Dienstag, 2. Dezember 2014

Be water, my friend! Bruce Lee vs. Woody Allen

Der Ratschlag Bruce Lees „Be water, my friend!“ stammt aus einem Interview in der The Pierre Berton Show, einer Fernsehsendung, die von 1962 bis 1973 in den USA ausgestrahlt wurde. Der Namensgeber Pierre Berton interviewte dort regelmäßig Künstler, Schauspieler und Prominente. Das Interview gab Bruce Lee im Dezember 1971. Es wurde aber erst 1994 ausgestrahlt, nachdem es, über Jahre verschollen, wieder entdeckt wurde; deswegen "The lost interview". 


Laotse
Die Weisung, die Anpassungsfähigkeit von Wasser anzunehmen, ist nicht deswegen so evident, weil sie der "King of Kung Fu" geäußert, mit sehr eigentümlichem Pathos vorgetragen, seinen sichtbar älteren Gastgeber in weisem Unterton belehrend, und die Belehrung altväterlich mit „mein Freund“ abgeschlossen hat (allerdings unter der Wegnahme des „like“, Berton also nicht wie Wasser sein sollte, sondern eben Wasser, was den einen zum Schmunzeln, den anderen zum Nachdenken anregt), sondern weil sie eines der fundamentalen  taoistischen Prinzipien wiedergibt. 

Als Urheber dieses Prinzips und des Taoismus allgemein gilt der legendäre chinesische Philosoph Laotse, der im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben soll. Der Wortlaut seiner Erkenntnis über das Wasser wird in verschiedenen Versionen übersetzt. Eine davon lautet so:

„Auf der Welt gibt es nichts, was weicher und dünner ist als Wasser. Doch um Hartes und Starres zu bezwingen, kommt nichts diesem gleich. Dass das Schwache das Starke besiegt, das Harte dem Weichen unterliegt, weiß jeder, doch keiner handelt danach.“


 

Bruce Lee (1940—1973) hat im Interview seine eigene kleine Lehrrede darüber vorgetragen: 

Empty your mind! Be formless, shapeless, like water. If you put water into a cup, it becomes the cup. Put it into a bottle, it becomes the bottle. You put it into a teapot, it becomes the teapot. Now water can flow, or it can crash. Be water, my friend!”

„Leere deinen Geist! Sei ohne feste Gestalt und Form, so wie Wasser. Wenn Du Wasser in eine Tasse füllst, wird es zur Tasse. Füllst Du es in eine Flasche, wird es zur Flasche. Du füllst es in einen Teekessel, es wird zum Teekessel. Wasser kann fließen, oder es kann zerstören. Sei Wasser, mein Freund!“

Dieses Zitat ist sehr berühmt geworden. Das lag an der Zeit und daran, dass die meisten Rezipienten nicht näher über Taoismus Bescheid wussten und wissen, und sie zudem nicht tiefergehend über Bruces' Worte nachdachten/nachdenken. 

Oberflächlich hört sich das Zitat sehr weise an. Tatsächlich ist aber nur der Anfang und das Ende stimmig - das man seinen Geist leeren soll. Und auch, dass Wasser fließen kann und zerstören. Der Hauptteil ist - Sorry, Bruce und deine Zitierer - nur scheinbar weise und tiefgründig. Tatsächlich zeigt es, dass auch unser Altmeister des Jeet Kune Do nicht tiefer gedacht hat. Wasser bleibt Wasser. Es wird weder zur Tasse, noch zur Flasche, noch zu einem Teekessel, wenn man es dort hineingibt. Das sind lediglich ,Verweilorte'. 

Was Bruce damit meinte - wenn auch nicht explizit ausdrückte - und wohl jeder richtig verstand, steht unten im letzten Absatz.
  






Laotse freilich, ging es nicht um Kampf. Es ging ihm um das Gegenteil: Man solle sich nichts erkämpfen. Eher friedvoll und ohne Mühe streben, Dinge geschehen lassen, absichtslos, so wie Wasser fließt - Wu wei. So schreibt er in der ihm zugewiesenen Schrift Tao Te King explizit vom Wasser und seiner Kraft, die es entfaltet, wenn es in Bewegung ist: Nur bewegtes Wasser bleibt rein. Stehendes Wasser wird schmutzig. Das Wasser sucht keine hohen Plätze, um über etwas zu herrschen, es fließt stets abwärts. Es sammelt sich in Seen, es verdunstet oder es regnet vom Himmel.

Kein Opportunismus
Das Fließen des Wassers als Ausdruck höchster Form von Anpassungsfähigkeit an Menschen, Orte, Situationen, etc. zu verstehen, ist nicht zu vergleichen oder gar zu verwechseln mit Opportunismus, wie ihn der amerikanische Filmschaffende Woody Allen in seinem Doku-Spielfilm „Zelig“ darstellt. Bei Leonard Zelig handelt es sich um einen erfundenen Charakter, der im New York der zwanziger Jahre lebt. Zelig passt sich durch seine Unsicherheit gegenüber anderen mental und physisch dermaßen an die jeweilige Umgebung an, dass er quasi als menschliches Chamäleon lebt. 





Es besteht also ein gewaltiger Unterschied zwischen Anpassung als Form der Unterwerfung, oder  als Mittel siegreich zu kämpfen, und der ursprünglichen taoistischen Lehrmeinung, so wie wir sie auch im Living Dō leben: 

Anpassen an Menschen, Orte und Zustände als Ausdruck von Bewusstsein. Ein bewusstes Annehmen von Umständen und Situationen erlaubt mir, wie Wasser zu fließen. Wenn ich in Bewegung bleibe, meinen Geist und meinen Körper in Bewegung halte, achtsam durchs Leben gehe, den Zeitgeist beobachte, mich vom Strom des Lebens tragen lasse, anstatt gegen ihn zu schwimmen, gelingt es mir im Einklang zu leben. In diesem Sinn lautet eine der Living Dō-Empfehlungen: 


Teile deine Kräfte ein, bündele sie nach Bedarf; verschleiße dich nicht selbst durch deren unachtsamen Einsatz und Gebrauch. 

So, Be water, my friend!