Dienstag, 29. Juli 2014


Zeitbewusstsein - Teil 2 
Vom Prozess zum Dauerzustand
Bewusst werden im Sinne von Erkennen von Zusammenhängen, Werte verinnerlichen und dem Kultivieren einer positiven Lebenseinstellung, geschieht nicht einfach so nebenbei.  Es ist ein mentales Geschehen, das, soll es Früchte tragen, angeschoben werden und in Gang gehalten werden muss. Das in Gang halten  allerdings ist es, das aus temporären Zuständen einen Dauerzustand werden lässt. Der Entschluss abzunehmen, um das persönliche Idealgewicht zu erreichen, kann aus ganz verschiedenen Impulsen heraus getroffen worden sein. Der Prozess des Abnehmens bedarf dann gezielter Maßnahmen wie die Ernährung umzustellen und für mehr Bewegung zu sorgen. Hat sich das gewünschte Gewicht eingestellt, habe ich mein Ziel erreicht. Ich freue mich darüber und bin motiviert. Dies ist ein momentaner Zustand. Die Natur der Zustände ist ihre begrenzte Dauer. Will ich den erreichten Zustand — mein  Idealgewicht — aufrechterhalten, also zum (neuen) Dauerzustand machen, muss ich die Maßnahmen, die mich zum Ziel geführt haben, aufrechterhalten. Tue ich das nicht und falle wieder in die zuvor geltenden Muster zurück, werde ich zunehmen und die alte Form zum neuen Status quo erheben.

Die Natur der Zustände ist ihre begrenzte Dauer.

Wacher Geist
Diese Gesetzmäßigkeit, die für unseren Körper gilt, gilt ebenso für unseren Geist. So wie ich meinen Körper trainieren und kultivieren kann, kann ich auch meinem Geist trainieren und kultivieren. Das Interessante daran ist, dass ich das eine nicht vom anderen trennen kann. Ich werde nicht abnehmen, wenn ich mich nicht vorher geistig damit beschäftigt habe. Es gilt also zuvorderst den Geist aufzuwecken und ihn dann wachzuhalten. Nur der wache Geist kann erkennen. Und nur der erkennende Geist kann verändern. So ist ein wacher, erkennender Geist auch ein bewusster Geist. Der wache, erkennende und bewusste Geist sorgt dafür, sich selbst zu pflegen: er wird Gutes (Freundschaft, Harmonie, Stille, …) suchen und Schlechtes (Feindschaft, Gewalt, Lärm, …) meiden. So beginnen die oben genannten Aspekte — Erkennen von Zusammenhängen, Verinnerlichen von Werten, positive Einstellung zum Leben — zu wirken. Aus bewusst werden wird bewusst sein. Bewusst sein als angestrebter Dauerzustand ist quasi der mentale Ackerboden, den ich bestelle und in den ich die Samen für mein spirituelles Wachstum sähe.  
Bewusstsein als spirituelles Ideal gesehen, sollte auf Dauer umfassend sein, also alle Lebensbereiche einschließen. Meistens jedoch ist unser Bewusstsein eher partiell und je nach Naturell und Konditionierung unterschiedlich ausgeprägt. So sind wir zum Beispiel im Lebensbereich Ernährung vielleicht sehr bewusst, haben aber was unsere soziale Kompetenz angeht, unbewusste Defizite. 


Es gilt zuvorderst den Geist aufzuwecken und ihn dann wachzuhalten. Nur der wache Geist kann erkennen. Und nur der erkennende Geist kann verändern.


Ein Maßband als Bewusstmacher der Vergänglichkeit
Das Experiment mit dem Maßband ist recht einfach, und in der Schonungslosigkeit, mit der es uns die Vergänglichkeit vor Augen führt, sehr wirkungsvoll.
Du brauchst ein 100 cm-Maßband aus Papier (gibt es beim Bürofachmarkt oder in Möbelhäusern). Es soll den Zeitstrahl eines 100-jährigen Lebens symbolisieren.
Zuhause räumst du einen Tisch komplett frei, sodass du eine saubere, leere Fläche vor dir hast. Diese leere Fläche ist quasi der Kosmos, in dem dein Zeitstrahl vor dir ausgebreitet liegt. Lass diesen Zeitstrahl in seiner ganzen Länge auf dich wirken. Werde dir bewusst, dass er ein hundertjähriges Leben versinnbildlicht. Jeder einzelne Zentimeter dieses Maßbands steht für ein ganzes Jahr, jeder Millimeter für einen Monat und eine Woche. 

Begrenzter Zeitvorrat — Die Lebenserwartung
Die Lebenserwartung ist die im Durchschnitt zu erwartende Zeitspanne eines Lebewesens ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod.
Im Jahr 2012 (momentan [Juli 2014] gibt es keine aktuelleren Werte) betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland rund 83 Jahre bei den Frauen, und 78 Jahre bei den Männern.
Schneide das Maßband an den zwei markanten Stellen deines Lebens ab: Dem Zentimeterwert, der dein jetziges Alter symbolisiert, und dem, der deine Lebenserwartung anzeigt. Gehörst du einer Risikogruppe (Raucher, Übergewicht, Herzkrankheit, etc.) an, so kürze dein Maßband um die entsprechende Zeit. Lebst du überdurchschnittlich gesund oder verfügst über eine entsprechend positive genetische Disposition, rückt der Schnitt deines zu erwartenden Lebensendes auf dem Maßband nach hinten. Dazu solltest du erst einmal deine individuelle Lebenserwartung feststellen. Im Internet gibt es dafür zahlreiche Seiten. Eine sei hier verlinkt: 

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/herz/test/lebenserwartung-werden-sie-100-jahre-alt_aid_363828.html

3 Beispiele mit dem Zeitstrahl
Diese drei Beispiele sind natürlich stark schematisiert und vereinfacht; die statistische Lebenserwartung habe ich zwischen männlich und weiblich gemittelt.
Das erste Beispiel zeigt den Zeitstrahl einer 30jährigen Durchschnittsperson.
Das zweite Beispiel zeigt den einer 50jährigen Person, die recht ungesund lebt: Sie ernährt sich schlecht, ist übergewichtig, raucht, trinkt Alkohol, arbeitet viel am PC, hält sich meist in schlecht belüfteten Räumen auf, schläft und bewegt sich wenig. Diese Person hat gute Chancen ihrem destruktiven Lebenswandel in ein paar Jahren ein Ende zu setzen, beziehungsweise setzt der ungesunde Lebenswandel es ihr. Es fragt sich zudem wie dieses Ende ausfallen wird? Auch hier stehen die Chancen recht gut, dass die letzten Jahre immer beschwerlicher werden und der Tod wohl eher als Erlösung eintritt. Das auszumalen erspare ich mir, jeder kennt solche Fälle des tragischen Siechtums.
Das dritte Beispiel zeigt den Zeitstrahl eines Menschen, der recht früh mit bewusstem Leben angefangen hat, der sich gesund ernährt, für viel Bewegung sorgt, der privat wie beruflich ein physisch wie psychisch ausgewogenes Leben kultiviert und genetisch nicht negativ dispositioniert ist. Dieser Mensch hat nicht nur gute Chancen auf ein überdurchschnittlich langes Leben, er hat vor allem Chancen auf ein gutes Leben. 


Vergangenheit und Zukunft
Nachdem du die beiden Eckpunkte Vergangenheit und Lebenserwartung abgeschnitten hast, führe dir vor Augen, was bereits an Zeitvolumen unwiederbringlich vorbei ist - deine Vergangenheit - und was dir noch zur Verfügung steht - deine Zukunft -, beziehungsweise nicht mehr zur Verfügung steht, weil du mit deinem Leben Raubbau treibst, oder was dir mehr an Lebenszeit vergönnt wäre, wenn du bewusster lebst.
Das Experiment mit dem persönlichen Zeitstrahl soll die Vergänglichkeit des eigenen Lebens sichtbar machen und dadurch die Wertigkeit der aktuell gelebten Zeit hervorheben.

168 Stunden
Getreu dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“ geht es bei bewusstem Leben also mehr darum, den Wert und die Unwiederbringlichkeit  des gegenwärtigen Lebens zu erkennen und deswegen nicht die Zukunft zu stark zu fokussieren. Als Antworthilfe zur Frage: „Wo bleibt meine Zeit“ dient eine ganz normale Excel-Tabelle. Sie stellt ein Gitternetz mit 168 Kästchen dar, die wiederum 168 Wochenstunden symbolisieren. Du kannst jetzt individuell deine Kästchen mit verschiedenen Farben ausfüllen, um zu sehen, wie und wo sich deine Arbeitszeit, deine Freizeit, deine Schlafzeit, etc. verteilt. Beim Ausfüllen der Kästchen erlebt man den ähnlichen Effekt, der sich beim Einziehen in eine neue Wohnung einstellt. Am Anfang besticht sie durch die nackte Präsenz, alle Zimmer sind leer, groß und geräumig. Dann kommen die Möbel und all der Kram, von dem man sich nicht trennen mag und die neue Wohnung ist voll. 
Das Beispiel unten zeigt eine Standardaufteilung mit 40 Stundenwoche, acht Stunden Schlaf werktags und Ausschlafen am Wochenende. Bei Nacht- und Schichtarbeitern oder Fernfahrern, ebenso bei Künstlern, Profimusikern, Animateuren, etc. sieht die Aufteilung wohl anders aus. 


Erkenne, dass deine Zeit nicht endlos, sondern grundsätzlich begrenzt ist. Lebe aus diesem Erkennen heraus, deine Zeit bewusst. Vergeude deine Zeit nicht, weder mit Lethargie noch mit blindem Aktionismus. Werde dir bewusst womit, mit wem und wofür du deine Zeit verbringen willst. 
Du bist deine Zeit.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Zeitbewusstsein - Teil 1

Zeitmanagement
In den 1980ern wurde der Begriff Zeitmanagement weitläufig publiziert. Vorrangig Führungskräfte lernten, wie man seine Zeit optimal einzuteilen habe. Sie benutzten dazu sogenannte Organizer, spezielle, kleinformatige  Ringbücher mit auswechselbaren  Seiten. Darin wurde alles notiert. Selbst private bis intime Dates wurden vermerkt; dann stand am Mittwochabend bei 19:45 geschrieben: „Essen mit Schatzi/Blumen“. Es soll Fälle gegeben haben, in denen „Schatzi“ nicht der Ehepartner war. Die schlecht versteckten Blumen hinter dem Beifahrersitz taten ein Übriges. Letztlich mündete die entlarvte Datierung darin, dass dem kurzfristigen Vergnügen das langfristige Gegenteil in Form von Scheidung folgte.
Es wurde also zeitoptimiert was das Zeug hielt. Man integrierte zudem Verfahren wie Kaizen (jap. Kai = Veränderung, Wandel; Zen = zum Besseren 改善; „Veränderung zum Besseren“). In der Wirtschaft wurde das Konzept zu einem Managementsystem weiterentwickelt und bei uns im Westen unter den Kürzeln KVP (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess), beziehungsweise CIP (Continuous Improvement Process) synonym verwendet. Egal wie man das Kind taufte, es zielte alles auf das Gleiche ab: Das Optimum an Produktivität in die vorhandenen Zeiträume stopfen.  Mit dem Fortschreiten der digitalen Möglichkeiten durch Smartphones und Tablets und der grassierenden „Appidemie“  steigerte sich auch die Zeit-Optimierungsmanie, die längst ihre ersten und dann immer weitere Opfer forderte; psychosomatische Erscheinungen, verallgemeinert unter Burn-out-Syndrom diagnostiziert, häuften sich unter den Zeitmaximierungsgeschädigten.    

Trial and error
Die Zeitmanagement-Gurus lernten dazu. Die Mängel ihres eingeschlagenen Weges verlangten nach Veränderung und Neuorientierung. Sie sahen sich bei den Vertretern der spirituellen Fraktionen um, lernten von Menschen, die bewusst konträre Konzepte lebten, die meditierten und Qualitäten wie Achtsamkeit,  Ruhe und Gelassenheit kultivierten. Neue Begriffe wie „Entschleunigung“ oder Motive wie „Simplify your life“ wurden geprägt. Man war versucht diese Bestrebungen unter dem Überbegriff „Work-Life-Balance“ zusammenzufassen. Dieser Terminus allerdings birgt das Manko, dass er die Balance zwischen Arbeit und Leben nennt, wohl aber eher die Balance zwischen Arbeit und Freizeit meint.  

Feiermorgen 
Die schematische Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist historisch gewachsen. Die Industrialisierung hat einen Großteil zu dieser Trennung beigetragen. Über Konditionierung ist sie in unseren Köpfen präsent und schafft dort mehr Schlechtes als Gutes. Wir sprechen vom Feierabend, aber nicht vom Feiermorgen. Der ist nur existent bei bewussten Menschen; das müssen keine Intellektuellen sein und auch keine Spirituellen, es genügt schon längere Zeit arbeitssuchend zu sein, um diese Wertschätzung für sich zu entdecken und sich auf einen arbeitssamen Tagesanfang zu freuen. 

Is' bald Feierabend?
Gegenteilig sind jene dran, die sich bereits bei Arbeitsbeginn schon dessen Ende herbeiwünschen, und am Montag das Wochenende. In welche Situation haben sich diese Menschen gebracht? Welche Gedanken wohnen in ihren Köpfen und welche Gefühle in ihren Herzen, die ein so negatives Bild ihrer eigenen Arbeit schaffen? Einer Arbeit, die sie  — direkt wie indirekt — selbst gewählt haben, die Teil ihres Lebens ist und oftmals mehr als ein Drittel des vollen Tages ausmacht? 

Hier und Jetzt
In Living Dō geht es, wie ich nicht müde werde zu betonen, um ein besseres und tieferes Bewusstsein für sich selbst und die Welt, in und mit der man lebt. Der bewusste Umgang mit der Zeit gehört unweigerlich dazu; sind wir doch alle in dem ewigen Zeitstrom integriert. Das gilt für unsere Gesamtlebenszeit wie für die Zeit, die wir als Alltag erleben. Die Zeit vergeht immer, so oder so, ob wir sie in Glücksmomenten am liebsten festhielten oder sie uns in Stresssituationen gerne wegwünschten. Die Zeit ist ein Naturphänomen und als solches vollkommen wertfrei. Sie nimmt keine Rücksicht auf unsere persönliche Wertung. Sie ist immer da, obwohl sie vergeht. Wie der Raum. Das geflügelte Wort vom Hier und Jetzt trägt hier seine Bedeutung.

Die Zeitambivalenz 
Die Zeit ist wie gesagt wertfrei. Wertfrei ist aber nicht unser Empfinden in der Zeit und über die Zeit. Wir sind Herrscher der Zeit und gleichzeitig ihr Knecht. Jeder von uns kennt das lähmende Gefühl der Langeweile, in der die Zeiger in der Uhr festzustecken scheinen. Und jeder kennt ebenfalls das Gefühl, wie die Zeit im Fluge vergeht. Meistens bewegen wir uns irgendwo auf einer stufenlosen Empfindungsskala dazwischen.

Neues Zeitmanagement
In Living Dō geht es nicht um die Optimierung der Zeit im Sinne des klassischen ausbeuterischen Zeitmanagements wie oben beschrieben, sondern um die Bewusstwerdung der Zeit als qualitatives Moment, bezogen auf unsere geistig-seelische Verfassung. Es gilt, die Zeit als hohes Gut zu erkennen — wie das Gut der Gesundheit — und gewahr zu sein, dass uns nur ein begrenzter Anteil davon dienlich sein kann. Mit der Zeit müssen wir haushalten wie mit unsrer Nahrung. Tun wir das nicht, können die besten und hochwertigsten Lebensmittel ungenießbar werden. Wir werfen sie weg. Wer so mit kostbarem Essen umgeht, hat es seines wahren Wertes beraubt. So ist es mit unserer Zeit. Zeit gehaltlos zu vergeuden, ist ebenso ein Frevel an ihr und damit an uns selbst, wie uns zu überfressen und uns mit Aktivitäten zu überfrachten.
Das zu erkennen, bedarf es der Überlegungen darüber, was die Zeit für uns bedeutet, und wie wir daraus folgernd mit ihr umgehen. Unsere Überlegungen führen uns bestenfalls zu neuen Erkenntnissen, und diese wiederum münden idealerweise in das Verändern unserer Einstellung. 

Teil 2 in KW 31: Wo bleibt meine Zeit? 
Im nächsten Post geht es um die Frage: Wo bleibt meine Zeit? Das Schwinden der Zeit wird für viele als nicht so gravierend angesehen, beziehungsweise nicht so bewusst wahrgenommen wie das Schwinden ,realerer‘ Erscheinungen — dem Euro im Geldbeutel oder den bereits erwähnten Lebensmitteln im Kühlschrank —, weil man sie nicht greifen kann.  Wir erfahren demgemäß  die Unmittelbarkeit der Zeit nicht direkt, sondern immer nur ihre Auswirkungen, wie beim elektrischen Strom. 

Zeitstruktur 
Nehmen wir den sogenannten Sonnentag oder auch Bürgerlichen Tag als bestimmende Zeitspanne, wird  uns allen, ungeachtet unserer persönlichen Umstände, das gleichmäßige Quantum Zeit zuteil: 24 Stunden. Diese Einteilung ist historisch konstruiert. Sie dient uns, unser Leben zu strukturieren. Strukturierung der Zeit ist die eine Seite, Wertschätzung die andere. Um beides zusammenzubringen (—> Art of Synergy) und die obige Frage Wo bleibt meine Zeit? zu beantworten, hilft es, unsere „Zeitration“ optisch vor Augen zu führen. Wie das mit simplen aber wirkungsvollen Darstellungen  geschehen kann, werde ich im nächsten Post beschreiben. Ich würde mich freuen, wenn du dir dir bis dahin neue eigene Gedanken über die Zeit und deine Beziehung zu diesem Phänomen machst.