Sonntag, 21. Juni 2015

Nimm mich mit - Eine Dekade "Leben"
Mit 10 die erste Schachtel Zigaretten gepafft, bezahlt von Münzen, gestohlen aus der Geldbüchse im Küchenschrank.


Mit 12 sich von den Jungs auf dem Rummelplatz zum Autoskooter einladen gelassen, die spendable Geste mit zuckerwattigen Zungenküssen honoriert.


Mit 13 Lippenstift blutrot, in Highheels über den Schulhof gestakst, den Freundinnen großmütig Ratschläge erteilt, jetzt, wo sie keine Jungfrau mehr ist.


Mit 14 drüben beim Kiosk sich etwas Taschengeld für Schminke und Klamotten verdient.


Mit 15, der Vater sich die letzte Chance auf Bewährung versaut, die Mutter und die beiden kleinen Schwestern allein gelassen und zum Freund gezogen. 


Mit 16 die Lehre geschmissen, den Traum vom Neuanfang unter Palmen geträumt.


Mit 17 das Träumen verloren, stattdessen den Reiz des Geldes und die Macht des Körpers erfahren.


Mit 18 den Preis des sich Verkaufens wie das vermeintliche Heil der Drogen und falscher Freunde unterbewertet.


Mit 19 die Therapie abgebrochen, von der Welt unverstanden, ans Meer getrampt. 

Mit 20 ertrunken im Hafen von Marseille gefunden.    



Mittwoch, 10. Juni 2015

A N G I 
Wohl die meisten assoziieren mit diesem Namen den Song "Angie" der Rolling Stones [1973 auf "Goats Head Soup"].

Davey Graham [1940 -2008]
Hier geht es um einen anderen Titel. Um ein Instrumentalstück, das der Gitarrist Davey Graham 1962 komponierte. Es schreibt sich allerdings anders als der Stones-Titel ohne "e" am Ende. 

Das Stück Angi ist ein gutes Beispiel für den Gitarrenstil des Fingerpicking, der sich der Stilmittel Hammer-on, Pull-off und meist Palm mute und Wechselbass bedient.  

Deutlich bei Angi ist der durchgehende Basslauf parallel zur Melodie. Angi ist ein Paradestück des Fingerpickings und hat es zu weltweitem Ruhm gebracht. Das Original hört Ihr hier: 

 


Werner Lämmerhirt [1949 - 2016]
Bekannte Gitarristen aus der Folkszene haben dieses Stück in ihr Repertoire aufgenommen. 
Die virtuoseste von allen Interpretationen hat der damals 25jährige Gitarrist Werner Lämmerhirt 1974 auf die Vinyl-LP "Tenthousand Miles" gepresst. 


 http://www.werner-laemmerhirt.de/


Man kann seine herausragende Version auch online anhören: 
Zehntausend Meilen
Der LP-Titel Ten Thousand Miles und das gleichnamige Stück, hatten mich zum Titel meines Walzromans inspiriert.

www.axelgora.de

Dienstag, 2. Juni 2015

Mind-Wandering

Thomas, ein Freund, hält mir einen Der Spiegel entgegen: „Hier für dich, du befasst dich doch mit dem Zeugs“, sagt er und tippt mit dem Finger auf den Titel. „Kontrenzier dich!“, steht da. Ich sehe auf das Datum — Nr.11, vom 7. März 2015 —, bedanke mich und sage: „Ist ja nicht mehr ganz so aktuell, die Ausgabe“, ergänze aber im gleichen Atemzug, dass zwei Monate im Vergleich zu Büchern dieses Themas, die bereits letztes Jahr erschienen sind, dann doch wieder recht aktuell ist, und schließlich die erste der acht Living Dō-Triaden mit Konzentration beginnt (dann kommen Klarheit und Kontinuität). 


http://www.spiegel.tv/filme/thema-lernen-bildung/



Die Titelstory behandelt das Phänomen des Mind-Wanderings, dem eher unbewussten Abschweifen unserer Gedanken und dessen Auswirkungen auf unser Verhalten und Sein. Der Artikel beklagt, dass durch die Vermehrung der digitalen Medien die Aufmerksamkeitsfähigkeit nachlässt, was negative Folgen in allen Lebensbereichen nach sich zieht.


Mentales Hintergrundrauschen
„Alles vermengt sich zu einem Hintergrundrauschen aus Erinnerungen, Bewertungen und kleinen Geschichten“, zitiert die Autorin Kerstin Kullmann den Professor für Theoretische Philosophie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Thomas Metzinger, und listet zu den Inhalten des gedanklichen Abschweifens noch folgende auf:
  • Spontan aufbrechende Erinnerungen
  • Mehr oder weniger zwanghaftes Planen
  • Wiederkehrende traurige Gedanken
  • Neurotisches Denken (Schuldgefühle, die Beschäftigung mit früheren Verfehlungen)
  • Tagträume
  • Sexuelle Fantasien
Jeder kann einmal für sich selbst gegenchecken, was davon auf ihn persönlich zutrifft.


Wie machst du Denken?
Denken ist ein komplexer neurologischer Prozess, über den hier auszulassen nicht der Ort ist. Wer sich näher damit beschäftigen will, dem sei das opulente Werk (624 S.) Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahneman empfohlen.  
Auch der geschätzte Daniel Goleman, der 1995 das Buch EQ – Emotionale Intelligenz publizierte, hat letztes Jahr zu diesem Thema Konzentriert Euch! - Eine Anleitung zum modernen Leben herausgegeben. Wobei es naturgemäß individuell entschieden wird, wie weit die Vertiefung in die Theorie betrieben werden will; ein wesentlicher Indikator hierzu ist der Grad der praktischen Umsetzung der Theorie in den Alltag. Nicht praktikable Theorie ist für das Konzept und den Anspruch des Living Dō mehr oder weniger sinnlos.


Die höchste Instanz: Das proaktive Handeln
Die Haupttriade der acht Living Dō-Triaden besteht aus: Atmung – Ausdruck – Aktion: Die Atmung leitet ein, der Ausdruck — Mimik und Körpersprache bereitet vor, die Aktion ist das zielgerichtete Handeln; das kann das Anklopfen sein zu einem Vorstellungstermin, oder das Ansprechen einer fremden Person. Es ist immer das Handeln, das über alles entscheidet. In letzter Konsequenz ist auch Nichthandeln Handeln; so wie der, der keine Entscheidung trifft, trotzdem entscheidet. Dass es hier um aktives, besser proaktives  Gestalten geht, mit der Absicht Hilfreiches und Förderliches zu schaffen, ist selbstredend.  
Wenn ich nicht proaktiv handele und im Theoretisieren verhaftet bleibe, ist wenig bis gar nichts gewonnen. Das gilt für alle Lebensbereiche.  


Triadisches Denken vs. Mind-Wandering
Im Living Dō ist Denken als ein Aspekt der 24 Aspekte aufgeführt. Es ist Bestandteil der 7. Triade „Denken – Danken – Dienen“ und korreliert mit den Aspekten Konzentration, Klarheit, Ordnung, Ruhe und Achtsamkeit.
Beim Triadischen Denken im Living Dō geht es darum, wie man dem Mind-Wandering entgegentreten kann, ohne sich mental zu kasteien. Es geht um das bewusst positive Ausrichten seiner Gedanken auf einen bestimmten Inhalt. Denken und Fühlen lassen sich nicht trennen. Oft wird behauptet, unser Denken können wir einfacher steuern als unsere Gefühle. Das bezweifele ich. So wie wir bewusste wie unbewusste Gedanken haben, haben wir auch bewusste wie unbewusste Gefühle. 


Ei oder Henne? 
Die uralte - philosophische - Frage: Wer war zuerst da? Übertragen auf Denken und Fühlen, kann man das nicht so einfach beantworten. Vielmehr sollte die Frage anders gestellt werden; nicht wer zu erst da war, sondern wer wen wie beeinflusst. 
Beide beeinflussen beide. Wenn ich durch Meditieren zur Ruhe komme, brauchte ich davor die innere Bereitschaft, mich überhaupt zum Meditieren hinzusetzen. Haben mich Gedanken dazu gebracht? Gedanken, die mir sagten, es täte mir gut, jetzt zu meditieren? Waren diese Gedanken gespeist durch Gefühle der inneren Unruhe, die mir quasi den Nährboden bereitet haben für die Gedanken an die Meditation?   


Meister, Knecht und Freund
Diese Kette ist eine naturgemäße und zwingende Konsequenz. Das Verblüffende daran ist, dass wir es tatsächlich in der Hand haben, Herr und Meister unserer Gedanken zu sein oder das Gegenteil, ihr Knecht. Wem das zu polarisiert ist: es müssen nicht unbedingt die Yin-Yang-Extreme Herr – Knecht sein, es ist schon ein großer Erfolg, wenn man sich die eigenen Gedanken zum Freund macht und sich mit ihnen zum Guten verbündet.



Budō — Eine der besten Methoden gegen Mind-Wandering
Dem Mind-Wandering lässt sich auch durch andere Methoden begegnen. Eine der besten davon bietet die Natur der Kampfkünste schlechthin: Wer schweift mit den Gedanken ab, während er Kampfkunst praktiziert? Was beim Zazen gang und gäbe ist, und wohl von fast jedem Zenji thematisiert wird, existiert in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit im Budō so gut wie nicht. Wenn ich eine Kata übe, verschmelze ich mit der Bewegung; wenn ich mit einem Partner übe, verschmelze ich mit der Technik. Würde ich abschweifen, riskierte ich ein Misslingen der Technik oder gar einen schmerzvollen Treffer des Gegners.







Diese Unmittelbarkeit, in der Ausführung und Ausführender eins sind, bieten sonst nur Extremsituationen, die den ganzen Geist und den Körper fördern, wie etwa Auto oder Motorrad fahren unter schweren Bedingungen (sehr hohes Tempo, oder Großstadtverkehr, wenn man sonst nur das Zeitlupentempo des Landlebens kennt), Arbeiten in großen Höhen, etc. 

Aber, es geht auch weit weniger gefährlich: Musizieren, Thematisieren wichtiger Inhalte (Trennungsgespräch), etc., etc. Im Grunde jede konzentrierte Tätigkeit, bei der Abschweifen Konsequenzen nach sich zöge. 
Surfen im Netz, egal in welcher Variante, gehört dazu wohl eher nicht.