Sonntag, 20. Dezember 2015

D I E  G E R M A N ?  A N G S T



In den Medien kursiert, der momentanen Lage geschuldet, mal wieder das ungeflügelte Wort der „German Angst“.
So titelt n-tv online am 16.12. dieses Jahres: Banger Blick ins Jahr 2016  ̶  Die "German Angst" ist wieder da. Humanitäre Krise, Terrorattacken, Rechtsruck in Europa - viele Deutsche schauen wenig zuversichtlich in die Zukunft. Besonders die mittlere Generation ist pessimistisch. Mit der Rückkehr der "German Angst" sinkt das Vertrauen in die Politik.
In der Einleitung des Artikels heißt es weiter: Die Mehrheit der Deutschen blickt nach einer neuen Umfrage eher mit Angst als mit Zuversicht auf das kommende Jahr. In einer repräsentativen Studie stellte das Meinungsforschungsinstitut GfK im Auftrag der Hamburger Bat-Stiftung für Zukunftsfragen einen starken Stimmungsumschwung im Vergleich zu den Vorjahren fest. Während sich aktuell 55 Prozent der Befragten angsterfüllt zeigten, waren es im Vorjahr nur 31 Prozent, 2013 lediglich 28 Prozent. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt, sprach von einer Rückkehr der "German Angst".

Wer den Artikel im Original lesen will:
Die Studie dazu findet sich hier:
http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschung-aktuell/265.html

Ein Konstrukt 
Befasst man sich näher mit dem Begriff German Angst und mit dem Hauptbegriff Angst, so wird einem deutlich, wie tendenziös und manipulativ das Konstrukt „German Angst“ ist. Der Germanismus Angst wird durch den englischen Zusatz German zu einem eigenständigen nationalen Negativattribut, das man uns im letzten Jahrhundert aufgrund damalig herrschender Verhältnisse aufgestempelt hat (siehe dazu den amerikanischen Historiker Arno J. Mayer). Man kann (die) Angst als solche beliebig mit jedem anderen Land oder Kontinent der Welt verbinden. So existiert ebenfalls eine French Angst vor erneuten Anschlägen oder eine Polish, Danish, Swedish Angst vor Flüchtlingen. Es braucht wohl nicht mehr lange, bis wir im Zuge der europäischen Politik von der European Angst lesen werden. 

Tierische Angst 
Angst ist laut Wikipedia „ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.“
Angst ist nichts Nationales. Angst ist weltimmanent. Angst ist immer und überall. Und sie ist nicht nur menschlich — auch Tiere kennen sie. Das wissen nicht nur Katzen- und Hundebesitzer zu Silvester … 
Wer die tierische Angst in für sich möglicherweise kathartischer Reinkultur erfahren will, der begleite Rinder, Schweine, etc. wenn sie zum Schlachter geführt werden. Hautnah zu beobachten, wie panisch die Tiere sich mit aller Kraft gegen ihren Totschlag, eigentlich per definitionem Mord, wehren, hat schon manchen zum Vegetarier werden lassen.  

Viele Gesichter  
Die Angst zeigt sich mannigfaltig. Jeder kennt sie. Kein Mensch, der sie nicht schon einmal erlebt hat, als Versagensangst vor und bei Prüfungen, als Existenz- und Verlustangst, als Angst vor der Zukunft und neuerdings auch Angst vor Entfremdung. Die Angst erscheint auch unter Namen wie Furcht oder Bangen, als Grauen, Schauder, gar Horror. Oder in subtileren Formen wie Unruhe oder Beklemmung.
Je nachdem in welcher Form und in welcher Intensität uns die Angst ereilt, zittern wir, erblassen oder erbleichen. Uns stockt der Atem, wir hyperventilieren, uns wird schwarz vor Augen. Wir erstarren oder brechen in Schweiß aus. Wir bekommen weiche Knie, klappern mit den Zähnen, oder schlägt uns das Herz bis zum Hals. Wir stottern oder bekommen gar kein Wort mehr heraus. Uns ereilt Magendrücken, Durchfall, oder wir machen uns in die Hose. Wir wälzen uns im Bett und wachen schweißgebadet auf.


ICD-10 und DSM-5
Das sind nicht die neuen Star Wars Roboter, sondern Abkürzungen für zwei internationale medizinische Klassifizierungssysteme, in denen die Psychologie und Psychotherapie mit diversen Angststörungen gut vertreten sind. Dort geht es jedoch um pathologische Ausprägungen, ich spreche hier von sogenannten normalpsychologischen und situativ bedingten Angstformen.
Man muss kein Deutscher, kein Europäer sein, um angesichts der vielfältigen und komplexen gesellschaftlichen Vorfälle und Veränderungen diverse Formen von Angst zu entwickeln. Es genügt wie gesagt, einfach nur ein normaler Mensch (oder Tier — als weiterentwickelte Primaten sind wir nicht weit davon entfernt) auf diesem Planeten zu sein, um Angst zu haben, beziehungsweise Angst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen erleben zu können. 

Angst und Bewusstheit im Living Dō
So ist es nicht die Angst als Phänomen an sich, sondern deren Ursache(n) und Auswirkung(en). Woher rührt sie? Was oder wer löst sie wie in mir aus? Wie gehe ich damit um?  Bekämpfe ich sie? Mache ich sie zu meinem Verbündeten? Versöhne ich mich mit ihr? Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Angst zu begegnen. Ist sie immer mein Feind, der mir Schlechtes will, oder kann sie sogar mein Mentor sein, der mich vor etwas beschützen will?
Diese Fragen münden in just jenen Aspekt, den ein Living Dōjin auf seinem ganzen Lebensweg begleitet: Bewusstwerdung, Bewusstsein. Die 8 Triaden mit den insgesamt 24 Aspekten können helfen, sich seiner selbst, damit seiner Gedanken und seiner Gefühle, dazu gehört die Angst, bewusst(er) zu werden. Im Living Dō geschieht das in drei Schritten: 
1) Das innere Zitieren ausgesuchter Aspekte, zum Beispiel: „Atmung“, „Konzentration“ und „Klarheit“. 
2) Die formelhafte Umsetzung: „Ich atme ruhig und tief“, „Ich bin klar und konzentriert“. 
3) Seine Gedanken und Gefühle beobachten, sie beeinflussen und letztlich die Angst durch die selbst geschaffene Ruhe und Klarheit umwandeln oder auflösen.

Living Dō ist (wie die Angst) überall und immer. Living Dō ist weder German, weil es von einem solchen kreiert wurde, noch Japanese, weil es Techniken und Inhalte aus dem Budō enthält. Living Dō fußt auf Embodiment, und das kennt keine nationalen Attribute. 

Frohe Festtage. Bis zum nächsten Jahr. 
Dazu noch ein besinnlicher Take von James Joshua Otto, "Revelation":

 

Montag, 14. Dezember 2015

B L O C H I Ns  H A N D Y - NACHSCHUSS

Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Shoe_phone

Heute kam ein Interview im Onlineformat der Süddeutschen Zeitung mit Christian Montag, Professor am Lehrstuhl für Molekulare Psychologie der Universität Ulm, wo er das menschliche Verhalten am Smartphone untersucht.
Der Text ergänzt vor allem meine Schlussbemerkung meines Posts vom 22.10.15 „Blochins Handy“ über die digitale Penetrierung durch Smartphones. Das Interview führte Nicola Holzapfel. Ich stelle es 1:1 hier rein:

Professor Montag, was bringt das Smartphone im Job?
Christian Montag: Es scheint zunächst für mehr Produktivität zu sorgen: Wir können kostengünstig kommunizieren und von überall arbeiten. Aber das Gerät sendet laufend akustische und visuelle Signale. Smartphone-Besitzer greifen alle 18 Minuten zum Handy. Durch diese ständigen Unterbrechungen kommen sie gar nicht mehr in einen Flow - das ist der Zustand, wenn wir von einer Aufgabe völlig absorbiert sind, Zeit und Raum vergessen und produktiv sind.

Arbeiten wir dadurch also weniger gut?
Das Smartphone spiegelt uns vor, wir wären zu Multitasking fähig, aber unser Gehirn ist nicht auf parallele Verarbeitung programmiert. Um gut arbeiten zu können, müssen wir uns fokussieren und eins nach dem anderen machen. Dazu kommen wir aber gar nicht mehr.

Das Smartphone nimmt uns also Zeit zum Arbeiten?
Es ist ein Zeitvernichter. Smartphone-Nutzer verbringen im Durchschnitt knapp drei Stunden pro Tag an ihrem Handy, etwa ein Drittel davon sind sie auf sozialen Netzwerken unterwegs, auch am Arbeitsplatz.

Werden wir zu Sklaven unserer Smartphones?
Eine gute Frage. Etwa 40 Prozent nutzen ihr Handy sogar in den letzten fünf Minuten vorm Schlafen und schalten es in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen an. Damit ist schon morgens sofort alles da: E-Mails, Arbeit, Stress.

Warum schauen wir denn ständig da rein?
Weil wir konstant erwarten, dass uns etwas Nettes widerfährt. Aber das passiert nur unregelmäßig. Und auf unregelmäßige Belohnungen reagiert unser Gehirn besonders heftig. Zudem ist der Großteil unseres Verhaltens konditioniert, da laufen unbewusst automatische Mechanismen ab. Das beste Beispiel ist die Bushaltestelle. Dort war uns mal langweilig, also haben wir ins Smartphone geschaut. Inzwischen reagieren viele reflexhaft mit dem Griff zum Handy, sobald sie eine Haltestelle nur sehen.

Klingt fast nach Sucht.
Symptome aus der Suchtforschung lassen sich möglicherweise aufs Smartphone übertragen. Die Toleranzentwicklung: Wir sind immer länger am Handy, um den gleichen Glücksmoment zu erfahren. Die Entzugserscheinung: Wir werden nervös, wenn wir das Handy vergessen. Und die Produktivitätseinbußen, weil unsere Arbeit laufend von Nachrichten unterbrochen wird.

Was macht das mit dem Arbeitsalltag?
Es wird erwartet, auf jede eingehende E-Mail innerhalb kürzester Zeit zu antworten. Die Technik verleitet dazu, selbst um 23 Uhr noch eine berufliche Mail abzuseilen. Dabei ist das Wenigste so wichtig, als dass es nicht ein paar Stunden oder gar Tage warten kann. Feste E-Mail-Zeiten reduzieren dagegen den Stress, steigern das Wohlbefinden und wir kriegen wieder was geschafft.

Also sollten wir die Dinger wieder abschaffen?
Wir müssen anders mit den Geräten umgehen. Vieles, was wir am Smartphone machen, ist unnötig. Es kommt zwar unserem Urbedürfnis entgegen, sozial eingebunden zu sein - deswegen sind die Social-Media-Anwendungen auch so erfolgreich. Aber die drei Stunden am Tag fehlen uns für echtes Miteinander. Wir bringen uns damit um sehr schöne Momente.

Montag, 7. Dezember 2015

Im Zen heißt es: "KEIN VERLASS AUF WORTE." Stimmt das?

Hierzu drei hörenswerte Prosaiker, mit dem Unterschied, dass die Gewichtung Politk - Soziologie - Selbstfindung  Ender der 60er anders lag ...

Hanns Dieter Hüsch (1925 -2005) mit "Der Lästerer" (1968)

 

Der zweite Vertreter ist Franz-Josef Degenhardt (1931-2011) mit "Für wen singe ich" (1968)



Julia Engelmann (1992-) mit "Stille Wasser sind attraktiv" (2014?)


Donnerstag, 22. Oktober 2015

B L O C H I N s  H A N D Y
Bild: ZDF/Stephan Rabold
Ich besitze seit Jahren keinen Fernseher. Aber ich kucke mir manchmal bei Freunden etwas mit an. Zuletzt war das „Blochin — Die Lebenden und die Toten“, der viel diskutierte Thriller-5-Teiler mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, der Ende September im ZDF lief.
http://www.zdf.de/blochin/blochin-39319994.html
In diesem Post soll nur ein einziges aber interessantes Detail dieses Thrillers den Bogen zu Living Dō spannen, genauer zu einem Aspekt von insgesamt 24 aus den 8 Triaden: der Achtsamkeit; wie wir mit ihr umgehen, wie sie bewusst wie unbewusst für und gegen uns und andere wirkt. Das besagte Detail ist klein und aus unserem Alltag nur noch schwer wegzudenken: Blochins Handy.
Der Kritiker Peter Luley schreibt im dritten Absatz seiner Rezension in Spiegel Online Kultur über Blochin: „Mit zunehmender Spieldauer des insgesamt sechsstündigen Werks gab es sogar Lacher wegen unfreiwilliger Komik — nämlich dann, wenn Titelheld Jürgen Vogel als schicksalsgeprüfter Berliner Bulle ein ums andere Mal in hochdramatischer Situation zum Smartphone griff und dann ganz schnell und unvermittelt weg musste. Da war gebannte Anteilnahme schon beiläufigem Amüsement gewichen.“ http://www.spiegel.de/kultur/tv/blochin-im-zdf-leider-nicht-das-deutsche-breaking-bad-a-1054135.html
Die ,Lacher‘ und das ,beiläufige Amüsement‘ mögen wohl ganz beim Rezensenten gewesen sein, meinen Freunden und mir wurden sie nicht zuteil, im Gegenteil; aber vielleicht sind wir noch nicht so metropolished abgewichst und tragen uns zu sehr mit dem Manko der Empathie?
Gesetzt der Tatsache, dass das Smartphone im konzertiert umtriebigen Alltag des urbanen Vereinsamungsphobikers eine neue Religion heraufbeschworen hat, deren Götzendienstverrichtung man allerorten — Schlafzimmer, Küche, Café, Straßenbahn, … — beobachten kann, ist es ein probates Stilmittel der Autoren, in der Geschichte das Handy allgemein und speziell Blochins als einen wesentlichen Pacemaker zu inkludieren; wenn die Akteure irgendwo — Essen mit der Familie, Elternabend, Geschäfte, etc. — herausgerissen werden, passiert dies hauptsächlich durch ein Klingeln aus der Hosentasche, eben wie im richtigen Leben des Homo Androidius. 

Old school oder Old 's cool
Zurück zur Achtsamkeit als Ausdruck unseres Bewusstseins. Blochin benutzt im Gegensatz zu seinen Kollegen kein Smartphone, sondern ein normales Handy, quasi ein Old school Mobiltelefon. Das mag für manchen keine große Entdeckung sein, fraglich, wer es überhaupt bemerkt und wenn, ob und welche Gedanken er sich darüber gemacht hat. Oben zitierter Spiegel Kritiker mag es bemerkt, aber nicht verstanden haben, oder auch nicht bemerkt haben, denn seine Achtsamkeit war im Bestreben, seine Kritik ins Negative spielen zu lassen auf eben jene Aspekte ausgerichtet, die sein Vorhaben — die schlechte Kritik — untermauerten. Das dazu, wie Achtsamkeit wirkt.
Dem berechtigten Interesse meiner speziellen Freundin Jin Cheng geschuldet, möchte ich etwas über dieses Handy-Detail schreiben. Jin ist als Yoko Magune Autorin des zeitgenössischen Romans „€njokōsai,-", mit einem genuin japanischen Thema, das sie hierher in den Westen importiert hat, und den ich hiermit noch einmal gerne für sie bewerben möchte.

Zen und Mehr
Wer sich mit erzählendem Schreiben befasst, weiß, dass die Drehbuchautoren von Blochin das Handy-Detail — wie Hundert andere — bei der Anlage der Figur bewusst arrangiert haben. In durchkomponierten Werken wie Romanen und Drehbüchern erhält jeder tragende Charakter eine eigene fiktive Biographie mit definierten Wesensausprägungen, damit er stimmig nach außen treten kann. Letztlich ist die narrative Illusion perfekt, wenn der Zuschauer vergisst, dass es Fiktion ist, was ihn da auf den Bildschirm bannt — Schauspieler und deren Texte, Komparsen und Statisten, Kleidung und Requisiten, Settings und Locations, … Alles bis ins Detail: Fiktion. Und doch: Wirklichkeit. In Analogie zum Zen könnte man sagen: Fiktion ist Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist Fiktion. Im Zen gibt es den bekannten Spruch: „Form ist Leere, und Leere ist Form.“ Das ist die Kernaussage des Herzsutra im Mahayana. Diese Form-Leere-Aussage gilt als eine Quintessenz im Zuge von Erkenntnis, die man durch tiefere Einsicht gewonnen hat, beziehungsweise gewinnen kann. 
Blochin benutzt kein Smartphone, um sich von seinem Umfeld abzugrenzen und sein Einzelgängertum besser herauszustellen. Das Handy ist für ihn das, wofür es ursprünglich erfunden wurde: ein Gerät zum mobilen Telefonieren. Nicht mehr und nicht weniger (hier käme der Living Dō-Aspekt Reduktion zum Tragen, aber darum geht es in diesem Post nicht). Es gibt nicht eine einzige Szene, in der er eine SMS schreibt. Blochin muss nicht digital (und auch sonst nicht) en vogue sein. Im Gegenteil. Er definiert sich nicht darüber. 
Oder etwa doch?

Synergie
Mit dieser Frage sind wir mitten in Living Dō. Mitten in der Psychologie, die man nicht losgelöst von Living Dō sehen kann und umgekehrt. Weil Living Dō Synergien kultiviert, ist es ebenso wenig losgelöst von westlicher wie östlicher Philosophie, wobei sich zweite im Budō und Zen widerspiegelt.  
Wenn man die vieldiskutierte Auflösung der Dualität als den höchsten Level der Transzendenz erreicht hat, wird die Kernaussage des Herzsutra wahr, dann ist Form Leere und umgekehrt. Dann vereinen sich Widersprüche, lösen sich Muster auf, fallen Feindbilder. Dann wird alles eins. Diesen Zustand setzt man im Buddhismus mit Erleuchtung gleich, und jene, die ihn erreicht haben, je nach Ausrichtung mit Arhats oder Bodhisattvas. Wohl dem, der diesen Weg geht und Ehrfurcht jenem, der gar am Ziel angekommen ist. Dass dies nur relativ wenigen gelang und gelingt, ist bekannt, selbst wenn es wohl einige mehr von sich behaupten. Nur, wer es von sich behauptet, ist es nicht. So lautet zumindest die einhellige Meinung einschlägiger Kreise. Es verhält sich ähnlich diesem Rätsel:

Wer es macht, sagt es nicht.
Wer es sagt, macht es nicht.
Wer es nimmt, kennt es nicht.
Wer es kennt, nimmt es nicht.*

Sieht man einem Erleuchteten denn an, dass er es ist? Schwebt er über dem Boden? Trägt er eine strahlende Aura um sich? Knistert die Atmosphäre dort, wo er sich aufhält? Die Esoterik wird bei uns unter anderem deswegen recht kontrovers diskutiert, weil sie diese Phänomene gerne plakativ ausbreitet und im Gegenzug auf eine seit der Neuzeit naturwissenschaftlich geprägte Denkweise stößt, die so etwas gar nicht oder wenn, dann nur mit Unbill hören will.

Watzlawick
Hier schließen sich bereits Kreise, obwohl Welten dazwischen zu liegen scheinen — wir waren beim Handy und haben über Zen, Esoterik und Naturwissenschaft den Schwenk zu Spiritualität gemacht. Wir sind abgeschweift, um uns wieder Blochins Handy zu widmen, besser der Frage: Definiert Blochin sich über das Handy oder nicht?
Natürlich tut er es. In Analogie zu Paul Watzlawicks erstem Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“, definiert sich jeder am Alltagsleben beteiligte Mensch über und durch etwas: durch Meinung, Sprache, Aussehen, Besitz, Beruf, Hobby, Gruppe, etc. Es ist ein klarer Ausdruck von Selbstdefinition, 2015 mit einem old school Handy zu telefonieren, indes sich der inkarnierte Mainstream anschickt, jeder Smartphone-Innovation hinterherzuhecheln. Ob es Zufall ist, eine Reminiszenz an den Spirit of Retro, romantische Schwärmerei hängengebliebener Nostalgiker, oder mangelnder Fortschrittsgeist habe ich nicht eruiert, jedoch ist es auffällig, dass sich in letzter Zeit immer mehr Living Dōjin wieder Old School Handys zulegen. Diese Erscheinung mag man, wie bei Blochin, gar nicht bemerken — Achtsamkeit — und damit nicht bewerten, nichtsdestotrotz ist es der Ausdruck einer ablehnenden Haltung jener, die es Leid sind, immer noch mehr digital penetriert zu werden. Old school Mobiltelefoner sind Menschen, die in erster Linie telefonieren. Blochin ist so einer. Er telefoniert einfach, wo andere verstummen und  autistisch anmutend mit spitzen Fingern Kurznachrichten eintippen. Das macht ihn wohl nicht zum Erleuchtenden, aber ein Stückweit wohl zu einem Living Dōjin, ohne es zu wissen.

*Falschgeld

Songempfehlung. Von John Mayer gecovert, aber unique.




 

Freitag, 11. September 2015

BOSSTRANSPHARMATION oder KOLLEGAHler Nachklang




Hi Axel, danke für deinen letzten Post als Reaktion auf meinen Kommentar. Leider muss ich wieder mal kritisieren. Der Post und was du als Quintessenz unter der Zen-Weisheit „Weniger ist mehr“ zusammenfasst, ist für mich überhaupt nicht zufriedenstellend. Jeder deiner Winzkapitel enthält leider zu wenig Substanz, um dem Zitat zu genügen. (…) Gerade der Absatz über Kollegah kommt viel zu kurz. Ich wünschte mir eine Ergänzung zu deinem letzten Post; es ist ja nicht so, dass du gar nichts zu sagen hättest und es ist ebenfalls nicht so, dass du nicht gehört würdest. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dir die Zeit nähmest (ja, auch ich beherrsche den Konjunktiv ;-)), um auf mein Gewünschtes einzugehen, sonst fühle ich mich durch deine Zen-Weisheiten eher abgespeist denn inspiriert. Viele Grüße Yoko/Jin


Ich habe den Kommentar etwas gekürzt oben reingestellt. Wer um den Hintergrund wissen will, sollte den ganzen Kommentar lesen, meinen letzten Post „Kollegah?“ und den dazugehörigen Kommentar.


Killa
Ich nehme mir diese Kritik zu Herzen und werde den Kollegah-Absatz ergänzen. Auch werde ich Jins vorvorigem Kommentar geschuldet, provokante Sätze und ein paar Wortspiele (s. Titel) rausrotzen, angesichts der Tatsache, dass Rapper ja Meister in dieser Kunst sind und ich als Autor ebenfalls versucht bin, ein gerüttelt Maß an Eloquenz zu bieten. So wäre wenigstens da schon mal ein Transfer geschaffen.
Meine Ausführungen werden zwangsläufig wieder ins Fragmentarische fallen, einfach deswegen, weil der Einsatz von mentaler Energie einhergeht mit dem Sinn und der Bedeutung, die man den Denkobjekten angedeihen lässt, soll heißen, warum Texte elaborieren für Erscheinungen, die meinem Gedankengut entgegenstehen? Oder plakativer gefragt: Warum seine kostbare Zeit vergeuden, um am populistisch inszenierten Streit, im Hip-Hop-Jargon als dissing kultiviert, zwischen Rappern oder Fitness-YouTubern teilzuhaben, sich Farid Bangs sexistische Parole „Jetzt werden wieder Mütter gefickt!“ anzuhören, verwackelte YouTube-Clips über Bizeps-Training oder, vielleicht noch schlimmer, Kommentar-Clips von Body Builder-YouTubern über andere Body Builder-Youtuber in Real talk-Videos https://youtu.be/ZNI6Zfw7KTo anzusehen? Wer das allerdings aus psychologischen oder soziologischen Gründen machen will, der klicke die Links. 


   


(Netz-)Poser
Kollegah rappt nicht nur, er pumpt auch Eisen, und: Der Rapperking hat das ultimative Muskelprogramm erfunden. Durch dieses kann sich jeder vom spargeligen Buchhalterstatisten zum von ihm besungenen, besser, berappten Boss transformieren, weswegen er es unter dem passenden, verheißungsvollen Begriff Bosstransformation http://deine.bosstransformation.com/ für ein Schnäppchenpreis (das ist natürlich ironisch gemeint) anbietet. Dass zu Kollegahs krasser Umformung  neben dem buchstäblich eisenharten Training und massig Proteinpulver wohl noch etwaige synthetische Zaubermittelchen mit hineinspiel(t)en, soll durch das Wortspiel im Posttitel angedeutet sein.    


Farid vs. Willy 
Die Beschäftigung mit Kollegahs apodiktischem Pimpprogramm führte mich zu anderen Rappern wie dem bereits erwähnten Farid Bang (und dessen — was die gezielt verwendete Homophonie als Kunstform angeht [dagegen ist Willy Astor ein blasgesichtiges Waisenknäblein] — beachtlicher Rap Bitte Spitte Toi Lab —> http://genius.com/Farid-bang-bitte-spitte-toi-lab-banger-musik-remix-lyrics) und  Fler. Letzter konstatiert in einem Interview bei TV Straßensound auf sein aufgedunsenes Gesicht angesprochen, dass er den Ge- (oder Miss-?)brauch von Anabolika im Gegensatz zu seinen Kollegen zugebe.

Körperkulturistik
Für die, die gar nicht wissen, worum es geht, ein ungezierter Abriss: Die Fitnessszene erlebt, hauptsächlich durch YouTube lanciert, seit ein paar Jahren eine gewaltige Renaissance des körperlichen Narzissmus, die vor allem Jugendliche und jüngere Erwachsene in ihren zweifelhaften Bann zieht. Überdimensionale Muskelumfänge, die sich zu Arnis Zeiten die anabole Subkultur der Bodybuilder zu eigen machte, sind mittlerweile salonfähig, mehr noch, ein must do in einer fragwürdigen Lifestyle-Szene geworden. Wem der nötige Egodrive für das — zumindest in motorischer Hinsicht bewertet und mit komplexen Sportarten oder Kampfkünsten verglichen — recht stumpfsinnige Heben und Senken von Eisenhanteln fehlt, hat schlechte Chancen im Verdrängungsmarkt der Egoposer;  ohne großflächig tätowierte, schenkeldicke Oberarme in hautengen T-Shirts sollte man sich in einschlägigen Straßencafés besser ganz nach hinten setzen. 
Nach oben gibt es nach wie vor keine Grenzen. Wohin die Hypertrophiepervertierung führen kann, zeigt uns unter anderem der deutsche Bodybuilder Markus Rühl

 
Quelle: allstars.de


Schwammiger Anfang
Wenn man überhaupt irgendwo den Anfang einer größeren Fitness-Neu-Bewegung verorten will, könnte man dies bei dem bis dato schwammigen Tänzer Detlef Soost und seinen diversen Abnehm-Programmen zuschreiben. Soosts Bekanntheitsgrad und seine eigene Abnehm-Erfolgsstory  brachten ihm den medialen Rückenwind, um bei Pro7 gut promotet zu werden und ein recht breites Publikum zu annoncieren. Klar, dass da Kopisten und Eklektiker wie ein Daniel Aminati — „Mach dich krass“ oder ein Julian Zietlow — „Abgerechnet wird am Strand“ nicht lange auf sich warten ließen und noch ein paar Schippen drauflegten; es genügte nicht mehr, nur abzunehmen und schlank zu sein, da mussten Muskeln her, und nicht zu wenig. Um sich weiterhin im hart umkämpften Körpermarkt zu behaupten, hatte auch Soost zuzulegen und sich selbst untreu zu werden — sein überdurchschnittliches Muskelwachstum erreichte er, bio- und physiologischen Phänomenen wie Adaption und Hypertrophie geschuldet, nicht durch die seinem Programm zugehörigen Eigenkörperübungen, sondern mit strategischem Hantel- und Maschinentraining, was er geflissentlich verschwieg. Ob er das heute auch noch tut, während die Konkurrenz keinen Hehl aus Hanteln Pumpen macht, habe ich mangels Interesse nicht mehr recherchiert (mentale Energie vs. Bedeutung … wir erinnern uns). Die Frage nach synthetischen Helferlein will ich gar nicht aufs Tapet bringen.  
Oliver Kalkofe hat auch hiervor mit seinen Parodien nicht Halt gemacht:


Ich erspare es mir, die ganzen Leute und die viele Konkurrenten aus dieser Szene, die um Likes und Abonnenten buhlen, aufzuzählen. In den Clips sind sie vertreten, und überdies sorgt Social Media mit seinem Empfehlungssystem dafür, dass jeder Konsument auf die entsprechenden Links geführt wird.

Was hat das alles mit Living Dō zu tun?
Bei Living Dō geht es nicht um tumbe, stereotype Unterhaltung und vifes Marketing, das gerade über dieses Manko (tumb und stereotyp) hinwegzutäuschen sucht.  Es geht nicht um Technik- und Modernisierungswahn,  nicht um das sich selbst zerfleischende Wirtschaftswachstum mit der konzertierten Aufzucht und Hege von Konsumzombies. Es geht um die sozio-psychologischen Hintergründe, die das alles erschaffen; es geht um die Denk- und Gefühlmuster, denen wir ausnahmslos alle unterworfen sind und die zum Teil recht fragwürdige Gestalt annehmen — wie kann es angehen, dass notorische Netzkonsumenten sich für virtuelle Leben auf FB und YT mehr interessieren als für das reale Leben Nahestehender?   
Living Dō versucht durch Schaffen und Kultivieren von Bewusstheit einen Teil zu einer gesellschaftlichen Transformation beizutragen. Diese Transformation meint dann eher Herz und Geist und weniger Brust und Bizeps.


Der heutige Song gebührt meiner liebsten Kritikerin Yoko/Jin.