Mittwoch, 18. März 2015

Kopflastig oder Leichtfüßig?

Deutschland galt einmal als das Land der Dichter und Denker. Seit im Januar 1984 das Privatfernsehen Einzug in die bundesdeutschen Wohn- und TV-bestückten Schlafzimmer  gehalten hat und sich seitdem pandemisch ausbreitet, sprechen Bildungspessimisten von einer flächendeckenden Volksverdummung.  Gewünscht wird sich eine Rückkehr in das humanistisch orientierte Idealbild des antiken Philosophen, eines, der condicio humana geschuldet, in letzter Konsequenz alles aus sich selbst heraus erschaffenden intellektuellen Wesens. 

Der Tod der Philosophie
„Die Philosophen sterben und mit ihr die Philosophie“ lautet eine jener bislang nicht verifizierten Thesen der Kulturkritiker. Dabei ist es nicht die Philosophie per se, die angeblich nur noch in den Hör- und Sprechsälen der Hochschulen auf kulturbeflissenes Interesse stößt; nein der Bildungsbürger, dessen Spezies sich anschickt, dem intellektuellen Siechtum anheimzufallen, hat längst in spirituellen Nischen wie der Esoterik ein gesellschaftlich durchaus kontrovers diskutiertes Pendant kultiviert. 

Verordnete Leichtfüßigkeit
Dem tiefschürfenden Denken allerdings, das naturgemäß zur Kopflastigkeit führt, wird zunehmend eine von Psychologen und Neurologen verordnete Leichtfüßigkeit entgegengesetzt. Es handelt sich hierbei wohl um eine zeitgenössische Kulturerscheinung, die darauf warten lässt, in den nächsten Jahrzehnten ein neues Paradigma der Tiefsinnigkeit heraufzubeschwören, nachdem die digitale Demenz durch die Datenvermassung in Analogie zu Adipositas auch zur Verfettung des Gehirns geführt hat.  

Wäre ich ein Arzt, würde ich als visuelles Kontrastmittel zu diesem eher kopflastigen Post folgenden YouTube-Clip verordnen; eine Medikation, die an Leichtfüßigkeit wohl kaum zu überbieten ist.


 



 

Sonntag, 8. März 2015

Mad World - Das R im 3. Kreis


Seit dem letzten Living Dō-Post ist ein Vierteljahr vergangen. Drei Monate, in denen sich in Deutschland, in Europa, auf unserem Planeten so viel ereignet hat, dass ich ein um den anderen Postentwurf verwarf, weil Dringlichkeit und Tragweite sich immer wieder aufs Neue verschoben. Es ist die oft genannte Schnelllebigkeit, die mit der einhergehenden medialen Pandemie uns mehr und mehr aus der wahren Zeit, dem Hier und Jetzt reißt. Die weltweiten Geschehnisse scheinen sich zunehmend zu überschlagen, "scheinen", weil die digitale Vernetzung uns mehr und mehr zu globalisierten Zaungästen endloser parallel verlaufender Ereignisse mutieren lässt. 

Evolutionär besitzen wir nach wie vor das Gehirn eines Cro-Magnons, eines Dorfmenschen, der vor 40.000 Jahren lebte. Laut Neurologie ist dieses Gehirn unter dem Aspekt der sozialen Intelligenz für eine begrenzte Anzahl von ungefähr 200 bis 250 Menschen ausgerichtet, was auch deren soziale Interaktion impliziert. Viele von uns kennen mehr als 250 Menschen, Facebooker, je nachdem wie stark sich ihre narzisstische Neigung der Freundschaftsanhäufung äußert, kennen ein Vielfaches. Tatsächlich jedoch sind es nur eine Handvoll wahrer Freunde, die wir wirklich kennen und als solche bezeichnen, und mit denen wir emotional interagieren. Wie also wahre (An-)Teilnahme haben an den unzähligen Beiträgen und Selbstdarstellungen, mit denen FB uns pausenlos - 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, 52 Wochen - im Jahr penetriert? 

Es war, ist und bleibt eine verrückte Welt. Dem Ausbreiten dieser Welt lässt sich mit dem probaten Mittel der geistig-seelischen Verdrängung nur unzulänglich und in letzter Konsequenz gar nicht beikommen. Wohl aber lässt sich ihm mit Bewusstheit, mit dem viel zitierten Weniger ist Mehr entgegentreten. Das meint das R im dritten Kreis des Living Dō — es steht für Reduktion. Wollen wir künftig wie im Lied „Mad World“ (Tears for Fears, 1982, bzw. Gary Jules, 2003) besungen, weniger im Kreis herumrennen, gelingt uns das nur, wenn wir uns reduzieren; wenn wir uns von der Überfülle des informativen und materiellen Overkills distanzieren, und uns auf die Aspekte des Lebens fokussieren, auf die wir unmittelbar einwirken können. Die Unmittelbarkeit ist es, die uns die Möglichkeit verschafft, der verrückten Welt entgegenzutreten, nicht das Konsumieren von virtuellen sich ständig wiederholenden Facebookbeliebigkeiten.