Donnerstag, 7. Mai 2015

Diktators Tod (eine Geschichte)  
Ich habe es erst sehr spät erfahren. Gerade ich, der ich immer an erster Stelle stand, wenn es galt über lebenswichtige Maßnahmen Kenntnis zu erhalten. Der Hohn des Schicksals hat seine niederträchtige Hand an mich gelegt und mich bis zum bitteren Ende unwissend gelassen. Doch jetzt weiß ich Bescheid, sehe klar und rein in meine kürzeste Zukunft. Geschwätzigen, die nichts für sich behalten können, hab ich’s entnommen; in zwei Tagen schon. In zwei Tagen soll es geschehen: Am frühen Morgen wird das Exekutionskommando erscheinen.
Niemals hätte ich das geahnt. Ich glaubte mich souverän und unangreifbar. Für die Ewigkeit auserkoren. Alle überdauernd.
Wo sonst als bei mir fand alles statt? Die offiziellen Empfänge, die Audienzen und Tagungen mit den Mächtigen dieser Welt, ebenso wie die geheimen Beratungen, die konspirativen Treffen und außerdienstlichen Zusammenkünfte.
Immer und überall war ich zugegen – Stunde um Stunde, Tag und Nacht, Jahrzehnte lang – wenn sie im großen Saal mit goldenen Füllfedern Kontrakte unterzeichneten, sich schulterklopfend Posten zuschoben und danach teure Zigarren anzündeten. Als schweigender Zeuge stand ich unbewegt, wenn sie in meinem Clubzimmer roten Wein aus kristallenen Gläsern soffen und sich die Freudenmädchen nahmen, zu Dutzenden bestellt, auf die Tische gelegt und über die Sessel gebeugt.
Ich liebte das Hallen der ledernen Absätze, wenn die Offiziere in blankgewienerten Langschäftern stolz durch die endlosen Korridore schritten, und ebenso genoss ich es, wenn die Zugehfrauen, drall und auf Knien rutschend, mich mit ihren Feudeln liebkosten, mich herausputzten für mein schicksalsschweres Amt – war ich nicht Gebieter über alle Menschen hier in meinem Reich? Sind nicht in meinen Gemächern Urteile gefällt worden über Leben und Tod?
Und jetzt, was ist geschehen? Sie haben meine Hinrichtung schon vor Monaten vorbereitet. Stück für Stück haben sie mir meine Führerschaft entrissen, und mich zum ohnmächtigen Objekt erniedrigt.
Innerhalb weniger Tage hatten sie alle ausquartiert, von der Torwache bis zu den obersten Sekretären, niemand durfte bleiben.
Dann kamen die Spezialisten in ihren Monteursanzügen, mit Klappleitern und Werkzeugkästen. Raum für Raum haben sie mich mit ihren spitzen Fingern seziert und mich als amputierten Krüppel zurückgelassen – sie haben mich geblendet und taub gemacht.


So steh ich da, einsam, blind und stumm. Nach außen hin kann man mir nichts ansehen, still und mächtig postiere ich weiter, zwei Tage noch, bis sie anrücken und mit brachialer Gewalt meine Hinrichtung durchführen werden. Mit Tausenden von Pickeln und Spitzhacken werden sie auf mich einschlagen und meine Wände zum Einstürzen bringen. 
Dann, wenn alles dem Erdboden gleich gemacht, die Prora'schen Arbeiter, die Schaufeln geschultert, ein leeres Areal zurückgelassen haben, werden sie vorbeigehen, die, die nie ihr Maul aufgetan haben und denken: »Gott sei Dank«.



Wer nicht nur den Sound hören will ... Hier gibt es das sehenswerte Video:  
https://vimeo.com/113544877