Donnerstag, 1. April 2021

SEI WIND UND WEIDE. KÄMPFE, OHNE ZU KÄMPFEN

Die Krise lässt weiterhin und stetig ihren Wind durchs Land wehen. Er weht in alle Himmelsrichtungen. Durch alle Bevölkerungsschichten. Und: In allen Stärken — naturgemäß sind von diesen auf der Beaufortskala* die äußersten Gegensätze [Windstärke 0 und 12] am auffälligsten. Das gilt auch für ihren psychologischen Transfer in den (Corona-)Alltag: Windstille [0] entspricht Lethargie und Phlegma als Zeichen von  Resignation und Erschöpfung. Orkan [12] entspricht grenzwertigem bis gefährlichem Aktionismus als Kompensation von Überforderung. Gleichermaßen sind beide Extreme in ihren unterschiedlichsten Ausdrucksformen letztlich Symptome von HilflosigkeitJe nach dem Grad der persönlichen Betroffenheit und der eigenen Resistenz (—>  Januar-Post 2021) führen beide Extreme nicht selten bis in die Verzweiflung. 

Dass es soweit nicht kommen muss, bestenfalls sich Positives für eine persönliche Transformation finden lässt, davon handelt dieser Post.     


 




Maxime des Living Do - Impulsgeber

Kann bei so einer Misere eine Maxime wie die des Living Do „Sei Wind und Weide. Kämpfe, ohne zu kämpfen.“ bei der Bewältigung (warum ich nicht "im Kampf gegen die Krise oder "im Kampf gegen das Virus" schreibe, erschließt sich im Folgenden) dieser schweren Zeit helfen? Ein paar (zen-)philosophisch anmutende Worte, die ihre Aussage noch nicht einmal klar auf den Punkt bringen, wie zum Beispiel: „Was Du tust, das tue ganz.“, sondern ihre Botschaft verschlüsselt einhertragen und damit Anstrengung abverlangen, ihren Sinn zu erfassen? 

Ja. Die Maxime des Living Do kann helfen. Sie kann Impulse geben und einen Beitrag leisten, die Krise als schmerzliche Offenbarung des Lebens mit wache(re)n Augen zu sehen und besser mit ihren Erscheinungen umzugehen. Dass das nicht aus sich selbst heraus geschehen kann und ohne eigenes Zutun, wie bei einem und durch einen Zauberspruch, ist selbstredend. Es braucht einige ,Dinge' dazu. Welche, folgt in den weiteren Abschnitten.       






Mechanik des Lebens - Verständnis

Für die Symbolik und damit für die Botschaft der Living Do-Maxime braucht es Verständnis; wie es ein solches braucht sowohl für Symbolik allgemein als auch für das Wesen des Living Do an sich. Es braucht für alles in der Welt Verständnis, will man ihrer komplexen Mechanik beikommen: Wie beim Räderwerk einer Uhr, bei dem ein Zahnrad ins andere greift, verhält es sich mit dem Leben. Hier allerdings greifen unendlich viele Zahnräder ineinander.





Kausalität - Lückenlose Verkettung und Abschluss

Mit Verständnisfähigkeit und Auffassungsgabe allein ist es nicht getan. Mehr als kognitive Fähigkeit ist nötig, wenn spirituelle Botschaften letztlich in Aktion münden, idealerweise gelebt werden sollen.

Verständnisfähigkeit ist der dritte von fünf Aspekten der folgenden Kausalkette. Dabei gilt, dass die Negation " ( steht hier für „heißt nicht/ist nicht") des Folgeaspekts vom vorangegangenen Aspekt aufgehoben sein muss.  

 

Gesagt/geschrieben ≠ gehört/gelesen — Gehört/gelesen ≠ verstanden — Verstanden ≠ verinnerlicht — Verinnerlicht ≠ getan — Getan ≠ von Herzen gelebt


Die spirituellen Lehrer aller Epochen wussten um die Bedeutungsschwere dieser Kausalkette. Was nutzten und nutzen ihre Weisheiten, wenn die Kette bei den Rezipienten nicht bis an ihr Ende gelangt?


Thermik im Fallwind der Misere - Hoffnung

Trotz des Gefahr Laufens, von der Mehrheit nicht gehört/gelesen, verstanden, … worden zu sein, ließen die großen Meister nicht ab von ihren Lehren und von ihrem Lehren. Sie waren von der Hoffnung getragen, dass ein Teil, so klein er auch sein mochte, ihre Botschaften leben würde, die Kette vollenden und damit die Welt ein wenig besser machen. Für diesen kleinen Teil lehrten sie. Mit dem Living Do und seinen Living Dojin ist es ebenso. Hoffnung erzeugt, um im Bild zu bleiben, Thermik im Fallwind der Misere.   






Sei Wind und Weide." - Tiefe

Ausgehend von der überlieferten Jiu-Jitsu-Maxime „Nachgeben, um zu siegen“ und dem dazugehörigen tradierten Beispiel der biegsamen Weide, die, sich wiegend, den Sturm überstand, während die starre Eiche in ihrem Widerstand brach, wurde mir beim Entwickeln des Living Do gewahr, dass die Maxime nur auf das technische Anwendungsprinzip dieser Kampfkunst abzielt, nicht aber die von mir hineingegebene spirituelle Essenz als gelebte Wegkunst kommuniziert. Eine Ergänzung des tradierten Grundsatzes war nötig. Diese Erkenntnis mündete in die genuine Living Do-Maxime „Sei Wind und Weide."    


Das Wechselspiel zwischen Uke und Tori - Annehmen und Loslassen

Für ein lebendiges (living) Miteinander bedarf es mehr als nur nachzugeben — kein Yin ohne Yang. Es bedarf des Windes, der die Weide sich wiegen macht. Es bedarf der Weide, um dem Wind eine Aktionsfläche zu geben.

Übertragen auf unsere Wegkunst Jiu-Jitsu, beziehungsweise auf die interaktiven Do-Künste allgemein, heißt das, damit überhaupt eine Wechselwirkung entstehen kann, braucht es einen „Angreifer" (jap. Uke) und einen „Verteidiger" (jap. Tori). Ich schreibe beide Akteure in Anführungszeichen, weil es hier nicht um einen realen Kampf geht, im Gegenteil. 

Beide, Uke und Tori, sind sowohl Wind und Weide: Beide bewegen sich in festgelegten Angriffs- und Verteidigungs-Mustern. Uke greift an, und gibt damit seine Energie an Tori. Tori nimmt Ukes Angriffs-Energie an, beziehungsweise auf. Jetzt wendet sich das Blatt: Tori gibt seine Verteidigungsenergie an Uke. Uke lässt von seiner Position als "Angreifer" los. Er ist jetzt der Annehmende. Er nimmt die Verteidigungs-Energie von Tori auf: Er lässt geschehen, er lässt sich werfen, hebeln oder festlegen. Nach einer abgeschlossenen Technikfolge werde die Rollen gewechselt: Der Wind wird zur Weide, die Weide wird zum Wind.


 

Kämpfen, ohne zu kämpfen ist Geben und Nehmen in ständigem Wechsel 

 

(Krisen-)Winde - Allgegenwart

Wer das Wind-Weide-Prinzip als Living Dojin erkannt hat, erkennt, dass überall in unserem Leben dieses Prinzip wirkt: Überall wehen Winde in allen erdenklichen Formen, findet ein Geben und Nehmen, ein Austausch von Energien statt. 

Die Corona-Pandemie ist seit einem Jahr der vorherrschende Wind — und er wird es wohl noch länger bleiben — aber er ist nicht der einzige ... Die weithin bekannten gesellschaftlichen Winde, die unser Leben durchweh(t)en bis durchstürm(t)en, sind allgemein bekannt. 

Die Energie dieser (Krisen-)Winde in all ihren psychologischen und soziologischen Formen nehmen wir zwangsläufig mehr oder weniger auf: Wir sind Weide. Wir wiegen uns und bleiben im Wiegen standhaft. Wir brechen nicht wie die starre Eiche. 


Von der Weide zum Wind - Eigenermächtigung

Doch beim sich Wiegen, beim Weide sein, bleibt es nicht. Auch wir sind Wind. Auch wir sind Energie. Wir sind nicht nur Reagierende, sondern auch Agierende. Wir erzeugen unseren eigenen Wind, machen uns selbst wiegen in der Sicherheit, dass in dem geflügelten Wort von der Krise als Chance auch für uns eine Wahrheit zu finden ist. 

Wir müssen nicht unbedingt mit Windstärke 12 agieren, im Gegenteil, oft sind weniger Windstärken besser; sie sind ökonomischer und weil weniger mächtig, zielführender zu handhaben  — den Wind als transzendierte Form der Energie habe ich bereits 2001 in meinem Buch Arashi-Power thematisiert. Die eingesetzten Windstärken sollten idealerweise kontinuierlich wehen — Kontinuität ist ein Aspekt der K-Triade der 8 Triaden des Living Do (Konzentration - Klarheit - Kontinuität).             

 






Kämpfe, ohne zu kämpfen." - Transzendieren I

Bei uns im Living Dojo ,kämpfen' wir — wenn wir unser Jiu-Jitsu als Wettkampfsport betreiben — miteinander nicht gegeneinander. „Sieg“ oder „Niederlage“ gibt es in diesem Kontext nicht. Für uns als Living Dojin ist der Jiu-Jitsu-,Kampf' ein kultivierter Prozess körperlicher Auseinandersetzung: was für Unkundige vordergründig roh erscheinen mag — wir fassen – werfen – fallen – umklammern – scheren – hebeln – würgen —, ist unter der Oberfläche das Gegenteil; eine Synergie von ethischem Moment und körperlichem Ausdruck: Sanftheit in der scheinbaren Rohheit — wir spielen kämpfen. 

In diesem Spiel sind wir gelebte Verbindung: Wir verbinden nicht nur unseren Geist mit unserem Körper, wir stellen durch den achtsamen Umgang mit unserem ,Kampf'-Partner eine Verbindung her zwischen ihm und uns. Dadurch verlassen wir die kompetitive Ebene und erhöhen unser Tun auf eine ethische, die sich einem bloßen Wettkampfsportler, der, seinem Narzissmus anheimgefallen, bloß und einzig auf seinen eigenen Sieg aus ist, nicht zu erschließen vermag — Embodiment wird zu Embudoment.


 





Miteinander nicht gegeneinander - Transzendieren II

Der Alltag ist nicht unser Gegner. Das Leben ist nicht unser Rivale. Corona ist nicht unser Feind. Wir kämpfen nicht gegen den Alltag. Nicht gegen das Leben. Nicht gegen das Virus. Sondern wir ,kämpfen' im Sinne der Living Do-Philosophie mit ihnen. Die Weide neigt sich mit dem Wind, sie stellt sich nicht gegen ihn. Jeder Segler oder auch Radfahrer und Wanderer weiß, dass das Segeln, Fahren oder Wandern mit dem Wind Kräfte addiert: die eigene Kraft plus die Windkraft, während das Segeln, Radeln, Wandern gegen den Wind Kräfte zehrt ...  

Anmerkung: Die Anführungszeichen bei den einschlägigen Begriffen sind jeweils bewusst geschrieben oder weggelassen. Wann und weshalb erschließt sich aus dem Kontext. 

Der ,Kampf' mit sich selbst, das ,Ringen' mit seiner eigenen Begrenztheit ist nicht dasselbe wie der Kampf gegen sich selbst. Wenn ich gegen mich oder gegen andere kämpfe, kann es, wie uns die Erfahrung lehrt/e, je nachdem wie stark und wie lange der Kampf wütet, zu üblen Auswirkungen kommen.* Überdies hat dies wohl jeder, der seine eigenen Kräfte auslotete und bis an seine Grenzen geriet, erfahren — in meinem Bekanntenkreis finden sich einige, die diesem Kampf gegen sich (und [vermeintlich] gegen andere) unterlagen und bis heute Reparationen leisten. Die Gründe lassen sich eruieren, die Mechanismen dahinter sind erforscht. Näher Interessierten seien dazu die Publikationen von HJ Maaz empfohlen.  

*Beispiele für diese Auswirkungen habe ich in meinem Post Heart of Gold unter Das Werk des dunklen Maschinenherzens aufgezählt; s. Heart of Gold


Platon und Aristoteles - Differenzieren und Weiterdenken

Die Idee vom Kampf gegen jemanden oder gegen etwas, haben wir uns in vieltausendjähriger Menschheitsgeschichte durch tradierte Mythen selbst eingebläut. Durch das Schaffen von Analogien anhand unzähliger Beispiele aus der Natur, hat unsere Spezies die „Idee des Kampfes gegen ..." zu einem Gesetz erhoben. 

Der Archetypus vom Feind und dem Kampf gegen ihn, ist so tief in den Steintafeln unserer streithaften Überlebensgenetik eingemeißelt, dass es ohne den entsprechenden spirituellen Überbau mitunter unmöglich scheint, anders herum zu denken, gar zu fühlen, und uns auf friedvolles Miteinander-,Kämpfen' umzuprogrammieren. 

Bis zum heutigen Tag wird dieser Archetypus und dieses ,Gesetz' in allen Formen menschlicher Kultur aufrechterhalten: Durch Literatur, durch Filme, durch Rap-Genres, etc. findet eine offene wie versteckte Heroisierung, Glorifizierung und Idealisierung des Gewaltsamen, des Kampfes gegen ... statt. Die Medien, in all ihren Formen, dahingehend zu einem manipulativen Krebsgeschwür mutiert, streuen in ihrer durch die Digitalisierung möglichgemachten Omnipräsenz flächendeckend Metastasen in unsere Köpfe und in unsere Herzen — es fand und findet keine Gehirnwäsche statt, sondern das Gegenteil: eine akute Gehirnverdreckung und Herzverwucherung.         







Mahatma Gandhi - Mut - Entschlossenheit - Großes Herz
Das Beispiel für Kämpfen, ohne zu kämpfen." ist wohl Mahatma Gandhi (1869 - 1948). Seine Synergie von Intellektualität (Rechtsanwalt und Publizist), Askese (Hindu) und Pazifismus ließ ihn durch Mut, Entschlossenheit und vor allem durch das große Herz zum geistigen wie politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung werden. 

Gandhi kultivierte eine Geisteshaltung, in Indien als Ahimsa bezeichnet, die grundsätzlich das Schädigen und Verletzen von Lebewesen aller Art vermeidet. Nach der buddhistischen Lehre gehören auch negative Gedanken, Hass und Lüge dazu. Gandhi war der festen Überzeugung, dass jeder Mensch durch beharrliches sich Üben in den Tugenden lernt, mit sich selbst und anderen in Frieden zu leben. Aus Jiu-Jitsu leben (2011), Kapitel „Dō – Entscheidung für den Frieden", S. 105





Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den Kinofilm Gandhi von 1982 ansehen. Dieser zeigt in ausdrucksstarken Szenen vom seinem Leben und Wirken. 


Kreise schließen - Muße

Im Abschnitt Impulsgeber versprach ich Anregungen zur Hilfe bei der Krisenbewältigung, „Dinge", derer es dazu bedarf. Sie stehen blau gesetzt in den Titeln der einzelnen Abschnitte und stecken in den Abschnitten selbst. Um sie herauszulesen, braucht es Muße. Muße braucht innere Ruhe. Innere Ruhe braucht äußere. Wobei wir wieder bei den Aspekten der Resistenz sind. 

Die Welt ist voller Kreise. Sorgen wir dafür, dass sich zumindest unsere Kreise schließen.  








Die Brise des Friedens

Keiner weiß, was die Zukunft mit oder ohne Corona bringt. Das sehnlichste Wünschen nach dem ,alten Leben‘ wird wie muss zwangsläufig ungehört bleiben. Vergangenheit ist Vergangenheit.  

Was mit großer Wahrscheinlichkeit — dennoch nicht mit absoluter Sicherheit — für jeden von uns sein wird ist, dass es ein Morgen geben wird. Und ein Übermorgen. 

Wie wir diesem Morgen begegnen und wie wir ihn gestalten werden, ist uns ganz allein anheimgegeben. 

Winde [6-8], Stürme [9-11] und Orkane[12] werden weiterhin wehen. Wir werden uns weiterhin wiegen, weiterhin kämpfen, ohne zu kämpfen ... 

... bis die Große Brise des Friedens einkehrt. 


Cat Stevens - „The Wind"

Zum Ausklang des heutigen Posts ein passender Song aus den frühen 1970ern. Es gibt einige Lieder aus dieser Zeit, in denen der Wind eine Rolle spielt. Ich habe mich für The Wind von Cat Stevens entschieden, dessen gefühlvolle Lieder haben mich schon in meiner Jugend begleitet.






*Laut der Beaufortskala, die ich auch in Arashi-Power hergenommen habe, sind es 12 Windstärken. Diese wurden später um fünf weitere Stärken auf 17 ergänzt.


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Montag, 1. März 2021

POESIE IM GI

Wir schreiben den 1. März im Jahr 02 n. Chr. n. Cor. Täglich neu einfallende und uns okkupierende Prognosen, Statements, Expertisen, Neuigkeiten, Meinungen, Schlagzeilen, etc. sind die mentalen Superspreader der flächendeckenden Verwirrung, deren vielreichende negative Wirkung nicht selten in Frustration mündet.

Ins gleiche Horn möchte ich mit diesem Blog im Allgemeinen nicht stoßen. Meine Posts sollen positive Impulse bieten. Sie sollen bestenfalls inspirieren und animieren. Immer aber und wenigstens zum Nachdenken anregen. 


Animieren

Es gilt im Strudel der Ereignisse sich persönliche Inseln zu suchen und dann und dort den Fokus zu richten auf Dinge, die uns erfreuen, bestenfalls erfüllen. Im Januar Post „Resistenz“ und mehr noch im Februar-Post „Heart of Gold“ habe ich unter „Das Werk des hellen Maschinenherzens“ Beispiele dazu aufgezählt. Diese Beispiele sind heilsame Handlungen. Sie alle helfen uns, weiterhin stark zu bleiben, bestenfalls durch sie ein Stückweit stärker zu werden  gerade in den Zeiten des Umbruchs —, um dadurch mehr Energie zu haben für die negativen Auswirkungen der Krise. 








Muhkuh statt Haiku

Den Spirit des Living Do in den Alltag zu bringen, spannt den roten Faden dieses Blogs. Es läge nahe, dass ich zum Titel des Märzposts "Poesie im Gi" etwas über die japanische Gedichtform des Haiku schriebe — das stünde einem Budomeister doch gut zu Gesicht  ... Nein, die(se) Eitelkeit habe ich diesmal außen vor gelassen. Losgelöst von der Theorie, gibt es hier und heute keine Abhandlung darüber. Stattdessen eine Einladung zum Verse Schmieden, sprich: Reimen.


Reimen und Living Do

Man muss kein großer Lyriker sein, um Verse zu schmieden. Jeder kann reimen.    

Reimen ist eine Form des Wiegens im [Corona-]Wind, eine Möglichkeit, wie wir der Krise nichts entgegnen, sondern wie wir ihr begegnen. Es ist ein Bestandteil des Kämpfens, ohne zu kämpfen.*

So habe auch ich mich einmal hingesetzt, um mich von der Muse küssen zu lassen. 

Letztlich sind unter vielen Reimen und Wortspielen zwei Winzgedichte entstanden, mit denen ich den Märzpost schließen möchte.

  

Poesie im Gi — 2 x Rühriglyrik (für V., die „kleine Pilze“ im Park Ball spielen sieht)

I - Reimecke Fluchs 

In einem Eck da sitzt er Reineke der Fuchs so spät

und leckt sich seinen Wanst so keck

der sich flugs hat aufgebläht

als er beim Reimen hat gefressen Wort und Wörter

ganz versessen auf die Küchenpoesie

hart und härter reimt er nie

mals mehr so spät so flugs

Reineke der Fuchs.

 

II - Sei Wind und Weide

Sei Wind und Weide

sagt der Meister Axel heißt er

und bescheide dich in Worten

dass sie nähren allerorten

muntre Geister die sich mühen

geistvoll weise manchmal kühn

manchmal reimend ungestüm

der Weide gleich vom Wind umworben     

spielend federn ohne Sorgen

dem Tages Wirken unverborgen sich hinzugeben

um zu leben als wäre es der letzte Tag

und wenn sich traut ein neuer mag

erscheinen nach der Nächte Stunden

So hat der Wind die Weid gefunden

und beide bleiben unverzagt

ein Leben lang verbunden.

 

*Mehr über die beiden Living Do-Maximen „Sei Wind und Weide“ und „Kämpfe, ohne zu kämpfen“ gibt es im nächsten Post.


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Montag, 1. Februar 2021

2015/2021 ... [2027?] - HEARTs OF GOLD

Heute vor sechs Jahren schrieben wir den 1. Februar 2015. 

Das ist ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahre her. Wer hat noch im Gedächtnis, was in diesem Jahr geschah? Als ich mich das im Zuge dieses Posts fragte, konnte ich mich außer an ein einschneidendes familiäres Ereignis und eine sehr sinnliche Begegnung an nichts erinnern beziehungsweise konnte ich keine spezifischen Ereignisse explizit diesem Jahr zuordnen. Erst als ich im Netz nachschaute, fiel vereinzelt der Groschen.

In den letzten sechs Jahren ist viel passiert. Bei jedem von uns. Gutes und Schlechtes — die Wertung ist stets subjektiv und individuell. Was in den nächsten eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahren und speziell in 2027 passiert, weiß niemand. Deswegen impliziert der Titel dieses Posts neben den zwei gegensätzlichen Attributen endlich und zeitlos auch das Attribut ungewiss.  

In diesem Post soll es weder um einen chronischen Abriss der Ereignisse der letzten sechs Jahre gehen (endlich) noch um utopische oder gar dystopische Zukunftsprognosen (ungewiss). Das weiterhin alles überstrahlende Thema Corona habe ich nur in einem einzigen Satz erwähnt — im Ursprungstext kommt sogar auch einmal "Viren" vor, aber in einem gänzlich anderen Zusammenhang.    




Dieser Post möchte sich einem bestimmten Phänomen der "Zeitlosigkeit" widmen: Die menschlichen Regungen: die Gedanken, Gefühle und ihren daraus entstehenden Handlungen, die "ewig" gelten und somit als "zeitlos" bezeichnet werden. 

Um diese im Grunde weltbewegenden Regungen — vor allem deren Schöpfer und Träger —, soll es in diesem Post gehen. Ihn habe ich bereits im Februar 2015 verfasst und in den Living Do-Blog gestellt, deswegen der mit den Jahreszahlen modifizierte Titel. 

Der Song Heart of Gold wie der damalige Post haben nichts an Aktualität verloren. Womöglich haben sie sogar durch die Einflüsse der Corona-Pandemie an Tragweite gewonnen. Das mag ihr Attribut der Zeitlosigkeit stärken.

Die Longreader unter Euch mögen sich womöglich an den Post von damals erinnern. Die anderen, die noch nicht so lange der Living Do(jin)-Community angehören, kennen ihn gar nicht. Anyway, die Lektüre lohnt der Erbauung. So habe ich den Post redigiert und ihn als Februar-Post 2021 eingestellt.  

Der alte Post steht dashboard-bedingt auf einer anderen Blog-Seite; deswegen hier der Link: 

HEART OF GOLD




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Freitag, 1. Januar 2021

RESISTENZ

Die Zeichen der Zeit sind deutlich. Werte, Eigenschaften und Fähigkeiten, die bislang nur für bestimmte Minderheiten wichtig waren, gewinnen — Corona geschuldet — jetzt auch für die Allgemeinheit an Wichtigkeit. Eine davon ist eine gute Resistenz.

Deswegen dreht sich der heutige Post darum, was du selbst aktiv für dein eigenes natürliches Abwehrsystem — deine Resistenz — tun kannst.

 

 



 

Reduktion

Vorab Grundsätzliches zu den Living Do-Posts. Einer der Aspekte des Living Do ist Reduktion. Reduktion hat im Living Do unterschiedliche Bedeutung. Neben einem reduzierten Lebensstil, dem bewussten Hinwenden zum „Weniger ist Mehr“, meint es auch das Fokussieren auf „das Wesentliche“, so subjektiv und persönlich dieses Wesentliche auch immer sein mag. Deswegen ist unser Symbol für diesen Aspekt ein Scheinwerferkegel in der Dunkelheit. Alles außerhalb des Lichtkegels ist schwarz. Es zählt nur das, was innerhalb des Kegels sichtbar wird. 

Reduktion heißt auch Simplifizierung und steht damit — sexy unwissenschaftlich — dem analytischen Forscherdrang, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, entgegen. Das bewusste Reduzieren = eine Methode, um „dem — seinem — Wesentlichen“ näher zu kommen und der Komplexität der Welt besser zu begegnen. 

Für die Inhalte dieses Posts — wie für alle Posts dieses Blogs überhaupt — heißt das, dass jedes Thema, dem Reduktionsprinzip geschuldet, zwangsläufig immer unvollständig, ,nur‘ als Impuls gedacht ist, zum Abgleich mit seinem eigenen Lebensentwurf.

 

 



 

Jeder ist sein eigener Maßstab

Für mich ist es gut und ausreichend, täglich meine Atemübungen am offenen Fenster zu machen und bei Wind und Wetter spazieren zu gehen. Der Extrem-Athlet Wim Hof, als „Iceman“ weltbekannt, dagegen spannt hier eine wesentlich höhere Richtschnur. Sein Abhärtungs-Programm ist radikal und deswegen für die Mehrheit weniger bis gar nicht tauglich.  

Jeder ist sein eigener Gradmesser. Jeder entscheidet selbst, inwieweit er sich in (s)ein Thema hineinvertiefen kann und will. Das betrifft jeden der hier aufgeführten Aspekte.

 

Adaption

Unser Immunsystem ist wie alle Systeme des menschlichen Körpers ein adaptives System. Das heißt, es passt sich an. Anpassungsvorgänge sind keine Einbahnstraße; es geht in zwei Richtungen: So wie ich mein Muskel-, mein Herz-Kreislauf- und mein Immunsystem durch inaktive Lebensweise (Couchpotato/#besonderehelden) verkümmern lassen kann, oder diese Systeme durch kontinuierliches Übertraining (Leistungssport) schädigen, kann ich sie durch gezielte und ausgewogene Maßnahmen stärken. Das hierbei natürliche Grenzen gelten, ist selbstredend — wir alle sind nicht als unbeschriebenes Blatt geboren worden, jedem von uns wurde etwas von seinen Vorfahren an Schwächen und Stärken mitgegeben.


Den Weg der Goldenen Mitte

In diesem Post reiße ich die gängigsten Aspekte an, die unser Immunsystem beeinflussen und auf die wir wiederum Einfluss nehmen können. Das Gute daran ist, dass diese Aspekte nichts Spektakuläres enthalten, nichts Übermenschliches einfordern. Es geht nicht um extremistische Selbstoptimierung. Die Living Do-Philosophie zielt ab auf einen Weg der Goldenen Mitte, wie wir sie sowohl in der antiken Philosophie als auch in den Religionen finden, auf den Einklang mit sich und der Welt. Diesen Weg zu gehen, ist schon für sich so fordernd, dass er keiner Extreme bedarf.        


Aspekte für eine starke Resistenz 

Mindset

Das positive Mindset ist die Basis. Ohne ein wirkliches Bewusstsein dafür, dass der eigene gesunde Lebensstil maßgeblich ist für eine starke Resistenz, geht es nicht. Dabei ist zu berücksichtigen:

A: Erziehung und Umwelt. Wir alle sind durch soziale Gefüge geprägt, in ihnen großgeworden und leben in ihnen. Das erschwert mitunter die Anstrengungen, unser Leben zu ändern. Es ist aber ebenso möglich, seine Umwelt zum neuen und besseren Lebenswandel mitzuziehen.   

B: Die ererbten Anlagen spielen eine Rolle. Jedem sind persönliche Grenzen gesetzt. Jedoch hat die Epigenetik hervorgebracht, dass pro-aktive Veränderungen die eigene Genetik positiv verändern können.

 

Ernährung

Auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, bedeutet sich abwechslungsreich und nach Möglichkeit saisonal und regional zu ernähren und seinen Bedarf an Nährstoffen, wie Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett sowie Vitaminen und Mineralstoffen zu decken. Die Vitamine C, E, A, D zum Beispiel sind für eine optimale Funktion des Immunsystems unerlässlich. Wichtig hierbei — wie immer und überhaupt bei allen Aspekten — das gesunde Maß, was im Wort "ausgewogen" zum Ausdruck kommt.

 

Licht und Luft

Alle unsere Systeme fahren bei Inaktivität in überheizten Räumen runter. Stündliches Stoßlüften wird nicht erst seit Corona empfohlen. Wichtiger aber ist regelmäßige Bewegung — ein einfacher Spaziergang wirkt Wunder für Leib und Seele — draußen bei frischer Luft. Das ist eines der besten Mittel, um physisch wie psychisch aufzutanken. Mit entsprechender Kleidung lässt sich bei jedem Wetter vor die Türe gehen.  

 

Gute Konstitution

Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen, die einen gesunden und aktiven Lebensstil führen, auch über eine entsprechend gute Konstitution verfügen. Sie ist quasi die körperliche Konsequenz. Mit einer guten Konstitution ist, dem goldene Mittelweg gemäß, nicht der Modell-Athlet gemeint, sondern ein gesundes Maß zwischen Gewicht, Beweglichkeit und Ausdauer.    

 

Ruhe

Viele Menschen gönnen sich keine Pausen. Sie tun das Gegenteil: Sie stopfen ihren Alltag von morgens bis abends mit Geschäftigkeit voll. Selbst die Sonntage sind mit Geschäftigkeit ausgefüllt — dass diese Handlungsweise auch erfüllt, ist oft nicht gegeben. Wenn man aus der Geschäftigkeitsspirale nicht mehr hinauskommt, ist es zum Stress nicht mehr weit hin. Punktuell ist Stress als Antreiber wichtig, als Dauererscheinung jedoch, entpuppt er sich als Resistenzkiller.  

 

Schlaf

Regelmäßiger und ausreichender Schlaf bei guter Atmosphäre, das meint weder zu warm noch zu kalt und möglichst ohne Störfaktoren, ist elementar. Über die Schlafdauer ist viel diskutiert worden, letztlich hat es sich bei sieben bis acht Stunden eingepegelt. Neben der Dauer ist die Qualität des Schlafes entscheidend.

 

Soziales Leben

Die Art und Weise wie sich Familienleben und das soziale Umfeld gestaltet, hat ebenfalls Einwirkungen auf das Immunsystem. Krisensituationen wie sie Corona hervorgerufen hat, haben das bewiesen. Gerade jetzt ist es ratsam, die Spreu vom Weizen — gute von schlechten Freunden — zu trennen und auch in der Familie die Schwach- wie die Stärkenstellen anzugehen.  

 

Humor

Kinder lachen weit mehr als Erwachsene. Während ein Kind täglich lacht, gibt es Erwachsene, denen der sogenannte Ernst des Lebens das Lachen komplett aus ihrem Alltag verbannt hat. Beim Humor verhält es sich wie bei der Dankbarkeit: Je dankbarer ich bin, umso mehr finde ich, worüber ich dankbar sein kann; auch oder gerade in Krisenzeiten.  

 

Vor Augen führen — im Auge behalten

Der Post schließt mit einer Grafik, die, ausgedruckt und aufgehängt, helfen kann, die Aspekte deiner natürlichen Resistenz im wahrsten Sinn des Wortes im Auge zu behalten.

 

Affirmationen

Jeder Aspekt auf der Grafik ist mit einer Affirmation versehen. Affirmationen sind kurze Formeln in Ich-Form („Ich denke positiv“). Sie sind eindringlicher als neutrale Aussagen („Positives Denken ist hilfreich“) oder Gebote („Denken Sie positiv“). Es hilft allerdings nichts, sie nur herunterzuleiern oder etwas zu affirmieren, was einem nicht entspricht, zum Beispiel „Ich bin glücklich“ zu affirmieren, wenn man sich insgeheim eher unglücklich fühlt. Dann ist es ratsam, die Affirmation in eine Annäherung umzuwandeln, die dem eigenen Empfinden entspricht, zum Beispiel: „Ich bin von Tag zu Tag ein Stück/bisschen glücklicher.“

 

 



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Sonntag, 20. Dezember 2020

 

Flieg Robert, flieg!

Dieser im Corona-Jahr 2020 letzte Post besteht aus zwei Hälften: Einem kritischen Kommentar und einer dem Titel zugehörigen Kurzdoku mit bisher unveröffentlichtem Material. Er schließt den Kreis mit der Living Do eigenen Philosophie.




#besonderehelden

Eine Corona-Kampagne der Regierung unter „#besonderehelden“ machte bundesweit von sich reden. Die Diskussionen darüber sind medial bereits abgefrühstückt, geschuldet der schnelllebigen Alltagstaktung, die uns in die Oberflächlichkeit prügelt wie den Sträfling vom Wärter in die Zelle.

Nicht diskutiert wurde über die offen-latente Botschaft der Kampagne. Diese Botschaft hinter dem Plakativen ist es aber, die sich ins Unterbewusstsein drängt — und nachklingt, egal ob abgefrühstückt oder noch auf dem Butterbrot. Das trägt schwer psychologisch und soziologisch. Deswegen ist es Gegenstand dieses Posts.


Die Sache

Das Streitobjekt: Corona-Kampagne
Der Auftraggeber: Die Bundesregierung
Der Auftragnehmer: Medienprofis
Die Zielgruppe: Generation Z
Der Auftrag: „Kommunizieren Sie den jungen Leute da draußen, sie sollen zuhause bleiben, damit das Coronavirus sich nicht weiterverbreitet.“
Der Titel: #besonderehelden
Das Medium: Drei Video-Clips jeweils von circa 1 ½ Minuten Länge

Hier die Links zu den Clips:

1.  Tobi

2. Anton

3. Luise


Gen Z

Die Clips werden zwar von verschiedenen Alterskohorten gesehen, peilen aber eine ganz bestimmte an: Junge Erwachsene um die 20 — Die [Vertreter der] Generation Z, kurz Gen Z.

Unzählige Arbeiten, Studien, Artikel, … sind weltweit über diese Generation Z geschrieben worden. Als Nachfolger der Generation X und der Gen Y ist sie wie auch ihre Vorgänger, ein wesentlicher Faktor in der Bildung und damit in der Wirtschaft. Aus ihr generieren sich neue High Potentials wie auch Opfer des Leistungssystems.

Weder abgezielt auf die Schicht ,gehobene Bildungsbürger‘ noch auf deren Kontrapunkt ,sozial schwache Randgruppen‘, rekrutiert sich das Gros der Gen Z aus dem breiten Feld der Mitte.

Dieses soll mit den drei Clips als seinem Spiegel [!] abgeholt, getroffen, ja sogar motiviert werden.


Zerrspiegel

Drei Vertreter für den repräsentativen Querschnitt der Gen Z? Wir sehen den „faulen Tobi“, [20], einen Basecapfetischisten, der autistisch im PC-Game gefangen, kalte Ravioli aus der Büchse löffelt, weil „zu faul, sie mir warm zu machen“, und ein junges Pärchen, Luise [?] und Anton [22], der auf dem Sofa oder Bett liegend und TV zappend Chips ist, Cola trinkt oder frittiertes KFC-Aas vertilgt. Luise scheint sich noch nach draußen gewagt zu haben, um für sich und ihren salutierenden Freund eine Pizza zu besorgen, aber auch sie kapituliert letztlich, schließt das Fenster und nimmt kommentarlos hin, wie Anton den abgenagten Geflügelknochen hinter sich ins Eck wirft.

Das alles ist nicht cool. Nicht heldenhaft. Es ist: Erbärmlich.


A-soziale Isolation

Diese Darstellung soll die Gesinnung der Generation Z widerspiegeln? Deren Verständnis für a-soziale Isolation — Japans Hikikomori lassen grüßen — als heldenhaftem Gebaren zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Anton Lehmann: „Plötzlich war ich ein Held, ein Idol, ein Musterbürger.“

Neben Kindern unterrichte ich seit drei Jahrzehnten Jugendliche und junge Erwachsene = Vertreter der Generation Y als auch Z. Von den meisten — repräsentativer Querschnitt? — wusste und weiß ich um deren Hobbys, Ansichten, Meinungen, Berufsabsichten, … Eine so assige und unreflektierte Haltung wie in dieser Kampagne kolportiert, würde niemand von diesen an den Tag legen.


Ach, Humor?

„Urteile nicht über Dinge, die du nicht überreißt. Ist alles überspitzt. Alles überzeichnet. Das ist Humoreske und Melodram in eins. Humor, Alter, Humo-hor! Wenn du den nicht raushören kannst, dann gehörst du halt auch zu den armen Schweinen, vor die wir unsere Perlen nicht werfen wollen.“

Die Gegenrede an mich von der Agentur, die für das streitbare Machwerk verantwortlich zeichnet. Rein fiktiv, versteht sich. So fiktiv wie auch die geskripteten Worte der Protagonisten, die mit so viel Pathos vorgetragen werden, dass ich armes Schwein echt keinen Humor heraushören kann.


Einfach nix tun

Nein, eben nicht! Das ist die Crux dieser unsäglich schlechten Kampagne. Sie ist ein Schlag ins Gesicht derer — und diese sind zahlreich —, die wesentlich sensibler und kritischer sind als die drei Propagandisten dieser Scheinattitüde. Bewusstes nichts Tun zum Abschalten und Entspannen, das nicht nur überlasteten Workaholics als Therapie verordnet wird, wird hier nicht kommuniziert und nicht transportiert. Stattdessen wird Konsumieren suggeriert: Gaming (wo hat denn der faule Tobi das Geld für sein Equipment her …?) TV glotzen und Fastfood vertilgen.

Diese drei jungen Erwachsenen — der repräsentative Querschnitt der Gen Z … — werden als „besondere Helden“ betitelt, nicht obwohl, sondern gerade, weil sie der Lethargie zum Opfer fallen. Ein Makel wird zum heroischen Ideal umgedeutet: Ein scheinbarer Geniestreich abgehobener Werbeleute, die, der wahren Gen Z längst entwachsen und von ihr distanziert, nichts mit ihr gemein haben.     


Mentales und physisches Kontrastprogramm

Mit gleichem Aufwand hätte man drei Clips produzieren können, die das Gegenteil darstellen: Junge Erwachsene, die ihr erzwungenes zu Hause sein mit Sinn und Inhalt füllen — ich erspare es mir, hier die unzähligen Möglichkeiten dazu aufzulisten — und vielleicht mehr denn je nach draußen an die vielbesagte frische Luft gehen. Das hätte weit mehr der Realität entsprochen. Und entspräche es auch jetzt. Das belegen zahlreiche Jugendstudien. Drei davon habe ich hier verlinkt.


3 Studien zur Generation Z

https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/jugendstudie-2020-was-interessiert-und-bewegt-jugendliche-in-baden-wuerttemberg/

https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Service/2020+07+02+Jugendstudie+2020

https://www.tagesspiegel.de/wissen/sinus-jugendstudie-2020-generation-problembewusstsein/26030386.html

 

#besondererheld vs. Living Dojin

Der Begriff „Held“, ist inzwischen durch seinen inflationären Werbegebrauch zur Worthülse verkommen. Von uns — der Living Do-Community — wird er gar nicht verwendet.

„Living Do“ lässt zwei Übersetzungen zu und bedeutet auch beides: „Den Weg leben“ und „lebendiger Weg“. Living Dojin heißt der zweiten gemäß, wörtlich: „Lebendiger Wegmensch“ und steht für den — spirituellen — Wanderer.

Dass die Spiritualität eines jeden Living Dojin höchst unterschiedlich ist, versteht sich von selbst. Wichtig: Sie ist vorhanden! Und das — der Dreh- und Angelpunkt — unterscheidet ihn von den Charakteren der Clips.

Wie mögen keine Helden sein, #besonderehelden schon gar nicht. Wanderer jedoch sind wir alle. Vom ersten Tag an bis zum letzten. Unsere Wanderung ist der Alltag. Das Leben ist der Weg.

Wo uns unsere Wanderung — wie der Wind den Fliegenden Robert — letztlich hinbringen wird, wissen wir nicht. Wobei wir am zweiten Teil des Posts angelangt sind …



Der fliegende Robert

Der fliegende Robert ist eine Figur aus dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann, den er 1844 publizierte. Seit jeher gehört er zu meinen literarischen Lieblingsfiguren. Und er ist auch fester Bestandteil meiner Seminare.

Hier noch einmal seine Geschichte:




Skizzen einer Reise

In den Seminaren stelle ich nach der Lektüre die entscheidende Frage:
„Was glaubt Ihr, wohin hat der Wind den fliegenden Robert getragen?“

Hast Du Dir diese Frage jemals gestellt?

Die Antwort folgt jetzt. Erstmalig und exklusiv hier und heute in diesem Blog, in diesem Post. In einem dokumentarischen Abriss, entnommen und skizziert aus Roberts Niederschriften, die mir das Schicksal in die Hände spielte.

 





Die Regenschirmschule Lummerland

Nach einer turbulenten Reise unter, zwischen und manchmal auch über den Wolken, verschlägt es Robert auf eine Insel namens Lummerland. Dort will er eine besondere Schule für besondere Menschen eröffnen: Menschen, die wie er davonfliegen wollen, um neue Dinge zu sehen. Neue Dinge zu erfahren. Und neue Dinge zu machen. Er wird ihnen zeigen, wie man den richtigen Regenschirm dafür entwickelt, herstellt und damit fliegt.

Die idealen Räumlichkeiten in einer verlassenen Werkstatt gefunden, macht er sich voller Eifer an die Arbeit: Er fegt, räumt und putzt … Vom Schildermalermeister Mandulinus Mandelkern lässt er sich ein Werbeschild anfertigen, das er über dem Eingang anschraubt.




Frau Waas, die nur zwei Straßen und drei Maulwurfshügel weit entfernt, einen kleinen Laden umtreibt, in dem man alles bekommt, was man so braucht, besorgt ihm gegen Hilfsdienste Taffent und Leinwand, Zwirn und Nadeln für die Bespannung der Schirme. Für deren Griffe gibt sie ihm Geweihhorn der Rentiere, die ihr Santa Claus einmal bei einem seiner jährlichen Weihnachtsbesuche dagelassen hat. Peddigrohr und Fischbein für Gestell, Bügel und Sprossen beschafft er sich selbst aus den gewundenen Buchten an der Ostküste der Insel.

Auf einem blütenweißen Blatt Papier tippt er auf dem von Frau Waas erfundenen „Typographischen Schreibklavier mit Treppentastatur“, das erst viele Jahre später zur Schreibmaschine weiterentwickelt wurde, einen ermutigenden Appell für seine zukünftigen Schüler.

Auf ihm tippt er auch seine Erlebnisse, während er auf erste Schüler hofft. 

Diese wollen sich wider Erwarten und zu seinem wachsenden Gram nicht einstellen. Von Lukas und Jim, zwei Inselbewohnern, ernüchtert, sieht er ein, dass es für ihn auf Lummerland keine Zukunft gibt. Frau Waas‘ Angebot, ihren Laden zu übernehmen, schlägt er dankend aus: „Eine Krämerseele bin ich nicht.“

An einem günstigen Tag, an dem der Regen niederbraust und der Sturm das Feld durchsaust, lässt sich Robert frohgemut erneut vom Wind davontragen. Dieses Mal mit sturmfestsitzender Schiebermütze, Niederschriften und Appell sicher in der Jackentasche.

Über mehrere Stationen, wie der Insel Taka-Tuka-Land, auf der er mit Kapitän Efraims Vater gegen Piraten kämpft, Captagonien, Mamua Alt Guinea und den BHmas, auf denen er sich Wonderbratkartoffeln, Pumpselmusen und Tangarinen schmecken lässt, überfliegt er die Straße von Anián entlang der Langerhans‘schen Inseln bis nach Sussex, um sich mit dem zauberhaften Kindermädchen und schwebenden Schirmkollegin Mary auszutauschen. Leider muss er dort erfahren, dass diese nicht real existiert, sondern eine Erfindung der Schriftstellerin P.L. Travers ist, womöglich inspiriert durch seinen Schöpfer.

Letztlich wird er auf der großen und weiten Mentalinsel Budosa sesshaft und findet dort nach einer Durststrecke seine ersten Schirmschüler. Lange Jahre parallel mit den zwei Musen Karatina und Jujutsulia liiert, löst er sich von der resoluten ersten und entscheidet sich für die sanfte, der er bis heute die Treue hält.

In seiner Schirmschule hängt das Blatt mit dem Appell an seine Schüler, das ihn auf all seinen Reisen begleitet hat. Über die Jahre ist ihm das Weiß abhandengekommen, der Appell aber hat nichts an seiner Strahlkraft verloren. Unverändert steht dort geschrieben:

 

Lieber Schüler der Regenschirmschule Lummerland!

Du willst fliegen lernen. Das ist schön. Doch ohne den richtigen Schirm funktioniert es nicht. Der richtige Schirm ist für jeden anders und kann nur von einem selbst hergestellt werden.

Dazu brauchst Du Kenntnisse und Fertigkeiten.

Wenn Du Dir den Schirm nach Jahren eifrigen Werkens hergestellt hast, bist Du ein gutes Stück weit gekommen. Doch zum Fliegen brauchst Du mehr:

Du brauchst Mut. Du brauchst Hoffnung. Du brauchst Hingabe.

Mut bei stürmischem Wetter hinauszugehen. Hoffnung, dort und dann von der richtigen Bö erfasst zu werden. Und letztlich die Hingabe, sich vom Wind forttragen zu lassen.

Wenn Du das in Dir hast, steht Dir nichts im Wege, auch ein fliegender Robert zu werden.

Darum rufe ich dir zu:

Flieg Robert, flieg!




Wir sollten nicht müde werden, an unserem ganz persönlichen Schirm zu arbeiten. Denn die Winds of Corona werden auch im neuen Jahr weiterwehen.

 

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© Bilder: Axel Schultz-Gora [gmax], außer Nr. 1, Florida Entertainment GmbH, Nr. 5, Warner Bros.

Samstag, 28. November 2020

 

WARUM FINDET BUDO BARFUß STATT?

Und was hat das mit Punkrock und Corona zu tun? 




Budo, Punkrock, Corona ..„Wie geht das zusammen?“, fragst du dich, antwortest: „Gar nicht“, und bist dann umso mehr verblüfft, wenn du Einblick gewinnst in historische Zusammenhänge, von denen du bislang keinen blassen Schimmer hattest.

Licht ins Dunkel bringt dieser Abriss aus den gut versteckten Archiven des Living Honbu Dojo in Augsburg, Rubrik: What the masters know [but the students don't necessarily need to know]; gesonderte Textmaterialien mit persiflierendem Inhalt.     


1977  The Sex Pistols

Beim Londoner Musiklabel Virgin Records erscheint ein Album der Punkband „Sex Pistols“. Es trägt den Titel: „Never mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“.




Der Titel  des Albums Never mind the Bollocks wie auch der Name der Band Sex Pistols schlagen hohe Wellen. Sehr zur Freude ihres Managers Malcolm McLaren, der sich bei beiden Namensgebungen als deren genuiner Schöpfer ausgibt. Das vom Künstler Jamie Reid geschaffene Cover trägt ein Weiteres zur späteren Kultgeschichte des Werks bei.

McLarens Freude währt nur kurz. Ihm wird Plagiat in zweifacher Hinsicht vorgeworfen: Sowohl den Titel eines 1960 erschienenen Albums des zeitreisenden Schauspielers Rod Taylor habe er abgekupfert als auch dessen Bandnamen. Die Rechtfertigung McLarens es handele sich lediglich um ein epigonales Vorgehen, wird nicht akzeptiert.   

Reids Coverdesign hingegen bleibt unangetastet. Die Abweichungen von Taylors grafischer Komposition sind offenkundig.

McLarens Freude kehrt zurück und vergrößert sich sogar: Rod Taylor selbst ist es, der ihn rehabilitiert. Er sagt aus, bei einer Zeitreise im Advent 1977 hängengeblieben zu sein, wo er das Album im Schaufenster eines Plattenladen sieht. Taylor: "Ich kaufte die Platte nur wegen Weena. Der lila Streifen auf der Plattenhülle hatte die gleiche Farbe wie ihr sexy Kleid. Ich witterte meine Chance, damit bei ihr landen zu können."    





1960  The Time Pistols  

Taylor, der bereits 1896 bei den Pathé Frères in Paris wegen Tonträgeraufnahmen vorspricht, reist ins Jahr 1958, wo er sich mit dem Skriptwriter David Duncan trifft. Gemeinsam verfassen sie ein Drehbuch über Taylors Abenteuer.   

Das Drehbuch wird von den MGM-Studios gekauft, die  unverzüglich mit den Dreh-arbeiten beginnen. Taylor wird als Hauptdarsteller verpflichtet.  

1960 kommt der Film „Die Zeitmaschine“ in die Kinos. Den Soundtrack zum Film liefert Taylor. Dazu bringt er Musik aus dem Jahr 802.701 mit, wo er sich mit ein paar befreundeten Eloi zusammentut, um Protestsongs gegen das dortige Establishment der Morlocks zu propagieren. Er gründet die Band „The Time Pistols“ mit Weena als Frontfrau.  

Das Album trägt den Titel: „Never mind the Morlocks, Here’s the Time Pistols“.

 






2020  The Living Dojin

Auf die Frage seines Schülers, warum er Budo immer barfüßig betreibe und nie die selbstgestrickten Strümpfe seiner Schwester trage, wo er doch unter kalten Füßen leide, antwortet der Meister: „Never find the Wollsocks, Here’s the Living Dojin“.

 


Des Meisters Antwort - wie überhaupt dieser Post - legen zwei Schlussfolgerungen nahe: 

Punkrock und Budo haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun; auch wenn man die Sex Pistols nicht kennt.

Budo gepaart mit Humor kann durchaus etwas gewinnen: Das Hervorbringen bis womöglich Kultivieren eines optimistischen Geists — gerade in Umbruchszeiten wie sie uns durch Corona aufgebürdet werden.