Dienstag, 26. August 2014

Vollbart und rasierte Brust - Wie geht das zusammen?

Post zu meinem Facebook-Kommentar vom 24.8.2014 zum Birkenbihl-Clip über Erziehung und Normalität und der Frage: Warum sind wir so, wie wir sind?

Ambivalenzwesen
Wir Menschen sind nicht nur Angst- und Verdrängungswesen. Wir sind Ambivalenzwesen.
Unter Ambivalenz  versteht die  Psychologie das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Aussagen. Die Ambivalenz kennt verschiedene Ausprägungen und reicht bis zur Hassliebe. Wer sich näher mit diesem Phänomen auseinandersetzen will, findet erschöpfend darüber im Netz. Von mir sei hier nur eine Empfehlung gegeben, sie führt quasi zu den Roots, einem Bericht über einen Vortrag des Begriffserfinders der Ambivalenz, dem schweizerischen Nervenarzt Eugen Bleuler: http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm

Ausgehend von den obigen Fragen soll und kann dieser Post (wie im Übrigen all die anderen in diesem Blog) nur Antworten anreißen. Er soll inspirieren zum Weiterdenken und weiter forschen. Auskömmlichere Informationen zu diesem Thema liefern Spezialisten wie der hierzulande schon recht populäre Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, dessen Publikation "Was wir sind und was wir sein könnten" ich schon in einem früheren Post empfohlen habe. Mit Daniel J. Siegel, einem amerikanischen Professor für Psychatrie an der School of Medicine der Universität von Kalifornien in Los Angeles, haben wir eine weitere Koryphäe, die mit leicht verständlichen Worten die Erkenntnisse der Neurologie mit denen der Psychologie und der Soziologie verbindet. Wer sich  tiefer mit dieser Materie vertraut machen will, dem seien die Publikationen der beiden Forscher empfohlen.   

Anlagen — Umwelt — Erziehung
Die Formel Anlagen – Umwelt – Erziehung ist ein zwar recht vereinfachtes, dennoch schlüssiges und wissenschaftlich anerkanntes Erklärungsmodell für die Frage nach unserem Wesen. Es steht außer Zweifel, dass unsere genetische Dispostion einen prägenden Anteil an unserem Leben hat, ebenso prägte und prägt uns die Umwelt mit ihren eigenen sozialen Gesetzmäßigkeiten, in der wir aufwachsen, und letztlich ist es die Art und Weise wie wir erzogen worden sind, beziehungsweise, wie wir uns ab einem bestimmten Alter selbst erzogen haben. 

Es macht einen Unterschied, ob ich als kraftstrotzendes Sunnygirl (Anlagen) einer Surferfamilie (Erziehung) auf Hawaii (Umwelt) groß wurde, oder als schmächtiges Mädchen (Anlagen) in Somalia (Umwelt). Dem ersten locken der Strand, die Boys und die Wellen, zweitem droht der Tod durch ungestillten Hunger, Soldaten oder durch die grausame Marter der Beschneidung (Erziehung)


Psycho-soziale Verstrickungen
Unsere Anlagen entscheiden nicht nur ob wir groß oder klein, blond oder schwarz, braun- oder blauäugig sind, sie wirken ebenfalls auf unsere psychische Konstitution, unseren Charatktertypus, auf das, was wir als unser Naturell sehen, die Art und Weise, wie wir den Dingen des Alltags begegnen. Sind wir cholerisch oder melancholisch? Scheuen wir Anforderungen oder brauchen wir sie? Suchen wir geradezu immer und überall Herausforderungen oder haben wir Angst vor ihnen? Wie reagierten unsere Eltern auf unser Wesen? Wie waren, beziehungsweise sind sie konditioniert (worden) und wie haben sie uns konditioniert? Den gebrechlichen Bruder hat man mit Samthandschuhen angefasst, während man der aufsässigen Schwester mit Ohrfeigen beizukommen suchte. Was ist aus unserer Kindheit erwachsen? Woher rühren unsere jetzigen Glaubenssätze, unsere Überzeugungen? Unsere Ängste und Zweifel? Woraus schöpfen wir im Gegenzug Mut und Zuversicht? Welche Lebensräume suchen wir uns aus, wo und mit wem glauben wir am besten zu leben? Als Single in der Großstadt, als Familenmensch auf dem Dorf, als Aussteiger in den Bergen? Wollen wir Millionär werden, Filmstar oder Gangsta-Rapper, oder sehen wir unsere Vorbilder bei Mutter Theresa oder dem Dalai Lama?       

Ambivalenz und Logik
Alle drei Teile dieser Formel sind Gegenstand umfangreicher Forschung; man kann darüber sein ganzes Leben lang studieren. Letztlich steckt in dieser Formel auch eine/die Antwort für unsere Ambivalenz. Diese hat - naturgemäß - einen gewichtigen Anteil an unserem widersprüchlichen Verhalten. Wir sind aufgrund der komplexen Dreiheit Anlagen — Umwelt — Erziehung, die im Grunde nur eine schematische Dreiheit ist, da jeder der drei Begriffe unzählige Unterbegriffe in sich trägt, zwangsläufig als widersprüchliche Wesen angelegt. Unsere neurologischen Strukturen sind vernetzte, komplexe Gebilde, die keiner mathematischen Logik folgen, sondern das Gegenteil tun. Logik ist in der Natur nicht angelegt, sie ist ein Konstrukt der Menschen. Der Trugschluss, die Logik auf unser menschliches Verhalten zu transportieren liegt nahe, da wir zwar linear denken (wir können nicht zwei Gedanken zur gleichen Zeit denken, sondern immer nur einen einzigen, selbst wenn die Aufeinanderfolge rasend schnell geht), aber nicht unbedingt linear handeln und schon gar nicht linear fühlen. 

Denken und Fühlen - Das biochemische Yin Yang
Denken kann logischen Gesetzmäßigkeiten folgen, wenn es erlernt wurde, wenn die  - konstruierten - Gesetzmäßigkeiten der Logik verstanden wurden; dann ist ein Grundschüler in der Lage intellektuell die Rechnung 1 + 1 = 2 zu reproduzieren, und aufgrund der verstandenen Logik andere Rechnungen gleicher Konstruktion auszuführen. Was er dabei fühlt, ist eine ganze andere Frage. Er wird sich gut fühlen, wenn er die Rechnung erfolgreich ausgeführt hat, wenn sein Resultat mit der Vorgabe übereinstimmt. Was aber fühlt ein Schüler in der Oberstufe, wenn sich ihm die Logik der Mathematik nie erschlossen hat, er aber gezwungen ist, für den Abschluss seiner Schullaufbahn mathematische Formeln wie zum Beispiel diese hier zu erklären oder mittels ihr komplexe Aufgaben zu lösen?


l = \lim_{\Delta t \to 0} \biggl( \sum_{n=1}^{T/\Delta t} (g \cdot t_n \cdot \Delta t)\biggr) = \int\limits_0^T g \cdot t\;\mathrm{d}t = \frac g2 \cdot T^2.

Fühlt er sich gut? Oder eher das Gegenteil? Denkt er logisch oder macht er sich Gedanken über den Sinn und Zweck dieser Aktion, dem Absitzen dieser Prüfung oder von Prüfungen überhaupt, der Erwartungshaltung der Lehrer, der Mitschüler, der Eltern? Lässt er sich in eine gedankliche Abwärtsspirale ziehen, die ihn als Konsequenz seines negativen Denkens in die Sinnlosigkeit führt? In Sekundenschnelle durchschießen zahllose Gedanken sein Gehirn, und diese Gedanken rufen Gefühle hervor. Je negativer die Gedanken, umso negativer sind die Gefühle, die sie hervorbringen. 

Gefühle und Gedanken lassen sich nicht voneinander trennen. Sie sind ständig in Bewegung und interagieren mit einander, deswegen bezeichne ich sie auch als biochemisches Yin und Yang.
Die menschliche Tragikommödie 
Durch die ständige Vermischung von Gefühlen, Gedanken und Stimmungen, hervorgerufen unter anderem durch die täglich wechselnden Formen von Alltagskonfrontationen, die wir intern bewerten und mit unserem Innern abgleichen, ist es im wahrsten Sinne des Wortes menschlich, dass wir unlogisch und widersprüchlich denken, fühlen und handeln. Das Tragikomische daran ist, dass wir wider besseres Wissen (und Fühlen) handeln, sogar gegen uns selbst: 
Die rauchende Ärztin, die alles über ihr Laster weiß, schafft es nicht aufzuhören; der übergewichtige Diabetiker Typ-2b kann die Nussschnecke nicht beim Bäcker lassen, der Berufskraftfahrer nicht die Finger vom Alkohol. Diesen Beispielen stehen ungezählte andere an, wie der liebende Familienvater, der fremdgeht; die verheiratete Hausfrau und Mutter, die sich prostituiert; der Ladendieb, der nicht aus sozialer Not klaut; der unbestechliche Beamte, der die Hand aufhält, oder der Schwarzarbeiter, der auf die schlechte Wirtschaftslage schimpft und mit großem Wagen zur Baustelle fährt. Dagegen mutet der Veganer, der Lederschuhe trägt, geradezu harmlos an.

Trick 17 mit Selbstüberlistung
Als Homo sapiens haben wir gelernt, unser angebliches Fehlverhalten zu erkennen, zu analysieren und zu interpretieren. Wir haben gelernt, unser Denken und unser Tun in den gesellschaftlichen Kontext zu stellen, zu vergleichen, und die positiven wie negativen Folgen abzuschätzen. Wir stellen einfache Rechnungen auf - ein Abwägen der Preise -, die bestenfalls zu unseren Gunsten, im zweitbesten Fall neutral, und nur in Ausnahmefällen zu unseren Ungunsten aufgehen sollen. Wir unterziehen — bewusst oder unbewusst — unser Handeln einer persönlichen Prüfung der Folgen,  die daraus direkt wie indirekt erwachsen könn(t)en. Warum statten wir den Schwiegereltern den Sonntagsbesuch ab, obwohl wir sie eigentlich nicht mögen, oder belegen den Tanzkurs mit dem Lebenspartner, wenngleich wir das als spießig empfinden? Warum duschen wir ausgiebig, parfümieren uns, brezeln uns auf und stylen uns nach den neuesten Trends, wenn wir auf die Piste gehen, obwohl wir im Laufe es Abends zugequalmt und von Autoabgasen eingenebelt werden und: einen Partner haben? Wollen wir nur für ihn so schön sein, oder spielt da nicht doch noch etwas anderes mit hinein?

Vollbärtig und blankbrüstig
Die Antwort, warum junge Männer sich wieder Vollbärte wachsen lassen und sich im Gleichzug die Brust rasieren, obwohl dies unlogisch erscheint, da beides als männliche Auszeichnung empfunden wird, und im Doppelpack noch verstärkt wirken sollte, liegt für denjenigen auf der Hand, der nicht nur die obigen Ausführungen nachvollziehen, sondern diese im Kontext unserer zeitgenössischen westlichen Kultur mit ihren ganz bestimmten Idealen interpretieren kann. Vollbärte waren im Mittelalter Usus, in den 80ern war Brusthaartoupet mit Panzergoldkette angesagt, die man, das Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, stolz präsentierte. Nicht die Saunagänger haben die Intimrasur propagiert, sondern die Pornoindustrie; so wie die haarlose Brust aus der Body Builder-Szene kommt, die sich wiederum seit ihren Anfängen die Statuen griechischer Götter zum Vorbild nahmen. Über einschlägige Medien wie Men's Health wird vehement versucht, diese Subkulturen auch für Normalos alltagstauglich zu machen - letztlich geht es hier um Konsum, da muss man schon ein wenig Aufwand betreiben, um den Leuten die Kohle aus der Tasche zu ziehen.
Nach den Winzbrillen, kamen die Nerdbrillen dann die gefärbten Übergrößen im Wespenaugenformat. Nächstes Jahr stehen vielleicht wieder die Nickelbrillen an. Die Mode-, Film-, Unterhaltungs-, ...-Industrie kann uns Jahr für Jahr, tagaus tagein mit jedem Trendscheiß behelligen, Hauptsache, wir haben das - trügerische - Gefühl der Selbstbestätigung.

Das Paradoxon unserer Zeit 
Fazit: Unser ambivalentes Wesen bringt ambivalentes Verhalten hervor und dieses wiederum ambivalente Erscheinungen. Dr. Bob Moorehead, Pastor an der Overlake Christian Church in Redmond, Washington, hat dies in einer Predigt, 1995 gehalten, eindrucksvoll und nachhaltig ausgeführt. Auf YouTube gibt es mehrere Clips davon. Bei diesem hier fehlt leider der Rest der Predigt. Die Übersetzung habe ich etwas überarbeitet, sie ist aber meines Wissens vollständig.



Das Paradoxon unserer Zeit

"Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breitere Autobahnen, aber engere Ansichten. Wir verbrauchen mehr, aber haben weniger, kaufen mehr ein, aber haben weniger Freude daran.

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Ausbildung, aber weniger Vernunft, mehr Kenntnisse, aber weniger Verstand, mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Gesundheit.  

Wir rauchen zu stark, wir trinken zu viel, wir geben verantwortungslos viel aus; wir lachen zu wenig, fahren zu schnell, regen uns zu schnell auf, gehen zu spät schlafen und stehen zu müde auf; wir lesen zu wenig, sehen zu viel fern und beten zu selten.  
 

Wir haben unseren Besitz vervielfacht, aber unsere Werte reduziert. Wir sprechen zu viel, wir lieben zu selten und wir hassen zu oft. Wir wissen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient, aber nicht mehr, wie man lebt.  
 

Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt, aber nicht den Jahren Leben. Wir kommen zum Mond, aber nicht mehr an die Tür des Nachbarn. Wir haben den Weltraum erobert, aber nicht den Raum in uns. Wir machen größere Dinge, aber keine besseren.  
 

Wir haben die Luft gereinigt, aber die Seelen verschmutzt. Wir können Atome spalten, aber nicht unsere Vorurteile.  
 

Wir schreiben mehr, aber wissen weniger, wir planen mehr, aber erreichen weniger. Wir haben gelernt schnell zu sein, aber wir können nicht warten. Wir schaffen neue Computer, die mehr Informationen speichern und eine Unmenge Kopien produzieren, aber wir verkehren weniger miteinander.

Es ist die Zeit des schnellen Essens und der schlechten Verdauung, der großen Männer und der kleinkarierten Seelen, der leichten Profite und der schwierigen Beziehungen.  
 

Es ist die Zeit des größeren Familieneinkommens und der Scheidungen, der schöneren Häuser und des zerstörten Heime.  
 

Es ist die Zeit der schnellen Reisen, der Wegwerfwindeln und der Wegwerfmoral, der One-Night-Stands und des Übergewichts.  
Es ist die Zeit der Alleskönner-Pillen, die uns erregen, uns beruhigen, uns töten.  
 

Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist, etwas im Schaufenster zu haben, statt im Laden, in der moderne Technik einen Text wie diesen in Windeseile in die ganze Welt tragen kann, und sie die Wahl haben, das Leben zu ändern oder den Text zu löschen.

Vergesst nicht, mehr Zeit denen zu schenken, die Ihr liebt, weil sie nicht immer mit Euch sein werden.  

Sagt ein gutes Wort denen, die Euch jetzt voll Begeisterung von unten her anschauen, weil diese kleinen Geschöpfe bald erwachsen und nicht mehr bei Euch sein werden. Schenkt dem Menschen neben Euch eine innige Umarmung, denn sie ist der einzige Schatz, der von Eurem Herzen kommt und Euch nichts kostet. Sagt dem geliebten Menschen: „Ich liebe Dich" und meint es auch so. Ein Kuss und eine Umarmung, die von Herzen kommen, können alles Böse wiedergutmachen. Geht Hand in Hand und schätzt die Augenblicke, in denen Ihr zusammen seid, denn eines Tages wird dieser Mensch nicht mehr neben Euch sein.  
 

Findet Zeit Euch zu lieben, findet Zeit miteinander zu sprechen. Findet Zeit, alles was Ihr zu sagen habt miteinander zu teilen, denn das Leben wird nicht gemessen an der Anzahl der Atemzüge, sondern an der Anzahl der Augenblicke, die uns des Atems berauben."


Ein ergreifender Text, den man nicht nur einmal lesen sollte. Ich schließe mich dem Inhalt an, und auch dieser Blog, wie letztlich die Idee des Living Dō in seiner Gesamtheit, mündet in der Botschaft dieser Predigt, selbst wenn der Weg vom Living Dô zum Loving Dô noch dauern muss.
In diesem Sinne: Keep on going strong. Bis zum nächsten Post Ende September.
 

Mittwoch, 20. August 2014

Zeitbewusstsein - Teil 3

Zeit und Grundschulmathematik
Der Zeitstrahl aus Teil 2 zeigt mir die Vergänglichkeit meines Lebens an. Die 168-Stundentabelle, ebenfalls im vorhergehenden Teil 2, führt mir die Begrenztheit meiner Wochenzeit vor Augen. Gehe ich vom Standardfall aus, das heißt acht Stunden Schlaf täglich, macht 56 Stunden in der Woche, zuzüglich der 40 h-Woche Montag bis Freitag, sind das 96 feste Stunden in sieben Tagen. Es bleiben mir von den 168 Stunden Gesamtzeitvolumen noch 72 freie Stunden. Wenn ich weiter davon ausgehe, dass keine Arbeits- und keine Schlafprobleme vorherrschen, gilt es jetzt, sich Gedanken über die Qualität der bleibenden 72 Stunden zu machen, also darüber wie und womit ich diese Zeit verbringe. 
Ein Teil dieser 72 Stunden sind in der Regel extern strukturiert durch Einflüsse und Gegebenheiten wie zum Beispiel Fahrzeiten zur Arbeit und zurück nach Hause. Hier kann ich nur eingeschränkt über meine Zeit bestimmen  — nutze ich öffentliche Verkehrsmittel, lese ich dort, unterhalte ich mich, höre ich Musik, döse, smse oder maile ich? Oder fahre ich selbst mit dem Auto oder mit dem Rad? 

Freizeitqualität
Freizeitqualität bedeutet für jeden etwas anderes. Jeder setzt seinen individuellen Maßstab an. Allen gleich ist aber ein gewisser Aspekt des Eigennutzes, unter dem die Freizeit gesehen wird. Wir nutzen sie einerseits zum Kompensieren unserer bewussten wie unbewussten negativen Gefühle wie Stress, Frustration,  Unzufriedenheit,  etc. andererseits als Kontrastprogramm zum Gewohnten: Ein in Routine getränkter Arbeitstag wird gerne mit dem Gegenteil — Abwechslung — kompensiert,  umgekehrt sucht der vom Beruf Gestresste die Ruhe zum Entspannen. Fatal wird es für den, der „Gleiches mit Gleichem“ zu kompensieren sucht. Der geht gelähmt von der lähmenden Büroarbeit nach Hause und lässt sich weiter am TV lähmen, anstatt sich an der frischen Luft zu bewegen oder etwas mit Freunden zu unternehmen. Oder er führt sein gestresstes Leben  — von Termin zu Termin hetzen — weiter, indem er nach Feierabend die Fortsetzung in den Kneipen sucht; was ihn nicht wirklich abschalten lässt, sondern ihm nur ein Pseudo-Ablenkungsmanöver bietet. Andere verordnen sich selbst ein Anti-Stress-Programm, indem sie versuchen, sich durch Leistungssport fit zu halten. In Maßen ist Sport sehr zu empfehlen, nur, wer den Fehler begeht, sich bis zur Erschöpfung zu verausgaben, fährt damit sein vom Stress ohnehin schon angeschlagenes Immunsystem noch weiter in den Keller. Was daraus folgt, kann jeder selbst abschätzen. 

Familienstudie der AOK
Aufschlussreich ist die aktuelle Familienstudie der AOK, was den Einfluss und die Nutzung der digitalen Medien angeht. Am Beispiel Teenager und deren tägliche Computer- und TV-Nutzung, gehen folgende Zahlen hervor: 11 % weniger als 2 Stunden, 45 % 2 bis 4 Stunden, 21 % 4 bis 6 Stunden, und 23 % mehr als 6 Stunden. Wie gesagt, pro Tag. Auf die Woche hochgerechnet sind das bei der Untergrenze (die 11 %) bis zu 14 Stunden und bei der Obergrenze (23%) > 42 Stunden von unseren 168 Stunden in der Woche. Das bedeutet im übertragenen Sinn, dass diese noch nicht arbeitende Bevölkerungsschicht in ihrer Freizeit mehr als eine Arbeitswoche vor dem Bildschirm oder Monitor sitzen … Die Studie beleuchtet nicht nur Teenager; sie berücksichtigt bereits das Konsumverhalten der Klein- und Vorschulkinder und stellt Bezüge zu den Eltern her. Für den, der sich näher dafür interessiert, steht die Studie als PDF im Netz:http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/2014/aok_familienstudie_2014_gesamtbericht_band_1.pdf

Living Dō und Zeitstruktur
Menschen brauchen Strukturen. Nimmt man sie ihnen weg, werden sie orientierungslos. Die ersten Strukturen werden bereits im Elternhaus durch das Familienleben vorgegeben, später in Kindergarten und Schule erweitert, und im Berufs- und Alltagsleben gelebt. Zu den Strukturen gehört auch Zeitstruktur. Ohne Zeitstruktur würde unser Gesellschaftssystem nicht funktionieren, weil wir alle gelernt haben, unser Leben nach Zeitstrukturen auszurichten. Man spricht vom Leben nach der Uhr. Tatsächlich hat es die Armbanduhr in unserer modernen Welt zum Statussymbol gebracht. Doch auch da, wo keine Armbanduhren getragen werden, richtet man sich nach der Uhr. Es ist die Uhr der Natur. 

Arbeitszeit gönnen
Der Living Dōjin, der bewusste Mensch erkennt Zeitstrukturen und nutzt sie für sich. Er erkennt ihren Sinn. Er gönnt sich nicht nur Pausen, Phasen des „Nichtstuns“, der aktiven Erholung, sondern er gönnt sich auch Arbeitszeit. Das ist ein Prozess des allerorts viel gepriesenen Umdenkens: Er gönnt sich Arbeitszeit. Wer in unserem Kulturkreis macht von dieser Äußerung gebrauch? „Ich gönne mir Arbeitszeit.“ Das hängt mit dem Feiermorgen zusammen, den ich in Teil 1 ins (Gedanken-)Spiel gebracht habe. In unseren Köpfen sitzt immer noch die Bürde der Arbeit. Für viele Arbeitnehmer unserer Bevölkerung ist es tatsächlich eine Bürde — es gibt genügend Knochenjobs in unserer Welt; wobei ich davon ausgehe, dass Leser dieses Blogs, nicht zu denjenigen gehören, die täglich vierzehn Stunden für einen Hungerlohn Handarbeiten in muffigen Kellerräumen ausführen oder körperliche Schwerstarbeit an Hochöfen, Bohrinseln oder Steinbrüchen verrichten. 

Arbeit - Bürde oder Segen?
Die meisten Berufe in unserer modernen westlichen Gesellschaft sind vom körperlichen Level her eher weniger anspruchsvoll; wenn es anders wäre, hätten wir nicht so viele Übergewichtige (dass die Ursachen für Übergewicht natürlich komplexer sind, als dass sie auf die leichte körperliche Arbeit zu reduzieren wären, ist selbstredend, aber hier nicht das Thema). Arbeit als Bürde betrifft jene, die aus existenziellen Gründen zwei oder drei Jobs machen müssen, jene, für die das Standardmodell nicht zutrifft. Ich selbst habe die erste Zeit meiner Existenzgründung bis zu 90 Wochenstunden gearbeitet; da sieht die Farbverteilung der Kästchen dann schon anders aus … 

Standardmodell und die 8 Lebensbereiche
Zurück zum Ausgangspunkt: Das Standardmodell ist für denjenigen sinnvoll, der sich tatsächlich in einer standardisierten Struktur befindet. Dieser kann sich ernsthaft Gedanken machen, in welchen Lebensbereichen er seine Zeit verbringt und wie er das tut. Im nächsten Post werde ich auf die acht Lebensbereiche eingehen, auf die sich Living Dō bezieht.

Golden Brown
Als Musikempfehlung biete ich heute die Ballade "Golden Brown" der englischen Rockband The Stranglers an. Der Song ist aus den frühen 80ern. Kompositorisch herausragend sind das Cembalo und der Taktwechsel zwischen 6/8 und 7/8-Takt.