Freitag, 11. September 2015

BOSSTRANSPHARMATION oder KOLLEGAHler Nachklang




Hi Axel, danke für deinen letzten Post als Reaktion auf meinen Kommentar. Leider muss ich wieder mal kritisieren. Der Post und was du als Quintessenz unter der Zen-Weisheit „Weniger ist mehr“ zusammenfasst, ist für mich überhaupt nicht zufriedenstellend. Jeder deiner Winzkapitel enthält leider zu wenig Substanz, um dem Zitat zu genügen. (…) Gerade der Absatz über Kollegah kommt viel zu kurz. Ich wünschte mir eine Ergänzung zu deinem letzten Post; es ist ja nicht so, dass du gar nichts zu sagen hättest und es ist ebenfalls nicht so, dass du nicht gehört würdest. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dir die Zeit nähmest (ja, auch ich beherrsche den Konjunktiv ;-)), um auf mein Gewünschtes einzugehen, sonst fühle ich mich durch deine Zen-Weisheiten eher abgespeist denn inspiriert. Viele Grüße Yoko/Jin


Ich habe den Kommentar etwas gekürzt oben reingestellt. Wer um den Hintergrund wissen will, sollte den ganzen Kommentar lesen, meinen letzten Post „Kollegah?“ und den dazugehörigen Kommentar.


Killa
Ich nehme mir diese Kritik zu Herzen und werde den Kollegah-Absatz ergänzen. Auch werde ich Jins vorvorigem Kommentar geschuldet, provokante Sätze und ein paar Wortspiele (s. Titel) rausrotzen, angesichts der Tatsache, dass Rapper ja Meister in dieser Kunst sind und ich als Autor ebenfalls versucht bin, ein gerüttelt Maß an Eloquenz zu bieten. So wäre wenigstens da schon mal ein Transfer geschaffen.
Meine Ausführungen werden zwangsläufig wieder ins Fragmentarische fallen, einfach deswegen, weil der Einsatz von mentaler Energie einhergeht mit dem Sinn und der Bedeutung, die man den Denkobjekten angedeihen lässt, soll heißen, warum Texte elaborieren für Erscheinungen, die meinem Gedankengut entgegenstehen? Oder plakativer gefragt: Warum seine kostbare Zeit vergeuden, um am populistisch inszenierten Streit, im Hip-Hop-Jargon als dissing kultiviert, zwischen Rappern oder Fitness-YouTubern teilzuhaben, sich Farid Bangs sexistische Parole „Jetzt werden wieder Mütter gefickt!“ anzuhören, verwackelte YouTube-Clips über Bizeps-Training oder, vielleicht noch schlimmer, Kommentar-Clips von Body Builder-YouTubern über andere Body Builder-Youtuber in Real talk-Videos https://youtu.be/ZNI6Zfw7KTo anzusehen? Wer das allerdings aus psychologischen oder soziologischen Gründen machen will, der klicke die Links. 


   


(Netz-)Poser
Kollegah rappt nicht nur, er pumpt auch Eisen, und: Der Rapperking hat das ultimative Muskelprogramm erfunden. Durch dieses kann sich jeder vom spargeligen Buchhalterstatisten zum von ihm besungenen, besser, berappten Boss transformieren, weswegen er es unter dem passenden, verheißungsvollen Begriff Bosstransformation http://deine.bosstransformation.com/ für ein Schnäppchenpreis (das ist natürlich ironisch gemeint) anbietet. Dass zu Kollegahs krasser Umformung  neben dem buchstäblich eisenharten Training und massig Proteinpulver wohl noch etwaige synthetische Zaubermittelchen mit hineinspiel(t)en, soll durch das Wortspiel im Posttitel angedeutet sein.    


Farid vs. Willy 
Die Beschäftigung mit Kollegahs apodiktischem Pimpprogramm führte mich zu anderen Rappern wie dem bereits erwähnten Farid Bang (und dessen — was die gezielt verwendete Homophonie als Kunstform angeht [dagegen ist Willy Astor ein blasgesichtiges Waisenknäblein] — beachtlicher Rap Bitte Spitte Toi Lab —> http://genius.com/Farid-bang-bitte-spitte-toi-lab-banger-musik-remix-lyrics) und  Fler. Letzter konstatiert in einem Interview bei TV Straßensound auf sein aufgedunsenes Gesicht angesprochen, dass er den Ge- (oder Miss-?)brauch von Anabolika im Gegensatz zu seinen Kollegen zugebe.

Körperkulturistik
Für die, die gar nicht wissen, worum es geht, ein ungezierter Abriss: Die Fitnessszene erlebt, hauptsächlich durch YouTube lanciert, seit ein paar Jahren eine gewaltige Renaissance des körperlichen Narzissmus, die vor allem Jugendliche und jüngere Erwachsene in ihren zweifelhaften Bann zieht. Überdimensionale Muskelumfänge, die sich zu Arnis Zeiten die anabole Subkultur der Bodybuilder zu eigen machte, sind mittlerweile salonfähig, mehr noch, ein must do in einer fragwürdigen Lifestyle-Szene geworden. Wem der nötige Egodrive für das — zumindest in motorischer Hinsicht bewertet und mit komplexen Sportarten oder Kampfkünsten verglichen — recht stumpfsinnige Heben und Senken von Eisenhanteln fehlt, hat schlechte Chancen im Verdrängungsmarkt der Egoposer;  ohne großflächig tätowierte, schenkeldicke Oberarme in hautengen T-Shirts sollte man sich in einschlägigen Straßencafés besser ganz nach hinten setzen. 
Nach oben gibt es nach wie vor keine Grenzen. Wohin die Hypertrophiepervertierung führen kann, zeigt uns unter anderem der deutsche Bodybuilder Markus Rühl

 
Quelle: allstars.de


Schwammiger Anfang
Wenn man überhaupt irgendwo den Anfang einer größeren Fitness-Neu-Bewegung verorten will, könnte man dies bei dem bis dato schwammigen Tänzer Detlef Soost und seinen diversen Abnehm-Programmen zuschreiben. Soosts Bekanntheitsgrad und seine eigene Abnehm-Erfolgsstory  brachten ihm den medialen Rückenwind, um bei Pro7 gut promotet zu werden und ein recht breites Publikum zu annoncieren. Klar, dass da Kopisten und Eklektiker wie ein Daniel Aminati — „Mach dich krass“ oder ein Julian Zietlow — „Abgerechnet wird am Strand“ nicht lange auf sich warten ließen und noch ein paar Schippen drauflegten; es genügte nicht mehr, nur abzunehmen und schlank zu sein, da mussten Muskeln her, und nicht zu wenig. Um sich weiterhin im hart umkämpften Körpermarkt zu behaupten, hatte auch Soost zuzulegen und sich selbst untreu zu werden — sein überdurchschnittliches Muskelwachstum erreichte er, bio- und physiologischen Phänomenen wie Adaption und Hypertrophie geschuldet, nicht durch die seinem Programm zugehörigen Eigenkörperübungen, sondern mit strategischem Hantel- und Maschinentraining, was er geflissentlich verschwieg. Ob er das heute auch noch tut, während die Konkurrenz keinen Hehl aus Hanteln Pumpen macht, habe ich mangels Interesse nicht mehr recherchiert (mentale Energie vs. Bedeutung … wir erinnern uns). Die Frage nach synthetischen Helferlein will ich gar nicht aufs Tapet bringen.  
Oliver Kalkofe hat auch hiervor mit seinen Parodien nicht Halt gemacht:


Ich erspare es mir, die ganzen Leute und die viele Konkurrenten aus dieser Szene, die um Likes und Abonnenten buhlen, aufzuzählen. In den Clips sind sie vertreten, und überdies sorgt Social Media mit seinem Empfehlungssystem dafür, dass jeder Konsument auf die entsprechenden Links geführt wird.

Was hat das alles mit Living Dō zu tun?
Bei Living Dō geht es nicht um tumbe, stereotype Unterhaltung und vifes Marketing, das gerade über dieses Manko (tumb und stereotyp) hinwegzutäuschen sucht.  Es geht nicht um Technik- und Modernisierungswahn,  nicht um das sich selbst zerfleischende Wirtschaftswachstum mit der konzertierten Aufzucht und Hege von Konsumzombies. Es geht um die sozio-psychologischen Hintergründe, die das alles erschaffen; es geht um die Denk- und Gefühlmuster, denen wir ausnahmslos alle unterworfen sind und die zum Teil recht fragwürdige Gestalt annehmen — wie kann es angehen, dass notorische Netzkonsumenten sich für virtuelle Leben auf FB und YT mehr interessieren als für das reale Leben Nahestehender?   
Living Dō versucht durch Schaffen und Kultivieren von Bewusstheit einen Teil zu einer gesellschaftlichen Transformation beizutragen. Diese Transformation meint dann eher Herz und Geist und weniger Brust und Bizeps.


Der heutige Song gebührt meiner liebsten Kritikerin Yoko/Jin.