Dienstag, 18. Oktober 2016

WHAT'S YOUR NEXT MOVE? - Marlboro, die letzte





Aller guten Dinge sind drei. Ein letztes Mal soll hier im Living Dō-Blog die obige Marke oder überhaupt irgendeine Zigarettenmarke bemüht sein. Es geht hier aber nicht mehr um den streitbaren Suchtstängel. Und auch nicht um die diversen Warnungen auf der Packung — was an sich vielleicht sogar schon einen kleinen, satirischen Exkurs in die Parallelkonsumwelt wert wäre: Auf den Family-SUVs könnte „Schlechtes Rangieren kann zu Beulen führen“ stehen, und  auf den Kondompackungen „Kann Haut- und Kopfirritationen hervorrufen“. Auf Colaflaschen und Chipstüten stünde: „Kann zum Kauf größerer Kleidung veranlassen“, oder: „Kann Schönheitsdefizite erzeugen“
Es ginge auch direkter und weniger euphemistisch: „Macht sozial abhängig“ auf den Smartphones, und: „Führt zu Faulheit und zu flächendeckender Verblödung“ auf den Fernsehern. Letztlich müssten wir alle auf unseren Klamotten den eingewebten Hinweis tragen, oder besser gleich auf der Haut tätowiert: „Kann tödlich sein.“
Nein, es geht  um etwas anderes — Marlboro wirbt zurzeit wieder mit großflächigen Porträts für ihre Krebs- und Totbringer unter anderem mit der Frage: „What’s your next move?“.

Weiter denken
Diese Frage könnte von den Werbetextern als Wortspiel gemeint sein: „Was ist dein nächster Zug?“, um dann die Antwort zu implizieren: „Der an meiner Marlboro!“
Huah, wie geistreich. Dann kann ich den Post hier beenden.
Ein Living Dōjin jedoch kann aus der Frage „What’s your next move“ mehr herausholen als sich dem durch Werbeübermüllung  zur Ignoranz konditionierten Konsumenten zu erschließen vermag. Ihm kommt zum Beispiel in den Sinn, dass eingefleischte Brettspielnerds bei dieser Frage gedanklich brillante Züge einer Hou Yifan verknüpfen mögen. Oder, wer die chinesische Schachweltmeisterin nicht kennt, sich aber im Global Business zuhause wähnt, sie mit Handlungen Steve Jobs‘scher Dimensionen assoziiert.
Auf das elitäre Berufs- oder Geschäftsleben heruntergebrochen, kann die Frage nach dem next Move also durchaus eine nächste als erfolgversprechend gesehene Aktion meinen — eine Innovation, ein Event, eine Kampagne —, hervorgegangen aus taktisch gedachten Überlegungen.
Und auf das Leben jenseits weltherrschaftlicher Ambitionen eines Mark Zuckerberg oder eines Donald Trump bezogen? Da sieht die Realität meist anders aus. Sie kulminiert in zwei Extremen: Hyperpassivität und Hyperaktivität; deren Fragen lauten: „Warum wird kein next Move gemacht?“ Oder: „Warum werden lauter, aber eher unbedeutende next Moves gemacht?"   
Warum herrschen hier Lethargie und Apathie einerseits vor und Hyperaktivität bis zum Burn-out andrerseits?

Gleich und doch verschieden
Wir alle sind behavioristisch betrachtet, der Fünfheit ex- und intrinsischer Prägung unterworfen: (1)Anlagen - (2)Erziehung/Konditionierung  - (3)Umwelt - (4)Erfahrung - (5)subjektive Verarbeitung und Bedeutungshierarchie der Erfahrung.
In dieser Pentade liegt begründet, warum wir zwar alle verschieden sind, in unser psycho-sozialen Grundstruktur aber recht ähnlich.
Biologisch definiert, sind wir als Homo sapiens senso-motorische Wesen mit erworbenem Intellekt (der durch die rege Nutzung externer, digitaler Intelligenz sich messbar [s. https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Spitzer#Digitale_Demenz] wieder reduziert). Über Jahrtausende hinweg sicherten wir unsere Existenz und unser Überleben durch das aktive Tun mit dem Körper als Sammler, Jäger, Handwerker, …
Nach zwei Weltkriegen waren wir Jahrzehnte lang körperlich mit dem Aufbau und später mit dem Erhalt des Zerstörten beschäftigt.
Inzwischen ist alles aufgebaut. Die Berufswelt hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. Unsere Existenz ist nicht mehr primär von (bisweilen harter) körperlicher Arbeit abhängig, sondern vom Konsum und dessen zwanghafter Aufrechterhaltung als unserer Wohlstandsgrundlage. Diese, sich durch uns selbst erzeugende und durch uns selbst zerfleischende Mechanik ist der schleichende Prozess vom erneuten Niedergang einer Hochkultur wie ihn die Historie immer wieder erlebt hat. 
Was hat das alles mit der „What’s your next move“-Frage zu tun?

Als Gefangener unseres Seins sind wir ständig auf der Flucht vor uns selbst
Das Los des Lebenden, Mensch oder Tier, ist es, sich über die gesamte Dauer seiner Existenz ununterbrochen mit ihm — dem Leben, zu beschäftigen. Man kann es nicht links liegen lassen, und wenn, dann rächt es sich bitter. Es rächt sich aber auch, wenn man es nicht in Ruhe lässt. Oder lässt es uns nicht in Ruhe?
Für beide, den Hyperpassiven wie den Hyperaktiven gilt der Zwitterfatalismus, wie ihn die Überschrift dieses Absatzes beschreibt. Lediglich deren konträre Bewältigungsmuster sind es, die sie, zumindest in dieser Hinsicht, so stark voneinander unterscheiden.
Bewusste Menschen wie unbewusste agieren in beiden vorgenannten Extremen Hyperpassivität und Hyperaktivität. So ergeben sich vier Formen.
Für den unbewussten Hyperpassiven gilt: Kein Plan, also auch kein Zug. Seneca wusste: „Wer den Hafen nicht kennt, für den weht nie der richtige Wind.“
Der unbewusste Hyperaktive hat ebenfalls keinen Plan, nur ist er der Flucht vor sich näher als seiner Gefangenschaft, deswegen ertrinkt er in Eifer, Eile, Emsigkeit.
Nicht weniger fatalistisch trifft es die Bewussten. Den Hyperpassiven unter ihnen hat die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, ganz im Camus’schen Sinn, zur Lethargie getrieben — weshalb und wozu etwas tun, wenn ihr ohnehin alles anheimfällt?
Bleibt noch der bewusste Hyperaktive. Dem wirkenden Konstrukt des Selbstbilds vom Macher geschuldet und der Tatsache, dass allein dessen Rettung, und sei sie zwanghaft, ihn noch am Leben erhält, bringt er triftige Rechtfertigungsstrategien für seine überrege Betriebsamkeit hervor.    

Orientieren - Optimieren - Organisieren
Wer weder zum einen Extrem gehört noch zum anderen, hat als Mischwesen gute Chancen auf ein ausgeglichenes Leben mit guten Moves. So hört man auf diversen Seminaren bisweilen diese Formel: „Aus deiner Vision und deinen Werten erwächst die Mission deines Lebens. Der Erfolg deines Lebens misst sich daran, wie unaufhaltsam du auf deiner Mission bist.“
Sind wir uns unserer Werte bewusst? Haben wir eine Vision, ein geistiges Bild vor Augen? Wollen wir noch etwas aufbauen? Haben wir noch Ziele, Wünsche, Träume, die wir mit eigenen Händen verwirklichen wollen?
Was wollen wir von uns selbst und unserem Leben?
Wer darauf keine Antwort weiß, geschweige denn, sich diese Fragen überhaupt stellt, und sich nicht mal seiner eigenen Werte bewusst ist, der macht keinen bedeutenden Move. Wer zwar Antworten hat, aber sich immer wieder von seinem Weg ablenken lässt, wird womöglich viele gute Moves machen, aber er läuft Gefahr sein Ziel aus den Augen zu verlieren - deswegen lautet die "D-Triade" aus den Acht Triaden des Living Dō: Orientieren - Optimieren - Organisieren. 

Ausgewogenheit
Tragisch wird es, wenn wir als dieses Mischwesen, das beides, Ruhe — kein Move — und Betriebsamkeit — ausgesuchte Moves — braucht, nicht ausgewogen leben können. Wenn wir uns Stille und Ruhe ersehnen, aber es beruflich wie privat nicht schaffen, uns diese Inseln zu organisieren. Wenn wir unter dem Hamsterrad-Syndrom leiden.
Bei Dauerstress — Moves am laufenden Band — wird sich unser Geist früher oder später melden. Er wird es, dreimal dürfen wir raten, über den Körper tun. Wir sind und bleiben Körperwesen, selbst wenn wir ihn zunehmend verleugnen, das meint, ihn schlecht zu ernähren und schlecht zu pflegen, ihn mitunter regelrecht zu vergewaltigen.

Jetzt - Die Königszeit
Das Vergangene war. Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt nur die Gegenwart. Sie ist die Königszeit. Der Anspruch aller Spiritueller und damit auch der Living Dōjin ist: Das Bewusstsein für die Königszeit zu schärfen. Eine Tätigkeit zu verrichten und dabei mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit (… es war so schön mit dem Partner …) oder in der Zukunft (… es wird so schön werden …) zu hängen, ist Verrat an der Gegenwart. Bei belanglosen Tätigkeiten mag das angehen, nicht aber, wenn wir etwas Wichtiges tun, wie zum Beispiel einen Menschen oder ein Tier pflegen. Davon abgesehen steigt ohnehin die Konzentration mit der persönlichen Bedeutungsschwere (s. die Pentade), die wir unserer momentanen Tätigkeit beimessen. Die Frage hier lautet also nicht nach dem nächsten Move, sondern nach dem jetzigen: „Welchen Move machst du gerade? Und vor allem: Wie machst du ihn?“  




Move!
Wichtig ist, dass wir uns überhaupt bewegen. Körperlich und geistig, und das ausgeglichen und bewusst. Tun um des reinen Tuns Willen, ohne nach dem Sinn zu fragen, hat mit Bewusstheit nichts zu schaffen. 
Umso besser, wenn wir zum erkannten Sinn noch die Ethik unserer Handelns erkennen, wenn wir bad Moves unterlassen und good Moves unternehmen.
Wie das geht? 
Keine Moves machen, die für einen selbst und für andere schlecht sind, sondern Moves machen, die für einen selbst und für andere gut sind. 
Und wie geht das? 
Nicht in Lethargie versumpfen, sondern immer wieder mal nach innen gehen, über sich selbst nachdenken, sich die Frage stellen: „Was will ich von mir und meinem Leben?“ Und Antworten finden. Je klarer die Antwort, desto klarer der Plan, desto wahrer der (next) Move.

Song: „Owner of the lonely heart“ (1983) von YES. Der Song beginnt mit: "Move yourself ..."



Freitag, 24. Juni 2016

33,33 ... Ah, ja, ...

 





Wie der Kassenbon preisgibt, macht die Summe meines Einkaufs exakt 33,33. 
Ich habe es nicht, wie mancher Tankende mit zuckenden Fingern am Zapfhahn, einem kindlichen Spieltrieb geschuldet, auf eine Schnapszahl angelegt. Sie ist durch die Konstellation der Artikel entstanden. Und sie ist etwas Besonderes. Denn oft kommt so etwas bestimmt nicht vor, oder doch?

Als ich einer Freundin den Kassenbon mit der magischen Zahl zeige, teilt sie mein Interesse daran gar nicht, sondern betont, „Lidl löhnt nicht“ zitierend, dass sie diesen wie auch die anderen Discounter boykottiere. „Ich bin alternativ und kaufe bei Alnatura ein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Ökologen zu erfahren, dass dort einzukaufen, typisch westlicher Besserverdiener sei, zumindest aber prestigeheischend. „Richtig alternativ ist es erst, wenn man sein Essen selber anbaut.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Lichtnahrungsadepten zu erfahren, dass das schon ein großer Schritt sei, aber man noch immer in der Abhängigkeit zur Nahrungsaufnahme und allem, was damit verbunden ist, stecke. „Die höchste Ebene der Selbstermächtigung ist es, gar nicht mehr von der Nahrung abhängig zu sein.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zeugen Jehovas zu erfahren, dass die Lichtnahrungsmenschen wohl sehr spirituell seien. „Aber sie sind nicht religiös, so wie wir.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Scientologen zu erfahren, dass die Zeugen Jehovas zwar religiös seien, aber in ihrer Religion zu sehr gefangen. „Wahre Religion, wie die unsere, befreit, und führt  wirklich zu Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Atheisten zu erfahren, dass ausgerechnet ein Scientologe das behaupte, wo doch alle Welt um die Verwerflichkeit dieser Sekte wüsste. Zudem klärt er mich über Feuerbachs zentrale These auf: „Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern der Mensch Gott.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Agnostikers zu erfahren: „Annahmen, insbesondere theologische, die die Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz, beispielsweise eines Gottes, betreffen, sind entweder ungeklärt oder überhaupt nicht zu klären.“
„Ah, ja“, sage ich und nicke, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Zen-Adepten zu erfahren, dass es im Buddhismus keinen zentralen, personifizierten Gott gebe wie eben in den abrahamitischen Religionen. „Sei dir selbst ein Licht“, lautet einer der wesentlichen Weisungen des Buddhas.“
„Ah, ja“, sage ich, um nur wenige Stunden später aus dem Mund eines Japanologen zu erfahren, dass laut Sawaki, Kōdō ,Zen, die größte Lüge aller Zeiten‘ sei, aber man auf diese Aussage auch nichts geben könne, denn diese sei quasi widerlegt durch ein anderes Zen-Zitat: „Kein Verlass auf Worte.“ 



Am Ende eines sehr, sehr langen und von sendungsbewussten Begegnungen geprägten Tages fahre ich mir mit der Hand um den Nacken, ganz steif vom vielen Nicken. Was habe ich mich heute aber auch belehren lassen von diesen Menschen, die alles so viel besser wissen ...

Den Kassenbon habe ich an die Pinnwand neben meinen Schreibtisch gehängt, quasi eine Analogie zum Totenschädel der Gelehrten. Darunter hängt Psalm 90, Vers 12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Samstag, 19. März 2016

YOU DECIDE. Marlboro wolft schafspelzig again

Grafik: ASG, Foto: mittelbayerische.de

„Will you stay real?“, „Is up the only way?”  
Mit diesen und ähnlichen vermeintlich geistreichen, in Englisch formulierten Fragen, die, laut Marketingabteilung, zum Nachdenken anregen sollen, holt der Tabakgigant Philip Morris zum abermaligen subversiven Werberundschlag für sein Königskind Marlboro aus. 

Nach der Maybe-Kampagne 2012 und einem Nachklapper 2014 (s. Post) penetrieren uns jetzt wieder weiße Plakatwände. Diesmal, noch einen Touch intellektueller, beschrieben nicht mit moderner, schwarz gedruckter Typo, Gott, wie abgelutscht und spießig, sondern mit handgeschriebenen, roten Großbuchstaben, Wow, wie  konspirativ und rebellisch.
Die Werbemenschen der Agentur L.B. fühlen sich wahrscheinlich wieder mal begnadet, wie die meisten Werbemenschen ab einem gewissen Hybrislevel. Nicht weil sie, getreu dem Motto never change a running system, erneut den Zuschlag für die aktuelle Marlboro-Kampagne erhalten, sondern weil sie sich ,ganz was Cleveres‘ ausgedacht haben: Wir nehmen die alte Strategie — Wiedererkennung! — auf und modifizieren sie. Heya, wie genial, und auch noch echt günstig in der Produktion: keine aufwendigen Shootings an ausgefallenen Sets mit teuren Requisiten, bitchy Models und überspannten Fotografen. Stattdessen einem Praktikanten, Erstsemester Grafikdesign, Flipchartpaper und einer Handvoll Edding 800, das ist der, mit der ganz breiten Spitze.
Jetzt der begnadete Trick: Wir stellen intellektuelle Fragen, und die in Englisch, nach dem Motto „Dummheit frisst, Intelligenz trinkt, Bildung raucht“. Und wer nicht gebildet ist, also gar kein Englisch kann? Scheiß drauf, der raucht erst recht und gerade deswegen.

Think! 
So hat sich die Frankfurter Werbecrew auf ein paar pseudo-philosophische Fragen eingeschossen, um dann zu konstatieren: „You decide.“
Ja, du entscheidest! Du entscheidest, wo’s langgehen soll. Hier wird‘s jetzt tatsächlich tiefenpsychologisch. Ist „nach oben“ wirklich die einzige Richtung? Was meinen die überhaupt mit „nach oben“? Aha, jetzt haben die bei mir ja doch erreicht, was sie laut Werbestatement wollen, mich zum (Nach-)denken anzuregen. Dass „nach oben“ nur allegorisch gemeint sein kann, liegt nahe. Hier böte sich an, Analogien in punkto Karriere zu konstruieren, oder für unsere Religiösen, „up“ mit „himmelwärts“ zu übersetzen. Dann bekommt die Marlboro-Frage ja geradezu eine mächtige Bedeutung: Ist zum Himmel aufzusteigen, der einzige Weg? Gibt es denn nicht noch einen anderen, oder gar mehrere andere? Und stünde himmelwärts nicht die Hölle als diametrales Extrem entgegen? 


Downwards 
Vielleicht will ich ja gar nicht himmelwärts, wie das ganze Gutmenschentum und die Gesundheitsapostel mit ihren Veganpsychosen und Tierschützerhysterien. Vielleicht will ich ja böse sein, und wie einst Backwahn seinen Sannyasins riet, wild und gefährlich leben? Also: Frei und ungehemmt rauchen! Und mir nicht in die Autonomie des freien Rauchers dreinreden lassen. Ist doch mein Leben! 
Ja, absolut. Es ist wahrhaftig jedermanns eigene Entscheidung, wie er mit sich, seinem Körper, seinem Geist, seiner Freiheit, seinem Leben umgeht. Wer Rauchen will, der tut es so lange, bis sein Bewusstsein, sollte es erwachen, ihm klarmacht, was er sich da wirklich antut. Es ist hinreichend erforscht, zigtausendfach verifiziert und lässt sich nicht wegdiskutieren: Wer raucht, fügt sich körperlichen Schaden zu — selbst der in der Suchtforschung gepriesene Sekundärwert kann das nicht ändern —, und dieser Schaden kann gewaltig sein. Bis der qualvolle Rauchertod eintritt, können da noch allerhand eklige Erscheinungen wie Kehlkopfkrebs,  Raucherbein, Raucherlunge auftreten.
Abbildungen von diesen sollen ab Ende Mai auf die Schachteln gedruckt werden. Ich erspare es mir, hier ein paar einzustellen. Doch bis dahin sind es ja noch zwei Monate, also rangeklotzt und alle Plakatwände und Litfaßsäulen mit den komischen Fragen und seit kurzem mit ebenso komisch zurechtpostierten Menschen zugeklebt.

Enlighten 
Ich könnte noch einiges über Inhalt und Form der Kampagne schreiben, die Umsatzzahlen von Philipp Morris (wen es interessiert, die stehen hier) nennen und die Zahl der an Nikotin und Teer Erkrankten und Gestorbenen entgegenstellen (wer es wissen will: hier); Recherchematerial über und gegen das Rauchen findet sich en masse im Netz. Ich bin aber kein Journalist und verfasse keine Artikel, sondern sehe mich als essayistischen Blogger, der während er diese Worte schreibt, merkt, wie Widerstände gegen weiteres Schreiben in ihm aufsteigen. Das ist keine gute Basis für das Verfassen von Prosa, die nicht verdunkeln soll, sondern eher erhellen wie z.B. der vorige Post „Heart of Gold“.

You decide. 
Ich habe, was das Rauchen, besser das Nichtrauchen anlangt, mich schon seit langem entschieden. Ich freue mich über jeden Nichtraucher. Und hoffe für jeden Raucher, dass er bald zu uns wechselt. Es ist eine Frage des Bewusstseins. Du entscheidest.

Dazu, ganz ohne Rauch, aber mit viel Surrealismus: Jain: "Come"



Donnerstag, 25. Februar 2016

HEART  OF  GOLD


Single "Heart of Gold", japanische Pressung von 1972




Der Folksong Heart of Gold wurde 1971 vom kanadischen Singer-Songwriter Neil Young komponiert. Er hat einen recht kurzen Text; doch der besticht umso mehr durch seine Botschaft. Diese, so stark mit der Philosophie des Living Do verbunden, weist seinen Schöpfer untrüglich als einen Living Dojin aus.   

Inhalt
Im Lied geht es um eine Person, die sich auf die Suche nach einem „Goldenen Herzen“ begibt. Sie selbst will „leben und geben“ und muss sich eingestehen, dass ihr das nicht wie von ihr ersehnt, gelingt — „it's these expressions I never give". Ihre Sehnsucht lässt sie weite Reisen tun. Sie altert. Aber sie gibt die Suche nicht auf — „And I'm getting old".

Text von Heart of Gold
I want to live, I want to give
I've been a miner for a heart of gold
It's these expressions I never give
That keep me searching for a heart of gold
And I'm getting old
I've been to Hollywood, I've been to Redwood
I crossed the ocean for a heart of gold
I've been in my mind, it's such a fine line
that keeps me searching for a heart of gold
And I'm getting old
(…)

Zeitlose Metaphern 
Der Songtext von Heart of Gold kann so kurz gehalten sein, weil er nicht auserzählt (wie zum Beispiel Hurricane von Bob Dylan [dieser Song wäre auch noch ein Thema ... nicht nur der markanten Geigenstimme wegen]), sondern von der Metaphorik lebt. In wenigen Worten hat Neil Young seine Sehnsucht nach einem Leben in Liebe ausgedrückt. Text, Sing- und Mundharmonikastimme so gefühlvoll zu arrangieren, gelang dem jungen Musiker dermaßen gut, dass sein Lied nicht nur die Stimmung seiner Zeit — die ausgehenden 60er und angehenden 70er —  und deren Vertreter aufgriff, sondern auch noch 45 Jahre danach von Menschen ähnlicher Gesinnung (= Dojin) gehört, gesungen, geübt, gespielt, gecovert wird, die damals noch nicht einmal auf der Welt waren.* 

Der Song ist zeitlos, weil er einen Archetypus der Menschheit — die Sehnsucht nach Glück und Liebe — einbindet, und ihn durch die Zaubersprache der Musik lebendig bleiben lässt. 

Ja oder Nein?
Gibt es überhaupt Menschen mit einem „goldenen Herzen"? Oder jagt Neil Young einer hippiesken Idealvorstellung hinterher? Begibt er sich auf eine aussichtslose Suche? Hat er womöglich an den falschen Orten — „I've been to Hollywood …" — gesucht?
Es gibt Leute, die fest an Menschen mit einem goldenen Herzen glauben. Sie betonen, diese seien sehr rar gesät. Sie führen Menschen an, die sich aufopfern in der Sozialarbeit, im Pflegedienst und in der Seelsorge.
Ebenso gibt es Leute, die behaupten, die Welt sei von Grund auf schlecht und es gäbe diese Menschen nicht. Sie nennen Männer — und auch Frauen — im Zusammenhang mit Menschenhandel, Prostitution, gar Krieg. 


Quelle: SZ.de / 24.01.2014/ Foto: Oliver Berg/dpa

Zur Zeit der Fotoaufnahme mag diese Soldatin Träger eines dunklen Maschinenherzens gewesen sein. Mit Glück hat sie keine der unten aufgezählten Aspekte selbst erfahren. Ebenso mit Glück stehen auch ihr die Tore zur Wandlung zu einem Goldherzen offen.  

Ja.
Aus meiner Lebenserfahrung und langjährigen Berufspraxis weiß ich, es gibt sie sehr wohl, die Goldherzmenschen. Sie sind überaus zahlreich. Sie sind über die ganze Erde verteilt. Sie sind äußerst aktiv und strotzen vor Energie, wenn es gilt die Welt zu erforschen und zu erobern. Sie sind unvoreingenommen, sie trennen nicht zwischen Nationen und Glauben, zwischen reich und arm, schwarz und weiß. Sie entsprechen nahezu dem Idealtypus des Liebenden, so wie es Paulus in seinem ersten Korintherbrief (1 Kor 13,1–13) schreibt:

„(...) 4Die Liebe ist langmütig, /die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. 5Sie handelt nicht ungehörig, /sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. 6Sie freut sich nicht über das Unrecht, /sondern freut sich an der Wahrheit. 7Sie erträgt alles, /glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.(...)"

Dennoch ...
Die Goldherzmenschen leiden allesamt an einer schweren, aber zum Glück nicht unheilbaren Krankheit. Und sie sind abhängig. Die Schwere der Krankheit nimmt fatalerweise in jenem Maß zu, wie sich die Abhängigkeit wandelt.
Diese Goldherzmenschen sind einer temporären Spezies zugehörig, die allgemein unter einem einfachen Sammelbegriff gefasst werden: Kind, oder Kinder im Plural. Ihre Krankheit heißt Adoleszenz und geht unmittelbar einher mit der flächendeckenden Dauerquarantäne Sozialisation. Sie sind abhängig von jenen, die selbst einmal dieser Spezies angehörten, jedoch durch die Wandlung zum Erwachsenen die Goldherzeigenschaften nur noch rudimentär leben (können).

Wandlung
Jeder Mensch kommt mit einem Herzen aus Gold auf die Welt. Er trägt es nur eine kurze Weile in seiner Brust; so lange, bis schon recht bald die schleichende Inkubation eintritt, bis die Welt mit den Viren der Leistungsgesellschaft und der oft bitteren Erfahrung des „Ernsts des Lebens" das flüssige, pulsierende Gold in starre Zahnräder, Gestänge und Schrauben aus Eisen verwandelt. Das Herz aus Gold wird allmählich zu einem mechanischen Maschinenherzen. Das schlägt fortan in seiner Brust, Tag und Nacht, und verrichtet sein schicksalsträchtiges — gutes wie schlechtes — Werk.  

Yin und Yang
Dieses schicksalsträchtige Menschenwerk ist wie schon Laotze im ihm zugeschriebenen Werk Tao Te King schrieb, der Polarität gut - böse in all ihren Ausprägungen, Abstufungen, Schattierungen anheimgegeben. Das Prinzip des Yin und Yang trägt sein Gesicht in allen erdenkbaren Facetten zur Schau. 
So steht das schlechte Werk des dunklen Maschinenherzens im krassen Gegensatz zum guten Werk des hellen Maschinenherzens geschweige dem Werk des Herzens aus pulsierendem Gold, dem Goldherzen.

Das dunkle Maschinenherz
Das dunkle Maschinenherz lässt uns, der Verblendung zum Opfer gefallen, zum Egomanen mutieren, der sich nicht wirklich für sein Gegenüber interessiert, für dessen Gedanken, Gefühle und Handlungen, sondern, die Scheuklappen fest an die Schläfen gezurrt, nur sich selbst sieht und sein eigenes — scheinbares — Vorankommen im Treibsand von Hass, Gier und Verblendung. Belege dafür gibt es so zahlreich, dass ich hier nur einige aufzähle; die Aufzählung der dunklen Werke mag plakativ erscheinen, ist aber in ihrer Dramatik und Exemplarik auf dieser unserer Welt — nach wie vor — tägliche, traurige Realität.

Das Werk des dunklen Maschinenherzens
Es ist das dunkle Maschinenherz, das Trinken panscht und Essen streckt, das verklappt und thrackt, Seen, Flüsse, Meere vergiftet und die Luft verpestet; das Tiere fängt, in Gefangenschaft züchtet, mästet, foltert, schlachtet und das Gezüchtete, Gemästete, Gefolterte, Geschlachtete in sich hineinfrisst als gäbe es kein Morgen mehr; das säuft und kotzt; das Drogen nimmt und Drogen vertickt; Waffen ver- und ankauft und gegen Leben richtet; Leben verstümmelt und Leben vernichtet; das Menschen gefangen nimmt, und sich Gefangene nimmt, verkauft und zur zur ,Liebe' zwingt. 

Das Speichel leckt; nach unten tritt, nach oben duckt; das schachert und übervorteilt, das fälscht, lügt und betrügt; das sich das Jawort gibt, sich Treue schwört und ehebricht, sich auseinanderlebt, lauthals schreit und schlägt, misshandelt und missbraucht; das lästert, stichelt, spottet und verhöhnt. 

Das grölt und randaliert, Streit sucht und prügelt; das, Macht erlogen, erkauft, gewaltsam geputscht, diktatorisch befiehlt und kadavergehorsamst ausführt; das schnüffelt, nachstellt, beobachtet und denunziert; das vor Gericht muss, prozessiert, verliert und bestraft wird; Strafen absitzt und dort noch mehr Hass schürt und auch hier dealt, schmiert, vergewaltigt, quält, gar mordet. 

Das nicht nur perfide Pläne schmiedet, sondern Schwerter und Streitäxte, und damit raubt und plündert, Hände und Häupter abschlägt; das Fackeln tränkt und damit brandschatzt; das Steine sammelt und damit steinigt.  

Das nicht nach Wegen sucht ins erhellende Licht, sondern nach Ziegeln für Mauern zum Dunkel; das, seiner eigenen Dunkelhaft zu entrinnen nicht mächtig, dort sein Leben fristet, bis der letzte Atemzug vergeudet, es seinem erbärmlichen Tod anheimfällt.   

Das helle Maschinenherz
Das helle Maschinenherz ist getragen von einsichtigen Werten und Motiven. Die großen spirituellen Lehrer sprechen von Güte und Barmherzigkeit, von gesunden Worten, Gesten und Taten. Die Ethik spielt die übergeordnete Rolle. Das helle Maschinenherz erkennt das Unheilsame der Gier, des Hasses und der Verblendung, lässt ab davon und übt sich im Heilsamen. 

Die Auflistung der hellen Werke beim folgenden Absatz habe ich wie auch die Aufzählung der dunklen Werke nicht nach irgendeinem Ranking geordnet, sondern intuitiv niedergeschrieben, weshalb sie kunterbunt durcheinanderpurzeln. Die hellen Werke fokussieren zwar vorrangig Kinderseelen, binden jedoch Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen mit ein. Die Aufzählung der dunklen Werke allerdings begrenzt sich auf die Erwachsenen ... 
Weder Therapeut noch Strafverteidiger oder Ähnliches, ist es, sowohl meiner Gesinnung als auch dem erörternden Charakter dieses Posts geschuldet, selbstredend, dass ich den hellen Werken mehr Raum gebe.  

Das Werk des hellen Maschinenherzens
Es ist das helle Maschinenherz, das Lieder singt und durch Zimmer, Räume, Gänge tanzt, shuffelt und bebopt; das auf Flöten quietscht, Geigen streicht und Bassdrums tritt; das Purzelbäume und Räder schlägt, ohne sie zu verletzen; das Schneemänner baut, rodelt und sich gegenseitig im pulvrigen Weiß einseift; Plätzchen backt, Bäume und Kränze schmückt und sich beschenkt. 

Das Bogen biegt und Pfeile schnitzt; Strichmännchen zeichnet, Katzen, Hunde, Kühe malt; das Skizzen skribbelt, Kleider entwirft und Mäntel schneidert; das Liebesbriefe zu Papier bringt, Lieder schreibt und Verse reimt; das Theater spielt, Regie führt und Orchester dirigiert. 

Das sich das Jawort gibt und hält, liebevoll zeugt und ebenso gebärt; das stillt, füttert, wickelt und wiegt; das hoola-hupt, Seil springt, mit Kreide Kreise auf den Asphalt zieht und drüber hüpft; das auf Bäume klettert, nicht mehr herunterkommt und um Hilfe ruft; das horcht, herbeieilt und hilflose Baumkletterer bergt; das Geheimsprachen erfindet und sich neue Wörter ausdenkt; das vierblättrige Kleeblätter sucht, und sich im Wald ein Lager baut; das Blumensträuße pflückt, Kränze bindet, Freundschaftsbänder knüpft, Schals, Mützen und Strümpfe strickt und sie Omas, Opas, Tanten schenkt. 

Das Maß nimmt und hält, gesund ist und trinkt; das Pausen macht und meditiert, das trauert und die Trauer überwindet; Sprachen, Gedichte, Karten- und Zaubertricks lernt; das Geschichten (vor)liest und in ihnen versinkt; das lehrt und lobt; lernt und sich bildet; das hilft und Hilfe annimmt; das zuhört, überlegt und antwortet; das Wahrheit spricht, Rat gibt und Beistand leistet. 

Das zuhört, versteht und in den Arm nimmt; das Trost, Kleidung, Geld und Blut spendet; das weint und lacht, Tränen trocknet, Pflaster aufklebt, Wunden behandelt, Menschen versorgt und Leben rettet; das Menschen, Tiere und die Umwelt schützt; das Freude hat am Geben und Nehmen; das geht und hinfällt, wieder aufsteht und weiter geht; das ... und ...; das ... 

Wohl und Glück dem Träger eines hellen Maschinenherzens, dem die Welt und das Leben gut gesonnen war und ist, der viel Verständnis, Zuneigung und Liebe erfahren hat und weiterhin erfährt, und sich etwas Gold in ihm bewahren konnte. 

Nachsicht und Gespür dem Träger eines dunklen Maschinenherzens, dem die Welt und das Leben schlecht gesonnen war und ist, der kein Verständnis, keine Zuneigung und keine Liebe erfahren hat und nicht erfährt, und dem alles Gold in sich abhanden kam.   

Kraft und Mut jedem Träger, der sich die Augenlider reibt, die Arme streckt und für sein Erwachen aufrichtig kämpft, ohne zu kämpfen; der Wind und Weide ist und ein Bewusster wird, der in mühevoller Kleinarbeit und unter Anstrengung, die eisernen Zahnräder entrostet, abschleift, ölt, und nach und nach austauscht: Die dunklen Teile in helle, die hellen Teile in goldene. 

Suche und Rückkehr
Es ist das immer heller und goldener werdende Maschinenherz, das sucht nach dem Goldenen Herzen in sich selbst und in dem anderen, und über diese Suche hinaus alt wird und währenddessen sich selbst wandelt, zu einem liebenden, einem Goldenen Herzen, von der Hoffnung getragen, fündig zu werden und selbst gefunden zu werden als ein Mensch mit einem Heart of Gold.


Neil Young
Neil Young war 26 Jahre alt, als er Heart of Gold geschrieben hat. Seine von Schicksalsschlägen geprägte Biographie zeigt, dass seine Suche schon weit früher angefangen hatte; zu Ende war sie zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht. Sie dauert bis heute an. 




Zum Clip
Der Clip zeigt einen Auftritt mit dem frühen Musiker live und ohne Band vor einem kleinen Auditorium. Bislang wurde dieser Clip 92 Millionen mal aufgerufen; er bekam 390.000 Aufwärtsdaumen und 12.000 Abwärtsdaumen — bei letzten fragten sich viele Kommentatoren nach deren Seelenzustand (wobei wir wieder beim Thema wären ...). 
Young braucht eine Weile, bis er die Mundharmonika mit der richtigen Stimmung findet und zu spielen beginnt. Dann aber kann man ihm zuhören und sich von seiner Darbietung verzaubern lassen.

*Das war auf 2015 bezogen, heute sind es natürlich 51 Jahre.  


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