Donnerstag, 22. Oktober 2015

B L O C H I N s  H A N D Y
Bild: ZDF/Stephan Rabold
Ich besitze seit Jahren keinen Fernseher. Aber ich kucke mir manchmal bei Freunden etwas mit an. Zuletzt war das „Blochin — Die Lebenden und die Toten“, der viel diskutierte Thriller-5-Teiler mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, der Ende September im ZDF lief.
http://www.zdf.de/blochin/blochin-39319994.html
In diesem Post soll nur ein einziges aber interessantes Detail dieses Thrillers den Bogen zu Living Dō spannen, genauer zu einem Aspekt von insgesamt 24 aus den 8 Triaden: der Achtsamkeit; wie wir mit ihr umgehen, wie sie bewusst wie unbewusst für und gegen uns und andere wirkt. Das besagte Detail ist klein und aus unserem Alltag nur noch schwer wegzudenken: Blochins Handy.
Der Kritiker Peter Luley schreibt im dritten Absatz seiner Rezension in Spiegel Online Kultur über Blochin: „Mit zunehmender Spieldauer des insgesamt sechsstündigen Werks gab es sogar Lacher wegen unfreiwilliger Komik — nämlich dann, wenn Titelheld Jürgen Vogel als schicksalsgeprüfter Berliner Bulle ein ums andere Mal in hochdramatischer Situation zum Smartphone griff und dann ganz schnell und unvermittelt weg musste. Da war gebannte Anteilnahme schon beiläufigem Amüsement gewichen.“ http://www.spiegel.de/kultur/tv/blochin-im-zdf-leider-nicht-das-deutsche-breaking-bad-a-1054135.html
Die ,Lacher‘ und das ,beiläufige Amüsement‘ mögen wohl ganz beim Rezensenten gewesen sein, meinen Freunden und mir wurden sie nicht zuteil, im Gegenteil; aber vielleicht sind wir noch nicht so metropolished abgewichst und tragen uns zu sehr mit dem Manko der Empathie?
Gesetzt der Tatsache, dass das Smartphone im konzertiert umtriebigen Alltag des urbanen Vereinsamungsphobikers eine neue Religion heraufbeschworen hat, deren Götzendienstverrichtung man allerorten — Schlafzimmer, Küche, Café, Straßenbahn, … — beobachten kann, ist es ein probates Stilmittel der Autoren, in der Geschichte das Handy allgemein und speziell Blochins als einen wesentlichen Pacemaker zu inkludieren; wenn die Akteure irgendwo — Essen mit der Familie, Elternabend, Geschäfte, etc. — herausgerissen werden, passiert dies hauptsächlich durch ein Klingeln aus der Hosentasche, eben wie im richtigen Leben des Homo Androidius. 

Old school oder Old 's cool
Zurück zur Achtsamkeit als Ausdruck unseres Bewusstseins. Blochin benutzt im Gegensatz zu seinen Kollegen kein Smartphone, sondern ein normales Handy, quasi ein Old school Mobiltelefon. Das mag für manchen keine große Entdeckung sein, fraglich, wer es überhaupt bemerkt und wenn, ob und welche Gedanken er sich darüber gemacht hat. Oben zitierter Spiegel Kritiker mag es bemerkt, aber nicht verstanden haben, oder auch nicht bemerkt haben, denn seine Achtsamkeit war im Bestreben, seine Kritik ins Negative spielen zu lassen auf eben jene Aspekte ausgerichtet, die sein Vorhaben — die schlechte Kritik — untermauerten. Das dazu, wie Achtsamkeit wirkt.
Dem berechtigten Interesse meiner speziellen Freundin Jin Cheng geschuldet, möchte ich etwas über dieses Handy-Detail schreiben. Jin ist als Yoko Magune Autorin des zeitgenössischen Romans „€njokōsai,-", mit einem genuin japanischen Thema, das sie hierher in den Westen importiert hat, und den ich hiermit noch einmal gerne für sie bewerben möchte.

Zen und Mehr
Wer sich mit erzählendem Schreiben befasst, weiß, dass die Drehbuchautoren von Blochin das Handy-Detail — wie Hundert andere — bei der Anlage der Figur bewusst arrangiert haben. In durchkomponierten Werken wie Romanen und Drehbüchern erhält jeder tragende Charakter eine eigene fiktive Biographie mit definierten Wesensausprägungen, damit er stimmig nach außen treten kann. Letztlich ist die narrative Illusion perfekt, wenn der Zuschauer vergisst, dass es Fiktion ist, was ihn da auf den Bildschirm bannt — Schauspieler und deren Texte, Komparsen und Statisten, Kleidung und Requisiten, Settings und Locations, … Alles bis ins Detail: Fiktion. Und doch: Wirklichkeit. In Analogie zum Zen könnte man sagen: Fiktion ist Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist Fiktion. Im Zen gibt es den bekannten Spruch: „Form ist Leere, und Leere ist Form.“ Das ist die Kernaussage des Herzsutra im Mahayana. Diese Form-Leere-Aussage gilt als eine Quintessenz im Zuge von Erkenntnis, die man durch tiefere Einsicht gewonnen hat, beziehungsweise gewinnen kann. 
Blochin benutzt kein Smartphone, um sich von seinem Umfeld abzugrenzen und sein Einzelgängertum besser herauszustellen. Das Handy ist für ihn das, wofür es ursprünglich erfunden wurde: ein Gerät zum mobilen Telefonieren. Nicht mehr und nicht weniger (hier käme der Living Dō-Aspekt Reduktion zum Tragen, aber darum geht es in diesem Post nicht). Es gibt nicht eine einzige Szene, in der er eine SMS schreibt. Blochin muss nicht digital (und auch sonst nicht) en vogue sein. Im Gegenteil. Er definiert sich nicht darüber. 
Oder etwa doch?

Synergie
Mit dieser Frage sind wir mitten in Living Dō. Mitten in der Psychologie, die man nicht losgelöst von Living Dō sehen kann und umgekehrt. Weil Living Dō Synergien kultiviert, ist es ebenso wenig losgelöst von westlicher wie östlicher Philosophie, wobei sich zweite im Budō und Zen widerspiegelt.  
Wenn man die vieldiskutierte Auflösung der Dualität als den höchsten Level der Transzendenz erreicht hat, wird die Kernaussage des Herzsutra wahr, dann ist Form Leere und umgekehrt. Dann vereinen sich Widersprüche, lösen sich Muster auf, fallen Feindbilder. Dann wird alles eins. Diesen Zustand setzt man im Buddhismus mit Erleuchtung gleich, und jene, die ihn erreicht haben, je nach Ausrichtung mit Arhats oder Bodhisattvas. Wohl dem, der diesen Weg geht und Ehrfurcht jenem, der gar am Ziel angekommen ist. Dass dies nur relativ wenigen gelang und gelingt, ist bekannt, selbst wenn es wohl einige mehr von sich behaupten. Nur, wer es von sich behauptet, ist es nicht. So lautet zumindest die einhellige Meinung einschlägiger Kreise. Es verhält sich ähnlich diesem Rätsel:

Wer es macht, sagt es nicht.
Wer es sagt, macht es nicht.
Wer es nimmt, kennt es nicht.
Wer es kennt, nimmt es nicht.*

Sieht man einem Erleuchteten denn an, dass er es ist? Schwebt er über dem Boden? Trägt er eine strahlende Aura um sich? Knistert die Atmosphäre dort, wo er sich aufhält? Die Esoterik wird bei uns unter anderem deswegen recht kontrovers diskutiert, weil sie diese Phänomene gerne plakativ ausbreitet und im Gegenzug auf eine seit der Neuzeit naturwissenschaftlich geprägte Denkweise stößt, die so etwas gar nicht oder wenn, dann nur mit Unbill hören will.

Watzlawick
Hier schließen sich bereits Kreise, obwohl Welten dazwischen zu liegen scheinen — wir waren beim Handy und haben über Zen, Esoterik und Naturwissenschaft den Schwenk zu Spiritualität gemacht. Wir sind abgeschweift, um uns wieder Blochins Handy zu widmen, besser der Frage: Definiert Blochin sich über das Handy oder nicht?
Natürlich tut er es. In Analogie zu Paul Watzlawicks erstem Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“, definiert sich jeder am Alltagsleben beteiligte Mensch über und durch etwas: durch Meinung, Sprache, Aussehen, Besitz, Beruf, Hobby, Gruppe, etc. Es ist ein klarer Ausdruck von Selbstdefinition, 2015 mit einem old school Handy zu telefonieren, indes sich der inkarnierte Mainstream anschickt, jeder Smartphone-Innovation hinterherzuhecheln. Ob es Zufall ist, eine Reminiszenz an den Spirit of Retro, romantische Schwärmerei hängengebliebener Nostalgiker, oder mangelnder Fortschrittsgeist habe ich nicht eruiert, jedoch ist es auffällig, dass sich in letzter Zeit immer mehr Living Dōjin wieder Old School Handys zulegen. Diese Erscheinung mag man, wie bei Blochin, gar nicht bemerken — Achtsamkeit — und damit nicht bewerten, nichtsdestotrotz ist es der Ausdruck einer ablehnenden Haltung jener, die es Leid sind, immer noch mehr digital penetriert zu werden. Old school Mobiltelefoner sind Menschen, die in erster Linie telefonieren. Blochin ist so einer. Er telefoniert einfach, wo andere verstummen und  autistisch anmutend mit spitzen Fingern Kurznachrichten eintippen. Das macht ihn wohl nicht zum Erleuchtenden, aber ein Stückweit wohl zu einem Living Dōjin, ohne es zu wissen.

*Falschgeld

Songempfehlung. Von John Mayer gecovert, aber unique.