Maschinenherz lässt uns zum Egomanen werden, der sich nicht für die Gedanken und Gefühle des Gegenübers interessiert, sondern nur sich selbst sieht und sein eigenes scheinbares Vorankommen. Belege dafür gibt es so zahlreiche, dass ich hier nur einige wenige nennen möchte. Diese Aufzählung ist bewusst plakativ gestaltet, dennoch ist sie nicht zu leugnen, sie ist tägliche Realität.
Es ist das dunkle Maschinenherz, das Trinken panscht und Essen streckt, das Schrott und Müll verklappt und Gewässer mit Chemikalien vergiftet. Das Tiere fängt, in Gefangenschaft züchtet, mästet und schlachtet, dann das Gezüchtete, Gemästete, Geschlachtete in unersättlicher Gier in sich hineinfrisst und dabei selbst zum menschgewordenen Tier wird.
Es ist das dunkle Maschinenherz, das Speichel leckt, übervorteilt, fälscht, lügt und betrügt. Das sich das Jawort gibt, einander instrumentalisiert und abhängig macht; das sich auseinanderlebt, lauthals schreit und schlägt, das sich Treue schwört und ehebricht, und — das tiefste Dunkel — das Kinder zeugt und gebährt, und die gezeugten und geborenen misshandelt und missbraucht.
Hierzu die beiden Spielfilme Operation Zucker. Noch zu sehen bis 19.4., bzw. 26.4.2016 in der ARD-Mediathek.
Es ist das dunkle Maschinenherz, das lästert, stichelt, spottet und verhöhnt. Das säuft und grölt, randaliert, Streit sucht und prügelt. Das bespitzelt, denunziert, vor Gericht geht, verurteilt, bestraft und Strafen absitzt, und dort noch mehr Hass schürt und Gewalt ausübt. Das nicht nur Pläne schmiedet, sondern Schwerter und Streitäxte, das raubt, brandschatzt und plündert, das steinigt, Hände und Häupter abschlägt, Frauen vergewaltigt und Menschen quält und foltert. Das …

Das Werk des hellen Maschinenherzens
Nicht alles was uns widerfährt und widerfahren ist, ist schlecht. Wohl und Glück dem Träger eines hellen Maschinenherzens, dem die Welt und das Leben gut gesonnen war, der viel Verständnis, Zuneigung und Liebe erfahren hat, und sich etwas Gold im Maschinenherzen bewahren konnte. Und Respekt und Anerkennung jenem, der erwacht und bewusst wird, der sich ändert und in mühevoller Kleinarbeit und unter großer Kraftanstrengung die eisernen Zahnräder in goldene austauscht, ein dunkles Maschinenherz in ein helles Maschinenherz verwandelt.
Es ist das helle Maschinenherz, das singt, tanzt und musiziert. Das zeichnet, malt und entwirft. Das Liebesbriefe zu Papier bringt und Gedichte verfasst. Das lehrt, hilft und lobt. Das Wahrheit spricht, Rat gibt und Beistand leistet. Das zuhört, versteht und in den Arm nimmt. Das Trost, Kleidung, Geld und Blut spendet. Das Wunden behandelt, Menschen versorgt und Leben rettet. Das Menschen, Tiere und die Umwelt schützt. Das Freude hat am Dasein, an der Arbeit, am Geben und Nehmen. Das sich gesund hält, Maß nimmt und Ethik lebt. Das ...
Es ist das immer heller und goldener werdende Maschinenherz, das auf der Suche ist nach dem goldenen Herzen in sich selbst und in dem anderen, das alt wird und währenddessen sich selbst wandelt, zu einem liebenden, ja, goldenen Herzen.

Je früher, desto besser
Neil Young war 26 als er diesen Song geschrieben hat; seine Suche mag schon früher angefangen haben. Was bedeutet, dass man nicht erst alt geworden sein und zahllose Bücher gelesen, Seminare besucht, Filme gesehen, Lieder gehört, Gedichte analysiert, Diskussionen geführt, Streitgespräche ausgefochten, ... haben muss, um mit der Suche zu beginnen. Je früher man sich auf die Suche begibt, desto größer ist die Chance fündig zu werden — oder selbst gefunden zu werden als ein Mensch mit einem Herzen aus Gold.



Eine rare Aufnahme mit dem Musiker live auf der Bühne. Er braucht eine Weile, bis er die richtige Mundharmonika findet und zu spielen beginnt. Für die Ungeduldigen: Ich habe diesen Clip trotz oder gerade wegen dieser Verzögerung dem reinen Audioclip vorgezogen, weil er authentisch ist.

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