Montag, 30. Juni 2014

Living Dô und Neurobiologie

Im letzten Post habe ich wegen Yokos Kritik versprochen, mir Gedanken zu machen, wie und worüber ich in diesem Blog schreiben möchte. Ich habe mir erst mal fünf Punkte vorgenommen:  
  • Es soll kein Allerweltsblog sein, indem ich mit täglich geposteten Allgemeinplätzen oder  Belanglosigkeiten die Zeit meiner Leser stehle. 
  • Es sollen Posts sein, die aktuelle psychologische und soziologische Themen aus dem Alltag aufgreifen, die im Grunde jeden angehen.  
  • Sie sollen anspruchsvoll sein und den geneigten Leser — ganz nach Prof. Dr. Gerald Hüther, den ich weiter unten noch näher erwähne — „einladen, ermutigen und inspirieren“, sich weiter und tiefer mit diesen Themen zu befassen.  
  • Sie sollen die Inhalte des Living Dō näher bringen und gemäß dem Attribut Art of Synergy Verbindungen zu ergänzenden Systemen und Denkweisen aufzeigen.  
  • Sie sollen ab diesem Juli in regelmäßigem zweiwöchentlichen Abstand erscheinen.
Zusammengefasst soll es in diesem Blog, wie ich im Grunde schon im ersten Post geschrieben habe, um eines gehen: Bewusstes Leben. Beziehungsweise, um ein bewussteres Leben. Denn tatsächlich leben wir alle, schon aus neurobiologischen Gründen, zu einem Großteil unseres Lebens unbewusst.

Hirnforschung 
Warum das so ist und welche Konsequenzen das hat, wissen die Hirnforscher mittlerweile recht gut. Einer von ihnen ist der bereits oben genannte Dr. Hüther, der in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ aufschlussreich darüber schreibt. Ich möchte diese Lektüre jedem ans Herz legen, dem an seiner persönlichen Weiterentwicklung gelegen ist, und den die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über unser Denken, Fühlen und Verhalten interessieren. Das Buch öffnet einem die Augen über die Chancen und Risiken unserer menschlichen Entwicklung.

Prof. Hüther und Living Dō 
Zudem schlägt das Buch Brücken zu Living Dō, wenn Hüther unter anderem schreibt (s. S.134), dass Erfahrungen immer gleichzeitig auf der kognitiven, auf der emotionalen und auf der körperlichen Ebene in Form entsprechender Denk-, Gefühls-, und körperlicher Reaktionsmuster verankert und aneinander gekoppelt (,Embodiment‘) werden. „Aus diesem Grund sind alle späteren Versuche, die Stressbewältigungsfähigkeit von Menschen durch kognitive Fortbildungsprogramme zu verbessern, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, wenn dabei nicht gleichzeitig die emotionalen (Gefühle, Einstellungen, Haltungen) und die körperlichen Ebenen (Bewegung, Körperbeherrschung, Körperhaltung) mit einbezogen werden." Diese Einbeziehung ist bei Living Dō gegeben. Das Bestimmende an diesem Lebenskonzept ist ja gerade eben, dass es die von Hüther explizit angesprochene direkte Verknüpfung von Körper und Geist herstellt. 

Mehr als nur dasitzen und zuhören 
Während in Vorträgen oder Seminaren gesetzmäßig doziert wird, und die Teilnehmer nur dasitzen und zuhören, integriert das Living Dō die gängigen Lebensthemen unmittelbar in das körperliche Training. Nur Dazusitzen und zuzuhören ist wie die Lernforschung bewiesen hat, nach bloßem Lesen die zweitschlechteste Art, Informationen im Gedächtnis zu speichern. Die Anteile des Behaltens von Lerninhalten gliedert sich wie folgt: 
10% behalten wir durch Lesen 
20 % durch Hören 
30% durch Sehen 
50% durch Hören und Sehen 
70% durch selbst darüber sprechen  
90 % durch selbst ausprobieren und ausführen.
Der wesentlichste Faktor dabei ist allerdings die persönliche Bewertung der Information — wir behalten nur das, was uns persönlich wichtig ist. So ist es zu erklären, dass es interessierte Leser gibt, die sehr viel behalten und reproduzieren können, während wiederum Uninteressierte auch nach aktivem Üben wieder rasch vergessen.

Living Dō wendet sich ausschließlich an Interessierte, an jene, denen die persönliche Entwicklung wichtig ist, und die nach Wegen Ausschau halten, die ihnen dazu eine Hilfe sind. Nur bei diesen kann Living Dō seine Kraft entfalten. Das gilt im Übrigen für alle mentalen und körperlichen Systeme, und ist damit selbstredend.

Das entscheidende Kriterium von Living Dō ist also das direkte Zusammenbringen von theoretischen Inhalten mit dem körperlichen Erfahren von Kampfkunsttechniken im aktiven Training. 

Living Dō und Powerposing 
Ein einfaches Beispiel: In der Kommunikationspsychologie wird unterschieden in verbal und nonverbal;  zweite geschieht durch die Körpersprache. Eines der bekanntesten Zitate dazu ist wohl Paul Watzlawicks „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Die renommierte amerikanische Psychologin Amy Cuddy referiert in ihren Vorträgen über sogenanntes Powerposing: "Body language affects how others see us, but it may also change how we see ourselves. ,Power posing’ — standing in a posture of confidence, even when we don't feel confident — can affect testosterone and cortisol levels in the brain, and might even have an impact on our chances for success.” Das bloße Einnehmen bestimmter kraftvoller Posituren übt also unmittelbar positive Effekte auf den Testosteron- und den Cortisolspiegel aus. Man fühlt sich besser und energetischer, die Aufmerksamkeit ist gestärkt, die Sinne sind geschärft. Das ist zum Beispiel sehr wertvoll bei Stresssituationen wie Bewerbungsgespräche, bei denen es um viel geht.
Dieser positive Power-Effekt wird unter „Ausdruck“ im 3-Kreise-Modell des Living Dō erzielt. Er ergibt sich unmittelbar und naturgemäß bei der Einnahme von Kamae (japanisch: .構え, gesprochen: Ka-ma-e; Kampfstellung, -haltung) im Living Dō-Training und auch in den klassischen Budōdisziplinen wie zum Beispiel Jiu-Jitsu, Aikidō, Iaidō. Kendō und Karate-Dō. Kamae drückt nach dem Prinzip „Wie innen so außen“ die innere Haltung des Budōka aus. Wenn ich innerlich schwach bin, kann ich nach außen keine Stärke ausdrücken.

Bewusstes Leben und die Zeit
Bewusstes Leben hat viele Facetten und Aspekte. Einer der wesentlichen ist der individuelle Umgang mit der eigenen Zeit. Denn ich brauche Zeit für mich. Für meine persönliche Entwicklung. 
Deshalb befasst sich der nächste Post in KW 29 mit der Zeit und der Frage: Wo bleibt sie? Wo bleiben die 24 Stunden, die sich mir täglich bieten? 

Dienstag, 3. Juni 2014

Die Crux mit den Lehren
Der gelehrte japanische Kaligraph Yamamoto Magune (1575—1644) wurde einmal nach seinem Buch Shi Shin gefragt und wie dessen Rezeption ausfalle.

Er antwortete:
„Sie sehen das Werk, doch sie erwerben es nicht.
Sie erwerben das Werk, doch sie lesen es nicht.
Sie lesen das Werk, doch sie verstehen es nicht.
Sie verstehen das Werk, doch sie leben es nicht.
Das ist die Crux mit den Büchern und jenem, was sie zu lehren vermöchten.“

Nähere Infos zu Shi Shin - Das Buch der vier Herzen:
http://www.axelgora.de/6.html