Sonntag, 20. Dezember 2015

D I E  G E R M A N ?  A N G S T



In den Medien kursiert, der momentanen Lage geschuldet, mal wieder das ungeflügelte Wort der „German Angst“.
So titelt n-tv online am 16.12. dieses Jahres: Banger Blick ins Jahr 2016  ̶  Die "German Angst" ist wieder da. Humanitäre Krise, Terrorattacken, Rechtsruck in Europa - viele Deutsche schauen wenig zuversichtlich in die Zukunft. Besonders die mittlere Generation ist pessimistisch. Mit der Rückkehr der "German Angst" sinkt das Vertrauen in die Politik.
In der Einleitung des Artikels heißt es weiter: Die Mehrheit der Deutschen blickt nach einer neuen Umfrage eher mit Angst als mit Zuversicht auf das kommende Jahr. In einer repräsentativen Studie stellte das Meinungsforschungsinstitut GfK im Auftrag der Hamburger Bat-Stiftung für Zukunftsfragen einen starken Stimmungsumschwung im Vergleich zu den Vorjahren fest. Während sich aktuell 55 Prozent der Befragten angsterfüllt zeigten, waren es im Vorjahr nur 31 Prozent, 2013 lediglich 28 Prozent. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt, sprach von einer Rückkehr der "German Angst".

Wer den Artikel im Original lesen will:
Die Studie dazu findet sich hier:
http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschung-aktuell/265.html

Ein Konstrukt 
Befasst man sich näher mit dem Begriff German Angst und mit dem Hauptbegriff Angst, so wird einem deutlich, wie tendenziös und manipulativ das Konstrukt „German Angst“ ist. Der Germanismus Angst wird durch den englischen Zusatz German zu einem eigenständigen nationalen Negativattribut, das man uns im letzten Jahrhundert aufgrund damalig herrschender Verhältnisse aufgestempelt hat (siehe dazu den amerikanischen Historiker Arno J. Mayer). Man kann (die) Angst als solche beliebig mit jedem anderen Land oder Kontinent der Welt verbinden. So existiert ebenfalls eine French Angst vor erneuten Anschlägen oder eine Polish, Danish, Swedish Angst vor Flüchtlingen. Es braucht wohl nicht mehr lange, bis wir im Zuge der europäischen Politik von der European Angst lesen werden. 

Tierische Angst 
Angst ist laut Wikipedia „ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.“
Angst ist nichts Nationales. Angst ist weltimmanent. Angst ist immer und überall. Und sie ist nicht nur menschlich — auch Tiere kennen sie. Das wissen nicht nur Katzen- und Hundebesitzer zu Silvester … 
Wer die tierische Angst in für sich möglicherweise kathartischer Reinkultur erfahren will, der begleite Rinder, Schweine, etc. wenn sie zum Schlachter geführt werden. Hautnah zu beobachten, wie panisch die Tiere sich mit aller Kraft gegen ihren Totschlag, eigentlich per definitionem Mord, wehren, hat schon manchen zum Vegetarier werden lassen.  

Viele Gesichter  
Die Angst zeigt sich mannigfaltig. Jeder kennt sie. Kein Mensch, der sie nicht schon einmal erlebt hat, als Versagensangst vor und bei Prüfungen, als Existenz- und Verlustangst, als Angst vor der Zukunft und neuerdings auch Angst vor Entfremdung. Die Angst erscheint auch unter Namen wie Furcht oder Bangen, als Grauen, Schauder, gar Horror. Oder in subtileren Formen wie Unruhe oder Beklemmung.
Je nachdem in welcher Form und in welcher Intensität uns die Angst ereilt, zittern wir, erblassen oder erbleichen. Uns stockt der Atem, wir hyperventilieren, uns wird schwarz vor Augen. Wir erstarren oder brechen in Schweiß aus. Wir bekommen weiche Knie, klappern mit den Zähnen, oder schlägt uns das Herz bis zum Hals. Wir stottern oder bekommen gar kein Wort mehr heraus. Uns ereilt Magendrücken, Durchfall, oder wir machen uns in die Hose. Wir wälzen uns im Bett und wachen schweißgebadet auf.


ICD-10 und DSM-5
Das sind nicht die neuen Star Wars Roboter, sondern Abkürzungen für zwei internationale medizinische Klassifizierungssysteme, in denen die Psychologie und Psychotherapie mit diversen Angststörungen gut vertreten sind. Dort geht es jedoch um pathologische Ausprägungen, ich spreche hier von sogenannten normalpsychologischen und situativ bedingten Angstformen.
Man muss kein Deutscher, kein Europäer sein, um angesichts der vielfältigen und komplexen gesellschaftlichen Vorfälle und Veränderungen diverse Formen von Angst zu entwickeln. Es genügt wie gesagt, einfach nur ein normaler Mensch (oder Tier — als weiterentwickelte Primaten sind wir nicht weit davon entfernt) auf diesem Planeten zu sein, um Angst zu haben, beziehungsweise Angst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen erleben zu können. 

Angst und Bewusstheit im Living Dō
So ist es nicht die Angst als Phänomen an sich, sondern deren Ursache(n) und Auswirkung(en). Woher rührt sie? Was oder wer löst sie wie in mir aus? Wie gehe ich damit um?  Bekämpfe ich sie? Mache ich sie zu meinem Verbündeten? Versöhne ich mich mit ihr? Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Angst zu begegnen. Ist sie immer mein Feind, der mir Schlechtes will, oder kann sie sogar mein Mentor sein, der mich vor etwas beschützen will?
Diese Fragen münden in just jenen Aspekt, den ein Living Dōjin auf seinem ganzen Lebensweg begleitet: Bewusstwerdung, Bewusstsein. Die 8 Triaden mit den insgesamt 24 Aspekten können helfen, sich seiner selbst, damit seiner Gedanken und seiner Gefühle, dazu gehört die Angst, bewusst(er) zu werden. Im Living Dō geschieht das in drei Schritten: 
1) Das innere Zitieren ausgesuchter Aspekte, zum Beispiel: „Atmung“, „Konzentration“ und „Klarheit“. 
2) Die formelhafte Umsetzung: „Ich atme ruhig und tief“, „Ich bin klar und konzentriert“. 
3) Seine Gedanken und Gefühle beobachten, sie beeinflussen und letztlich die Angst durch die selbst geschaffene Ruhe und Klarheit umwandeln oder auflösen.

Living Dō ist (wie die Angst) überall und immer. Living Dō ist weder German, weil es von einem solchen kreiert wurde, noch Japanese, weil es Techniken und Inhalte aus dem Budō enthält. Living Dō fußt auf Embodiment, und das kennt keine nationalen Attribute. 

Frohe Festtage. Bis zum nächsten Jahr. 
Dazu noch ein besinnlicher Take von James Joshua Otto, "Revelation":

 

Montag, 14. Dezember 2015

B L O C H I Ns  H A N D Y - NACHSCHUSS

Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Shoe_phone

Heute kam ein Interview im Onlineformat der Süddeutschen Zeitung mit Christian Montag, Professor am Lehrstuhl für Molekulare Psychologie der Universität Ulm, wo er das menschliche Verhalten am Smartphone untersucht.
Der Text ergänzt vor allem meine Schlussbemerkung meines Posts vom 22.10.15 „Blochins Handy“ über die digitale Penetrierung durch Smartphones. Das Interview führte Nicola Holzapfel. Ich stelle es 1:1 hier rein:

Professor Montag, was bringt das Smartphone im Job?
Christian Montag: Es scheint zunächst für mehr Produktivität zu sorgen: Wir können kostengünstig kommunizieren und von überall arbeiten. Aber das Gerät sendet laufend akustische und visuelle Signale. Smartphone-Besitzer greifen alle 18 Minuten zum Handy. Durch diese ständigen Unterbrechungen kommen sie gar nicht mehr in einen Flow - das ist der Zustand, wenn wir von einer Aufgabe völlig absorbiert sind, Zeit und Raum vergessen und produktiv sind.

Arbeiten wir dadurch also weniger gut?
Das Smartphone spiegelt uns vor, wir wären zu Multitasking fähig, aber unser Gehirn ist nicht auf parallele Verarbeitung programmiert. Um gut arbeiten zu können, müssen wir uns fokussieren und eins nach dem anderen machen. Dazu kommen wir aber gar nicht mehr.

Das Smartphone nimmt uns also Zeit zum Arbeiten?
Es ist ein Zeitvernichter. Smartphone-Nutzer verbringen im Durchschnitt knapp drei Stunden pro Tag an ihrem Handy, etwa ein Drittel davon sind sie auf sozialen Netzwerken unterwegs, auch am Arbeitsplatz.

Werden wir zu Sklaven unserer Smartphones?
Eine gute Frage. Etwa 40 Prozent nutzen ihr Handy sogar in den letzten fünf Minuten vorm Schlafen und schalten es in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen an. Damit ist schon morgens sofort alles da: E-Mails, Arbeit, Stress.

Warum schauen wir denn ständig da rein?
Weil wir konstant erwarten, dass uns etwas Nettes widerfährt. Aber das passiert nur unregelmäßig. Und auf unregelmäßige Belohnungen reagiert unser Gehirn besonders heftig. Zudem ist der Großteil unseres Verhaltens konditioniert, da laufen unbewusst automatische Mechanismen ab. Das beste Beispiel ist die Bushaltestelle. Dort war uns mal langweilig, also haben wir ins Smartphone geschaut. Inzwischen reagieren viele reflexhaft mit dem Griff zum Handy, sobald sie eine Haltestelle nur sehen.

Klingt fast nach Sucht.
Symptome aus der Suchtforschung lassen sich möglicherweise aufs Smartphone übertragen. Die Toleranzentwicklung: Wir sind immer länger am Handy, um den gleichen Glücksmoment zu erfahren. Die Entzugserscheinung: Wir werden nervös, wenn wir das Handy vergessen. Und die Produktivitätseinbußen, weil unsere Arbeit laufend von Nachrichten unterbrochen wird.

Was macht das mit dem Arbeitsalltag?
Es wird erwartet, auf jede eingehende E-Mail innerhalb kürzester Zeit zu antworten. Die Technik verleitet dazu, selbst um 23 Uhr noch eine berufliche Mail abzuseilen. Dabei ist das Wenigste so wichtig, als dass es nicht ein paar Stunden oder gar Tage warten kann. Feste E-Mail-Zeiten reduzieren dagegen den Stress, steigern das Wohlbefinden und wir kriegen wieder was geschafft.

Also sollten wir die Dinger wieder abschaffen?
Wir müssen anders mit den Geräten umgehen. Vieles, was wir am Smartphone machen, ist unnötig. Es kommt zwar unserem Urbedürfnis entgegen, sozial eingebunden zu sein - deswegen sind die Social-Media-Anwendungen auch so erfolgreich. Aber die drei Stunden am Tag fehlen uns für echtes Miteinander. Wir bringen uns damit um sehr schöne Momente.

Montag, 7. Dezember 2015

Im Zen heißt es: "KEIN VERLASS AUF WORTE." Stimmt das?

Hierzu drei hörenswerte Prosaiker, mit dem Unterschied, dass die Gewichtung Politk - Soziologie - Selbstfindung  Ender der 60er anders lag ...

Hanns Dieter Hüsch (1925 -2005) mit "Der Lästerer" (1968)

 

Der zweite Vertreter ist Franz-Josef Degenhardt (1931-2011) mit "Für wen singe ich" (1968)



Julia Engelmann (1992-) mit "Stille Wasser sind attraktiv" (2014?)