Samstag, 30. Januar 2016

R O B I N S O N - eine Geschichte
Scheinbar gefasst trat der Gruppenführer in die Baracke. Einen Blecheimer in den Händen, passierte er die Reihen rostiger Stockbetten, auf jedem lag ein Schwitzender in ausgebleichter Montur, dösend, lesend, oder einfach nur an die Decke starrend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt; einer ahmte mit aus dem Mund schnappendem Finger den Klang auftreffender Wassertropfen nach. Am letzten Bett angelangt, blieb der Gruppenführer stehen, stellte den Eimer auf den Bretterboden und sah auf den Schlafenden. „He, Robinson!“, schrie er ihn an, „du besoffenes Schwein! Steh auf!
Der rührte sich nicht. Nur einen Lidschlang lang wartete der Gruppenführer, dann griff er nach dem Betrunkenen, zog ihn an Koppel und Weste vom Bett, und stellte ihn auf die Beine. „Bleib stehen! Hörst du? Bleib stehen, sag ich dir!“ 
Losgelassen, wankte der Betrunkene einen Moment und klatschte – ein dunkler Schlag – wie ein durchnässtes Wäschebündel auf den Holzboden, raue Dielen, zerschlissen und zerfasert von unzähligen Schritten genagelter Sohlen. Reglos blieb er liegen. „Ich wusste es!“ Dann traf ihn ein Schwall Wasser. Der Gruppenführer hatte ihm den randvollen Eimer über Kopf und Brust gelehrt, brackiges, nach Bitterpisse und Totfischen stinkendes Wasser aus der Latrine. Einige Sekunden fixierte der Gruppenführer ihn, biss sich auf die Lippe und schleuderte den Blechkübel hinter sich. Nur knapp verfehlte dieser den Kopf des Tropfennachahmers, zerschoss eine der Deckenlampen, lose herabhängende Glühbirnen, und rollte scheppernd unter die Betten.  
Bei Glockenschlag sieben: Antritt! Deine letzte Aufforderung! Sonst Dizi und Bau!“ Zu ihm hinuntergebeugt, riet er ihm väterlich: „Robinson, du hast nur noch geschissene neunzig Jahre bis zu deiner Verabschiedung. Also versau‘s dir nicht vollends.“  
Der Gruppenführer richtete sich auf, setze das verrutsche Barett zurecht, strich sich die Uniform glatt, und strebte zurück zum Ausgang. Robinson blieb reglos. Reglos und hoffend - er hoffte, die Kameraden würden ihn nicht beachten. Einfach liegen lassen wie ein Stück trocken Brot, das jeder sieht und trotzdem ignoriert. Einfach liegen lassen, bis er, der Vergessenheit überantwortet, schließlich der Endlichkeit anheimfiele: Ausgetrocknet von der feuerheißen Luft, in die letzte Faser zerfallen, und vom Morgenwind, der durch die Bretterfugen zog, fein wie der Sand, der die Baracken umgab, in die Ritzen geweht. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Bislang hatte sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Die vielen Male zuvor, wenn er so da lag, volltrunken, und die Welt nur noch schemenhaft wahrnahm, kam immer irgendein Kamerad heran, reichte ihm heißen Tee und mahnte ihn zum Durchhalten; einer von diesen jungen Idealisten, die erst elf oder zwölf Jahrzehnte Dienst taten, sich immer noch auf § 12 PG stützten und jedes Mal das gleiche Zitat herunterleierten: "Die Kameradschaft verpflichtet alle Protektorianer die Würde, die Ehre und die Rechte des Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr beizustehen." 
Sie nahmen ihre Mission noch ernst. Er konnte das nicht mehr. Neunhundertzehn Dienstjahre hatte er inzwischen abgeleistet und musste, laut Eid und Vertrag, das Jahrtausend voll machen. Dann würde er die Lobrede des Kommandanten sich anhören müssen, die Urkunde bekommen, den Orden angesteckt und den Geschenkkorb überreicht. Danach hätte er neben Dienst- und Ausgehuniform die komplette Ausrüstung abzugeben: Mimikryweste, Eskortenschirm, Schwingenschutz, Tarnkappenstahlhelm, Sauerstoffmaske und den Antigravitationstransformator.  
In guten Minuten dachte er: „Was bedeuten schon die neunzig Restjährchen, angesichts der ‘runtergerissenen Zeit?“, mahnte sich aber beim nächsten Gedanken, nicht zu vergessen, wie übel man ihm mitgespielt hatte vor dreihundert Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ein laues Leben geführt, sorgenfrei aufgehoben im Schutz der Dienstregeln, vor allem der Routine. Robinson war wie seine Kameraden, und damit wie der Großteil der Protektorianer, ein Gewohnheitswesen, und stark darauf aus, die einmal zugewiesene Dienststelle für die gesamte Verpflichtungszeit beizubehalten (sie beträgt Minimum eintausend Jahre; wobei diese nicht mit Erdenjahren identisch sind), jedwede Veränderung versetzte sie in Sorge, schlimmstenfalls in Angst, die ein Protektorianer naturgemäß und offiziell nicht haben durfte. So war Robinson mit der Protektion einer Fischerfamilie an der Algarve aufs Beste versorgt. Die Gefahren, denen sie begegnen mochten, beschränkten sich auf wenige Dutzend und waren in Umfang und Tragweite leicht zu handhaben: Er verhinderte Schnittwunden beim Zerlegen der Fische, und verhütete aufgeplatzte Fingerkuppen beim Netze flicken. Er sorgte dafür, dass sich beim Angel auswerfen der Haken in Niemandes Auge verhakte, und beim Fischfang auf bewegter See keiner über Bord ging. Vor sechshundert Jahren hatte man ihm diese beschauliche Stelle zugewiesen und er hätte sie die restlichen vierhundert nicht verlassen, wenn er nicht Opfer dieser abgekarteten Beförderung geworden wäre: Sie hatten ihm den Stellungsbefehl des ichsüchtigen Freytag zugeschanzt, dem ehrgeizigsten in seinem Corps.  
Freytag hatte sich in schnellstmöglicher Zeit, achtunddreißig Jahrzehnte nur, vom einfachen Alpha-, über Beta- und Gamma-Protektorianer hochgeschützt zum Delta-Intervenisten. Doch mit der Zeit bot ihm der Schutz von Feuerwehrleuten, Bodyguards und Stuntdoubles nicht mehr den erwarteten Reiz. Sauberes Landen seiner Schützlinge in den Pappkartons nach einem Fenstersprung, gelungenes Aufsetzen nach einem Auto-Looping oder unversehrtes Löschen von Hausbränden konnten ihn nicht mehr befriedigen. Bis an die Grenzen gefordert werden wollte er, und nicht ertrinken im Treibsand totlangweiliger Routine. Der fanatische Emporkömmling wurde darüber misslaunig; mehrmals zettelte er Schlägereien an und verprügelte seine Kameraden.  
Als Freytag mit Robinson in Streit geraten war, hatte er sich entschieden, das Schicksal des Weichlings in die Hand zu nehmen: „Ich werde dafür sorgen, dass es ein Ende hat mit seinem Müßiggang. Er bekommt meine Schutzklasse. An der wird er leibhaftig spüren, was es heißt, ein Protektorianer zu sein!“ Gesagt, getan. Seine Schutzklasse an Robinson ,abgetreten‘, wurde Freytag zum Omega-Spezialisten befördert und damit in die höchste und gefährlichste Schutzklasse versetzt, dem Militär. In die Krisengebiete der Welt wurde er abkommandiert, um dort Soldaten — die guten wie die bösen — zu bewahren. Rund um die Uhr. Eine Aufgabe, die in dieser Qualität nur noch eine Handvoll Omega-Spezialisten erfüllen konnte, diejenigen nämlich, die sich mit eiserner Disziplin einige ihre ursprünglichen Fähigkeiten bewahrt hatten: nicht essen und nicht schlafen zu müssen.  
Während Freytag mit jedem möderischen Einsatz — meist nicht ohne eigene Blessuren — über sich hinauswuchs, und eine Auszeichnung nach der anderen an die Brust geheftet bekam, driftete Robinson in nie gekannte seelische Tiefen ab. Vom verträumten Fischerdorf abkommandiert und in enge Observationswagen oder an verrauchte Filmsets befohlen, spürte er die ersten Magenverstimmungen, obwohl tagelang nichts vorfiel. Hatte er Stunts wie Sprünge von Brücken oder Kampfszenen auf fahrenden Zügen zu beschirmen, spannte er vor Angst den Eskortenschirm zu spät auf, und tat somit das Gegenteil seiner Bestimmung. Für jeden dieser Fehler musste er sich vor dem Gruppenführer verantworten und bekam einen Vermerk in sein Dossier. Jeder Dienst schmerzte ihn mehr im Gemüt. Auch die freien Zeiten konnte er nicht mehr genießen, ständig zählte er ängstlich die Stunden bis zum nächsten Antritt. Er sehnte sich zurück an die Algarve, zu den Fischern, zu seinem beschaulichen und ausgeglichenen Leben, hoffte auf eine Rückversetzung aus gesundheitlichen Gründen. Doch alles Sehnen und Hoffen war aussichtslos. Freytag hatte eine Versetzungssperre bis zur Verabschiedung  erwirkt; Robinson hatte in dieser Schutzklasse zu bleiben, ungeachtet aller Fehlschläge und, was weitaus schwerer wog, ungeachtet seines einhergehenden Niedergangs, der ihn mit jedem Tag noch tiefer in die seelische Knie zwang. Ohrenbetäubendes Schädelsausen, quälendes Magendrücken, Durchfall, temporäre Herzarhythmie und lokale Schwingenlähmung vergällten ihm sein Dasein. Schlimmer noch waren die Alpträume, durchsetzt von Schwindelanfällen und Strömen chaotischer Gedanken, die ihn hin- und herwälzen machten und ihn angstvoll in nassgeschwitzte Laken drückten; sie formten ihm jede Nacht zum Grauen. Matt und entkräftet, jeder Schwingenschlag ein Schmerz, oft von wirren Trugbildern und lärmenden Stimmen im Kopf heimgesucht, schleppte er sich zum Dienst, vergaß immer wieder wichtige Teile seiner Ausrüstung, und wurde zusehends unsicherer in ihrer Handhabe. Wie ein Sträfling kerbte er mit einem Hufnagel die abgeleisteten Monate und Jahre in die Barackenwand. Inzwischen hatte er zahlreiche Magen- und Herzoperationen hinter sich gebracht, sämtliche Haare und beträchtlich an Gewicht verloren.  
Trotz allem war er standhaft geblieben. Nicht zuletzt einem Verhalten wegen, das er von den Menschenwesen übernommen hatte. Dazu muss man wissen, dass Protektorianer ursprünglich nicht zu essen und zu trinken, nicht zu schlafen und zu reden brauchen. Sie sind, obwohl grammatikalisch maskulin, geschlechtslos und unsterblich. Über die Jahrtausende aber, in denen sie die Menschenwesen beschützen, hatten sie ihre Körperlichkeit angenommen; ihrem Ebenbilde entsprechend, waren sie verletzlich geworden. Sogar ihr höchstes Gut, ihre Unvergänglichkeit, war in Mitleidenschaft geraten: sie konnten dem Tod zum Opfer fallen; allerdings nur, wenn sie ihn selbst lancierten. Nicht nur körperlich hatten sie sich den Menschenwesen angeglichen, auch geistige Eigenheiten hatten sie adaptiert wie das Kultivieren von Neid und Ehrgeiz, die Sucht nach Liebe und Anerkennung, letztlich das Entwickeln von Angst und Strategien dagegen.  
Eine dieser Strategien, in Protektoria zwar nicht verboten, aber mit Skepsis betrachtet, hatte Robinson geholfen seinen schweren Stand zu meistern: das Trinken. Anfangs hatte er dieser Strategie wenig Bedeutung beigemessen. Aber ihm entging nicht, wie einige der Schauspieler einen Hieb vor einer Szene nahmen, unbemerkt in der Garderobe, oder manche der Personenschützer auf der Toilette. Robinson erkannte, dass der Alkohol eine wichtige Rolle bei den Menschenwesen spielte. Nicht umsonst füllte er in zahlreichen Varianten meterlange Regale in den Warenhäusern, Kneipen und Lokalen, und wurde mit hohen Steuern belegt. Warum waren sie in Protektoria fast alle dagegen? Er verstand das nicht. Erfuhr er doch am eigenen Leib, wie gut der Alkohol ihm tat, wie mutig er nach zwei, drei Schluck aus der handlichen Taschenflasche wurde; er klammerte sich bei Verfolgungsfahrten nicht mehr an der Dachrehling fest wie ein küpmmerlicher Hasenfuß, und sprang ab und zu sogar mit hinein in die Pappkartons. Das Zaubermittel spendete ihm nicht nur Mut, sondern machte ihn auch die Sorgen und Ängste eine Zeitlang vergessen. Es erstickte die Gedanken an Morgen und hüllte sein Leben nach Feierabend in einen süßen Nebel, der ihn meist in einen traumlosen Schlaf wog.  
An diesem Tag, als der Gruppenführer zum ungezählten Male die Wasserprozedur wiederholte und Robinson sich mehr als sonst wünschte, die Kameraden mochten ihn liegen lassen, geschah es tatsächlich. Keiner kümmerte sich um ihn. Niemand schenkte ihm auch nur einen Funken Beachtung. Einer nach dem anderen verließ die Baracke. Sie klappten die Bücher zu, stellten die blank gewienerten Stiefel zur Seite und legten ihre halbfertig geschnitzten Weidenholzpfeifen auf die Fensterbänke. 
Robinson wusste nicht wie lange er schon auf dem Boden lag, als er auf einmal ein Stupsen an seiner Schulter spürte. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Augen zu öffnen, die zusammengebackten Lider zu lösen, um zu sehen, was da vor sich ging. Es dauerte eine Weile, bis aus verschwommenen Umrissen sich ihm ein einigermaßen erkennbares Bild offenbarte: Ein Intervenist der höchsten Klasse, das sah er der Uniform an, stand vor ihm auf Hochkrücken unter den Achseln, die Brust übersäht mit Orden und Abzeichen. Das rechte Hosenbein, vom Knie ab hochgeschlagen, baumelte träge herab, der linke Arm barg eine hölzerne Handprothese. In der rechten hielt er einen Gegenstand, mattschwarz schimmernd und metallig. Ein Revolver? Nein, Protektorianer tragen keine Waffen! Eine fleischfarbene Augenklappe querte schräg das vernarbte Gesicht. Die sonst silbernen Schwingen mattgrau und zerzaust. Er nickte wohlwollend als er sah, dass Robinson ihn wahrnahm, stellte die Krücken beiseite und zog sich einen Stuhl heran. Darauf Platz genommen, hob er an: „Du und ich Robinson, wir haben einen hohen Preis gezahlt. Du, ein abgedrifteter Säufer. Ich, ein gebrochener Held. Und die einfältigen Menschlein? Die sehen uns immer noch so wie sie uns und unseren Schöpfer erfunden haben, im lockigen Goldhaar, schneeweißen Schwingen und makellosem Antlitz.“ Er nieste, wischte sich mit dem Ärmel den Rotz von der Nase und fuhr fort: „Ich habe viel gelernt über die Menschentiere. Die Quintessenz meiner Erfahrungen kann ich dir in wenigen Sätzen anvertrauen: Sie ändern sich nicht! Sie sind orientierungslos. Gefangen in sich selbst; besonders in ihrer Doppelgesichtigkeit, die darin kumuliert, dass sie sich wie die Ratten vermehren, um sich selbst in allen unsäglichen Varianten auszurotten. Unsere Mission, sie zu beschützen hat sich ins Gegenteil gekehrt, sie ist zur Sünde geworden.“ Er hob das mattschwarze Ding gegen das Sonnenlicht. Tatsächlich, ein Revolver. „Das schlimmste ist, dass wir uns ihnen angeglichen haben, und damit ebenso der Verdammnis anheimfallen.“ 
Robinson hob den Kopf, bleischwer wog dieser, und senkte ihn wieder. „Wie kannst du so sprechen? Nicht alle Menschen sind schlecht.“  
„Ach? Vielleicht sollte ich mich korrigieren: Schützenswert sind die, die selbst Schutz geben für Leib und Seele. Alle anderen bedürfen unser nicht.“  Er kratzte sich am Hals. „Ich habe die falschen beschützt. Dabei bin ich orientierungslos geworden und ebenfalls ein Sünder. Meine Mission ist fehlgeschlagen.“  
Freytag zog ein zusammengerolltes, versiegeltes Papier aus der Jacke und warf es Robinson hin. „Für dich. Mein Abschiedsgeschenk.“ Er setzte den Revolver an die Schläfe. Nickte. Und drückte ab. Der Schuss machte Robinson unweigerlich zusammenzucken und die Augen zukneifen. Der dumpfe Aufprall Freytags drang an sein Ohr. Momente vergingen. Momente der Stille und des Entsetzens. 
Robinson nahm die Rolle, löste das Siegel und las: Rückversetzung / Neuer Stellungsbefehl … Olhao/Algarve … Fischerei …  
Wieder und wieder las er die wenigen Zeilen. Musterte den Stempel, die Unterschrift des Kommandanten. Er senkte das Blatt. Sah auf Freytag, leblos neben ihm. Und weinte.

Sonntag, 3. Januar 2016

BeSINNlichkeit

 

Man spricht dieser Tage von der besinnlichen Zeit, der Zeit zwischen den Jahren und den ersten Tagen im neuen Jahr. Tatsächlich sieht es aber eher anders aus.

Aspekte
Für Besinnlichkeit braucht es konkrete innere und äußere Aspekte. Innere Aspekte sind Einsicht, und Erkenntnis über den Wert der Besinnlichkeit: Wenn ich nicht weiß, warum ich mich besinnen soll und wofür, werde ich es nicht tun. Um das Warum und Wofür muss ich mich sowohl mental als auch emotional bemühen; das (Nach-)Denken und (Nach-)Fühlen kann anstrengend bisweilen schmerzlich sein. Da unser westliches Konsumleben schon so unsäglich anstrengend ist (Vorsicht: Ironie!), tun wir das Gegenteil: Avocation as avocation can heißt das Gebot.  

Ablenkung
Man nennt es auch Zerstreuung oder Unterhaltung. Das mag uns beleben, hat aber den Nachteil, dass Ablenkung nicht dazu führt, was Besinnung soll. Ablenkung führt uns von uns und auch von unserem Gegenüber weg, statt zu uns und zu ihm hin. Besinnlichkeit ist ein Weg ins Innere, Abklenkung ist wie das Wort durch sich selbst schon ausdrückt, das bewusste wie oft unbewusste Verdrängen des Wesentlichen, dem Abweichen vom eigenen Dō.
Wer sich mit Spiritualität befasst, der weiß um die fruchtbaren Ergebnisse der Besinnlichkeit. 
Leider überwiegt in unserer Gesellschaft der nichtspirituelle Teil; das sind jene, die die stade Zeit, wie es hier im Süden heißt, nicht als solche erkennen und wertschätzen. Sie betreiben stattdessen Ablenkung par excellence: Sie glotzen von Morgen bis Abend TV und zocken on- wie offline, via XboxOne oder PS4, während sie Junkfood, übers Netz geordert, in sich hineinstopfen. Die beliebteste Art der Nichtbesinnlichkeit ist aber immer noch die Pseudokommunikation via die einschlägigen asozialen Netzwerke, oder für die, die noch ein wenig mehr als nur virtuellen Zuspruch brauchen, das klassische Nonshopping (Anpobieren aber nix kaufen) mit Boy- bzw. Birdwatch, inklusive Styleberatung der besten Freundin oder des besten Freundes in der Garderobe.

Ruhe und Reduktion
Die äußeren Aspekte für Besinnung lassen sich im Wesentlichen auf zwei reduzieren: Reduktion und Ruhe. Der erste Aspekt bewirkt zwangsweise den zweiten: Wenn ich mich innerlich wie äußerlich reduziere, werde ich innere wie äußere Ruhe erhalten. Innerliches Reduzieren bedeutet Klarheit im Geist schaffen. Nicht tausend Dinge gleichzeitig versuchen zu managen, sondern immer nur eines zu einer Zeit. Meditation und Autogenes Training sind dafür eine der bewährtesten Methoden, aber auch nicht für Jedermann geeignet. Wer dazu keinen Bezug hat, für den wirkt der Spaziergang — ohne Handy in der Tasche (da wird schon der ein und andere schlucken) — im Wald oder über die Felder Wunder. Wobei wir bei der äußeren Reduktion sind: Felder, Wiesen und Äcker, Raben und Krähen, Bäume und Moos. Was braucht es mehr? Nur Land. Keine Ablenkung. Keine eingehenden Kurznachrichten. Kein Sound via iTunes. Nur du und die Welt in der Stille. Da kann Besinnlichkeit entstehen. Buah … Für manchen ist der bloße Gedanke daran unerträglich: "Ey, Alter, ich ganz allein durch den Wald latschen? Und wenn es dazu noch so neblig ist wie auf dem Bild ... Da komm ich ja auf den Frust. Für mich als Single ist ein freier Tag ohne Freunde schon eine echte Herausforderung. Besinnlichkeit? Ne, also das muss ich mir echt nicht geben." 
Ich rede nicht von tagelangen Wanderungen in selbst auferlegter Isolation. Das mag Schwermut heraufbeschwören; wer Georg Büchners —>  Lenz gelesen hat, weiß, wovon ich rede. Nein, ich rede von bewusst gewählten, gesuchten und kultivierten Inseln der Besinnlichkeit. Schon ein einstündiger Spaziergang bewirkt sehr viel. 

Homo Burnouticus

Anders sieht es mit jenem aus, der Besinnlichkeit von ärztlicher Seite verschrieben bekommt: der Homo Burnouticus. Das ist der, zumindest innerlich, Gehetzte, der nicht, wie ich eingangs erwähnte, in sich hineinspürt, nicht (nach-)denkt und -fühlt, sich nicht ernsthaft fragt: Was geht in mir vor? Wie fühle ich mich? Und warum fühle ich mich so? 
Dem Burnout-Menschen geht es schlecht, sehr schlecht. Aber er will und kann es nicht wahrhaben. Darum leidet er darunter. Und auch das kann er nicht wahrhaben. Darum wird er daran krank. Als ein Getriebener seiner selbst und damit seiner unbewältigten Konditionierungen — Ein Indianer kennt keinen Schmerz — marschiert er soldatengleich wie die Väter und Großväter, mit stolzem Antlitz und gewienerten Langschäftern, über die Schlachtfelder der Leistungsgesellschaft. Bis zur bitteren Neige. Ihn dürfen nicht die seelischen Dreckbatzen, die an seinen Absätzen hängen, kümmern, und auch nicht das zerschlissene Nervenhemd unter dem frisch gebügelten Gehrock. "Besinnung?", fragt er, und sieht dich an mit strafendem Blick. "Bist du verrückt? Nicht bei den ganzen Aufgaben, die auf mich warten."
Der Burnout-Mensch und der, der es werden ,will', liest meine Essays gar nicht. Dafür fehlt ihm die Muße, besser: die Zeit. Muße, diesen Begriff kennt er nicht, und wenn, dann kann er ihn nicht deuten oder hat seinen Wert bereits negiert.

Alle sieben Sinne
Besinnlichkeit kann man praktizieren. In diesem Wort stecken alle Sinne. Im NLP werden diese durch das Kürzel VAKOG aufgelistet: Visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch. Im Living Dō werden noch der Gleichgewichtssinn als sechster und die Intuition als siebter Sinn dazu genommen. Es ist sehr hilfreich, sich aller seiner sieben Sinne bewusst zu sein, beziehungsweise sein Bewusstsein immer wieder dahingehend zu schulen, sich zu fragen: "Was nehme ich wahr? Was höre ich? Was spüre ich? Wie sitze, stehe, gehe ich? Was rieche ich? Was schmecke ich?" Letztlich sind unsere Sinne der Zugang zu unserer inneren und äußeren Welt. Je geschärfter meine Sinne, umso besser entlarve ich deren Missbrauch an mir selbst. Ein besinnlicher Mensch wird Wege finden, diesem Missbrauch entgegenzuwirken. Er spürt es, wenn er plötzlich schlecht schmeckt oder riecht; wenn er sich unrund bewegt, und sein Körper ihm Warnsignale wie Kopf- und Rückenschmerzen aussendet; oder das Schriftbild auf dem Monitor verschwimmt. Spätestens dann, wenn sich in seinen Ohren ein leises Rauschen bemerkbar macht, weiß er, dass es höchste Zeit ist für Besinnlichkeit. Besinnlichkeit und Burnout schließen einander aus.

Der Sinn im Leben
Besinnlichkeit ist ein sozio-psychologisches Gut, das anzustreben sich nicht nur in der staden Zeit anschickt; jeder Tag bietet Möglichkeiten dazu. Diese Möglichkeiten zu finden, sind viele Aspekte des Living Dō wie sie in den 8 Triaden aufgeführt sind, dienlich: Denken in Ruhe und Reduktion. Atmung, Achtsamkeit und Ausdauer. Konzentration, Klarheit und Kontinuität
Möglicherweise erschließt sich dem ein oder anderen Dōjin über den Weg der Besinnlichkeit ein Zugang zu ihrer transzendenten Bedeutung: Dem Sinn im Leben? Eines aber scheint sicher: Ohne Besinnlichkeit, ohne Besinnung ist dessen Erschließung recht unwahrscheinlich. 

Song
Als musikalischen Abschluss habe ich heute den Song von SDP und Adel Tawil "Ich will nur dass du weißt" gewählt. Es geht darin um Trennung und deren emotionalem Verarbeiten. Nicht, dass ich mich momentan akut in dieser Situation befände, weiß ich doch aus eigener Vergangenheit um diese tiefen Gefühle und Gedanken, und ebenfalls um Menschen in meinem Freundeskreis, für die dieses Thema gegenwärtig ist. Der Sinn — und damit schließt sich der Kreis — von einander begegnen und sich trennen offenbart sich nicht in der Ablenkung, sondern in der Besinnlichkeit.