Sonntag, 19. Juli 2015

R E D U K T I O N

„Hey, Axel, wo bleibt dein neuer Living Dō-Post?“, mailt mir Yoko mal wieder aus Berlin, nachdem sie sich irgendwann letztes Jahr beschwert hatte, das sei kein richtiger Blog, weil ich nicht ständig und zeitnah Aktuelles reinstellte. Tatsächlich tue ich mich zurzeit schwer, etwas zu posten. Dem Anspruch geschuldet, etwas Sinnvolles zu verfassen, springt mich kein Thema an, über das zu schreiben ich mich aufrichtig engagieren wollte. Aktuelle Themen werden von Profis wie geschulten Journalisten tagtäglich en masse verbreitet. Wir drohen zu ertrinken unter der 24 h-Nonstop-Unterhaltungs- und Informationsflut, die über uns durch das Netz, den Rundfunk und das Fernsehen hereinbricht. Zudem kommen unzählige Zeitschriften, Magazine und Zeitungen, die zig- und hundertfach monatlich, wöchentlich und täglich, je nach Medium, in den Buchhandlungen die Regale füllen und um unsere Aufmerksamkeit buhlen.

Wer soll das alles lesen? 
Und warum soll er es lesen? Erreiche ich überhaupt jemanden mit meinem Blog? Mit erreichen meine ich nicht Aufrufe, die sind da, ich meine, ob die Posts tauglich sind, etwas mental anzustupsen. Wenn ja, wen und mit welchen Inhalten? „Worüber soll einer wie ich schreiben, der eine Gesinnung, der Reduktion zugewandt, mit den Worten ,Ich will immer weniger haben, statt mehr‘, kultiviert, die seit Diogenes von Sinope existiert“, frage ich mich und finde eine Antwort: „Schreibe über genau das, über Reduktion. Und schreibe es dem Thema angemessen: Konzis.“ Was gar nicht so einfach ist. Letztlich braucht Gehalt Raum und jedwede Verdichtung birgt Verlust, soll heißen, alles, was ich hier nicht niederschreibe fehlt, um Inhalte und Tragweite zu transportieren. So muss jeder Text, der dem Anspruch der Verknappung anheimfällt, zwangsläufig mit dem Makel der Abstraktion behaftet sein. Spätestens nach diesen beiden Sätzen sind die Leser ausgestiegen, die mit Abstrahieren Schwierigkeiten haben. Sorry, aber damit muss ich leben. Die Anzahl der Nichtleser dieses Blogs übersteigt ohnehin um ein Unermessliches die der Leser, so what?       

Reduktion oder mal wieder Weniger ist mehr
Die dritte Triade (nach  K und A)  des Living Dō lautet: Ruhe — Rhythmus — Reduktion.  Dieser Post gilt also dem dritten Aspekt.
Unter obigem Motto („Weniger ist mehr“) ist Reduktion zu einer Lebenseinstellung einer weltweiten Community geworden. Lebenseinstellung bedeutet mehr als das Modewort Lifestyle. Wer die befreiende Wirkung der bewussten Reduktion von materiellen und immateriellen Dingen auf Körper, Geist und Seele gespürt hat oder immer noch spürt, weiß, wovon ich rede. Wer sein Leben entrümpelt, hat mehr Raum für das Wesentliche. Selbstredend, das „das Wesentliche“ für jeden etwas anderes bedeutet, weil, den eigenen Konditionierungen geschuldet, jeder andere Ansprüche hegt.  Aber, über diese individuellen und konditionierten Ansprüche hinaus, gibt es mindestens ein allgemeingültiges Parameter, das davon losgelöst ist: Das Verhältnis von Zeit und Handeln (über die Zeit und den Umgang mit ihr habe ich bereits in einem früheren Post geschrieben; wer diesen noch einmal nachlesen will: http://www.livingdo.blogspot.de/2014_07_01_archive.html).

Womit und wie verbringe ich meine Zeit?
Wenn ich fünf Hobbys habe und diesen zu gleichen Teilen nachgehe, muss ich zwangsläufig meine Zeit und meine Energie fünfteln, bei drei Hobbys dritteln, bei zweien nur noch halbieren. Cracks konzentrieren sich deshalb auf eine Sache, und kommen auf 100 Prozent. Wer darüber klagt, dass ihm die Zeit davonläuft oder darüber, dass er nichts erledigt bekommt, sollte sich einmal näher anschauen, womit und wie er sein persönliches Zeitvolumen verbraucht. „Verbraucht“  ist bewusst gewählt, denn Zeit ist unwiederbringlich, obwohl sie ständig da ist, wie die Luft zum Atmen. Ein Paradoxon. Ich meine es im Heraklit’schen Sinn: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Keine Sekunde gleicht der anderen.

Was also tun?
Klarheit (übrigens auch ein Aspekt im Living Dō) schaffen. Sich bewusst werden, was einem wichtig ist. Womit und mit wem will ich meine Zeit verbringen? Nutze ich die Zeit oder vergeude ich sie? Habe ich Dinge oder haben die Dinge mich, weil sie mir Zeit abfordern?    
Um diese Fragen für sich zu beantworten, muss man nicht erst Erich Fromms „Haben oder Sein“ gelesen haben. Es genügt eine Bestandsanalyse und eine Innenschau: Was brauche ich wirklich? Was will ich nicht (mehr)? Hier kommt die achte und letzte Triade (Ō) des Living Dō zum Tragen: Orientieren — Optimieren — Organisieren. Diese Triade ist, wie im Grunde alle acht Triaden, selbsterklärend, weshalb ich mir weitere Ausführungen darüber erspare.

Abschließend drei Formeln zur Reduktion  
  • Reduzieren ist bewusstes Loslassen mit der Absicht, sich dem Behaltenen oder dem Neugewonnenen besser zuzuwenden.
  • Reduzieren bedeutet Konzentration auf das Weniger.
  • Reduzieren heißt Freiheit schaffen.

Zum Ausklang wieder ein Song meiner Favourites. "What I Am"  von Edie Brickell & New Bohemians auf ihrem Debütalbum "Shooting Rubberband at the Stars" von 1988.




Text:
I'm not aware of too many things
I know what I know, if you know what I mean
Philosophy is the talk on a cereal box
Religion is the smile on a dog
I'm not aware of too many things
I know what I know, if you know what I mean, d-doo yeah
Choke me in the shallow waters
Before I get too deep

What I am is what I am
Are you what you are or what?
What I am is what I am
Are you what you are or

Oh, I'm not aware of too many things
I know what I know, if you know what I mean
Philosophy is a walk on the slippery rocks
Religion is a light in the fog
I'm not aware of too many things
I know what I know, if you know what I mean, d-doo yeah

Choke me in the shallow water
Before I get too deep (
…)

Quelle:
http://www.lyricsondemand.com/onehitwonders/whatiamlyrics.html