Montag, 1. März 2021

POESIE IM GI

Wir schreiben den 1. März im Jahr 02 n. Chr. n. Cor. Täglich neu einfallende und uns okkupierende Prognosen, Statements, Expertisen, Neuigkeiten, Meinungen, Schlagzeilen, etc. sind die mentalen Superspreader der flächendeckenden Verwirrung, deren vielreichende negative Wirkung nicht selten in Frustration mündet.

Ins gleiche Horn will und werde ich mit diesem Blog nach wie vor nicht stoßen. Meine Posts zielen auf das Gegenteil ab: Sie sollen positive Impulse bieten. Zum Nachdenken anregen. Inspirieren. Animieren. 


Animieren

Es gilt im Strudel der Ereignisse sich persönliche Inseln zu suchen und dann und dort den Fokus zu richten auf Dinge, die uns erfreuen, bestenfalls erfüllen. Im Januar Post „Resistenz“ und mehr noch im Februar-Post „Heart of Gold“ habe ich unter „Das Werk des hellen Maschinenherzens“ Beispiele dazu aufgezählt. Diese Beispiele sind heilsame Handlungen. Sie alle helfen uns, weiterhin stark zu bleiben, bestenfalls durch sie ein Stückweit stärker zu werden  gerade in den Zeiten des Umbruchs —, um dadurch mehr Energie zu haben für die negativen Auswirkungen der Krise. 








Muhkuh statt Haiku

Den Spirit des Living Do in den Alltag zu bringen, spannt den roten Faden dieses Blogs. Es läge nahe, dass ich zum Titel des Märzblogs "Poesie im Gi" etwas über die japanische Gedichtform des Haiku schriebe — das würde einem Budomeister doch gut zu Gesicht stehen ... Nein, die Eitelkeit habe ich mal außen vor gelassen. Losgelöst von der Theorie, gibt es hier und heute keine Abhandlung darüber. Stattdessen eine Einladung zum Verse Schmieden, sprich: Reimen.


Reimen und Living Do

Man muss kein großer Lyriker sein, um Verse zu schmieden. Jeder kann reimen.    

Reimen ist eine Form des Wiegens im [Corona-]Wind, eine Möglichkeit, wie wir der Krise nichts entgegnen, sondern wie wir ihr begegnen. Es ist ein Bestandteil des Kämpfens, ohne zu kämpfen.*

So habe auch ich mich einmal hingesetzt, um mich von der Muse küssen zu lassen. 

Letztlich sind unter vielen Reimen und Wortspielen zwei Winzgedichte entstanden, mit denen ich den Märzpost schließen möchte.

  

Poesie im Gi — 2 x Rühriglyrik (für V., die „kleine Pilze“ im Park Ball spielen sieht)

I - Reimecke Fluchs 

In einem Eck da sitzt er Reineke der Fuchs so spät

und leckt sich seinen Wanst so keck

der sich flugs hat aufgebläht

als er beim Reimen hat gefressen Wort und Wörter

ganz versessen auf die Küchenpoesie

hart und härter reimt er nie

mals mehr so spät so flugs

Reineke der Fuchs.

 

II - Sei Wind und Weide

Sei Wind und Weide

sagt der Meister Axel heißt er

und bescheide dich in Worten

dass sie nähren allerorten

muntre Geister die sich mühen

geistvoll weise manchmal kühn

manchmal reimend ungestüm

der Weide gleich vom Wind umworben     

spielend federn ohne Sorgen

dem Tages Wirken unverborgen sich hinzugeben

um zu leben als wäre es der letzte Tag

und wenn sich traut ein neuer mag

erscheinen nach der Nächte Stunden

So hat der Wind die Weid gefunden

und beide bleiben unverzagt

ein Leben lang verbunden.

 

*Mehr über die beiden Living Do-Maximen „Sei Wind und Weide“ und „Kämpfe, ohne zu kämpfen“ gibt es im nächsten Post.


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Montag, 1. Februar 2021

2015/2021 ... [2027?] - HEARTs OF GOLD

Heute vor sechs Jahren schrieben wir den 1. Februar 2015. 

Das ist ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahre her. Wer hat noch im Gedächtnis, was in diesem Jahr geschah? Als ich mich das im Zuge dieses Posts fragte, konnte ich mich außer an ein einschneidendes familiäres Ereignis und eine sehr sinnliche Begegnung an nichts erinnern beziehungsweise konnte ich keine spezifischen Ereignisse explizit diesem Jahr zuordnen. Erst als ich im Netz nachschaute, fiel vereinzelt der Groschen.

In den letzten sechs Jahren ist viel passiert. Bei jedem von uns. Gutes und Schlechtes — die Wertung ist stets subjektiv und individuell. Was in den nächsten eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Jahren und speziell in 2027 passiert, weiß niemand. Deswegen impliziert der Titel dieses Posts neben den zwei gegensätzlichen Attributen endlich und zeitlos auch das Attribut ungewiss.  

In diesem Post soll es weder um einen chronischen Abriss der Ereignisse der letzten sechs Jahre gehen (endlich) noch um utopische oder gar dystopische Zukunftsprognosen (ungewiss). Das weiterhin alles überstrahlende Thema Corona habe ich nur in einem einzigen Satz erwähnt — im Ursprungstext kommt sogar auch einmal "Viren" vor, aber in einem gänzlich anderen Zusammenhang.    




Dieser Post möchte sich einem bestimmten Phänomen der "Zeitlosigkeit" widmen: Die menschlichen Regungen: die Gedanken, Gefühle und ihren daraus entstehenden Handlungen, die "ewig" gelten und somit als "zeitlos" bezeichnet werden. 

Um diese im Grunde weltbewegenden Regungen — vor allem deren Schöpfer und Träger —, soll es in diesem Post gehen. Ihn habe ich bereits im Februar 2015 verfasst und in den Living Do-Blog gestellt, deswegen der mit den Jahreszahlen modifizierte Titel. 

Der Song Heart of Gold wie der damalige Post haben nichts an Aktualität verloren. Womöglich haben sie sogar durch die Einflüsse der Corona-Pandemie an Tragweite gewonnen. Das mag ihr Attribut der Zeitlosigkeit stärken.

Die Longreader unter Euch mögen sich womöglich an den Post von damals erinnern. Die anderen, die noch nicht so lange der Living Do(jin)-Community angehören, kennen ihn gar nicht. Anyway, die Lektüre lohnt der Erbauung. So habe ich den Post redigiert und ihn als Februar-Post 2021 eingestellt.  

Der alte Post steht dashboard-bedingt auf einer anderen Blog-Seite; deswegen hier der Link: 

HEART OF GOLD




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Freitag, 1. Januar 2021

RESISTENZ

Die Zeichen der Zeit sind deutlich. Werte, Eigenschaften und Fähigkeiten, die bislang nur für bestimmte Minderheiten wichtig waren, gewinnen — Corona geschuldet — jetzt auch für die Allgemeinheit an Wichtigkeit. Eine davon ist eine gute Resistenz.

Deswegen dreht sich der heutige Post darum, was du selbst aktiv für dein eigenes natürliches Abwehrsystem — deine Resistenz — tun kannst.

 

 



 

Reduktion

Vorab Grundsätzliches zu den Living Do-Posts. Einer der Aspekte des Living Do ist Reduktion. Reduktion hat im Living Do unterschiedliche Bedeutung. Neben einem reduzierten Lebensstil, dem bewussten Hinwenden zum „Weniger ist Mehr“, meint es auch das Fokussieren auf „das Wesentliche“, so subjektiv und persönlich dieses Wesentliche auch immer sein mag. Deswegen ist unser Symbol für diesen Aspekt ein Scheinwerferkegel in der Dunkelheit. Alles außerhalb des Lichtkegels ist schwarz. Es zählt nur das, was innerhalb des Kegels sichtbar wird. 

Reduktion heißt auch Simplifizierung und steht damit — sexy unwissenschaftlich — dem analytischen Forscherdrang, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, entgegen. Das bewusste Reduzieren = eine Methode, um „dem — seinem — Wesentlichen“ näher zu kommen und der Komplexität der Welt besser zu begegnen. 

Für die Inhalte dieses Posts — wie für alle Posts dieses Blogs überhaupt — heißt das, dass jedes Thema, dem Reduktionsprinzip geschuldet, zwangsläufig immer unvollständig, ,nur‘ als Impuls gedacht ist, zum Abgleich mit seinem eigenen Lebensentwurf.

 

 



 

Jeder ist sein eigener Maßstab

Für mich ist es gut und ausreichend, täglich meine Atemübungen am offenen Fenster zu machen und bei Wind und Wetter spazieren zu gehen. Der Extrem-Athlet Wim Hof, als „Iceman“ weltbekannt, dagegen spannt hier eine wesentlich höhere Richtschnur. Sein Abhärtungs-Programm ist radikal und deswegen für die Mehrheit weniger bis gar nicht tauglich.  

Jeder ist sein eigener Gradmesser. Jeder entscheidet selbst, inwieweit er sich in (s)ein Thema hineinvertiefen kann und will. Das betrifft jeden der hier aufgeführten Aspekte.

 

Adaption

Unser Immunsystem ist wie alle Systeme des menschlichen Körpers ein adaptives System. Das heißt, es passt sich an. Anpassungsvorgänge sind keine Einbahnstraße; es geht in zwei Richtungen: So wie ich mein Muskel-, mein Herz-Kreislauf- und mein Immunsystem durch inaktive Lebensweise (Couchpotato/#besonderehelden) verkümmern lassen kann, oder diese Systeme durch kontinuierliches Übertraining (Leistungssport) schädigen, kann ich sie durch gezielte und ausgewogene Maßnahmen stärken. Das hierbei natürliche Grenzen gelten, ist selbstredend — wir alle sind nicht als unbeschriebenes Blatt geboren worden, jedem von uns wurde etwas von seinen Vorfahren an Schwächen und Stärken mitgegeben.


Den Weg der Goldenen Mitte

In diesem Post reiße ich die gängigsten Aspekte an, die unser Immunsystem beeinflussen und auf die wir wiederum Einfluss nehmen können. Das Gute daran ist, dass diese Aspekte nichts Spektakuläres enthalten, nichts Übermenschliches einfordern. Es geht nicht um extremistische Selbstoptimierung. Die Living Do-Philosophie zielt ab auf einen Weg der Goldenen Mitte, wie wir sie sowohl in der antiken Philosophie als auch in den Religionen finden, auf den Einklang mit sich und der Welt. Diesen Weg zu gehen, ist schon für sich so fordernd, dass er keiner Extreme bedarf.        


Aspekte für eine starke Resistenz 

Mindset

Das positive Mindset ist die Basis. Ohne ein wirkliches Bewusstsein dafür, dass der eigene gesunde Lebensstil maßgeblich ist für eine starke Resistenz, geht es nicht. Dabei ist zu berücksichtigen:

A: Erziehung und Umwelt. Wir alle sind durch soziale Gefüge geprägt, in ihnen großgeworden und leben in ihnen. Das erschwert mitunter die Anstrengungen, unser Leben zu ändern. Es ist aber ebenso möglich, seine Umwelt zum neuen und besseren Lebenswandel mitzuziehen.   

B: Die ererbten Anlagen spielen eine Rolle. Jedem sind persönliche Grenzen gesetzt. Jedoch hat die Epigenetik hervorgebracht, dass pro-aktive Veränderungen die eigene Genetik positiv verändern können.

 

Ernährung

Auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, bedeutet sich abwechslungsreich und nach Möglichkeit saisonal und regional zu ernähren und seinen Bedarf an Nährstoffen, wie Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett sowie Vitaminen und Mineralstoffen zu decken. Die Vitamine C, E, A, D zum Beispiel sind für eine optimale Funktion des Immunsystems unerlässlich. Wichtig hierbei — wie immer und überhaupt bei allen Aspekten — das gesunde Maß, was im Wort "ausgewogen" zum Ausdruck kommt.

 

Licht und Luft

Alle unsere Systeme fahren bei Inaktivität in überheizten Räumen runter. Stündliches Stoßlüften wird nicht erst seit Corona empfohlen. Wichtiger aber ist regelmäßige Bewegung — ein einfacher Spaziergang wirkt Wunder für Leib und Seele — draußen bei frischer Luft. Das ist eines der besten Mittel, um physisch wie psychisch aufzutanken. Mit entsprechender Kleidung lässt sich bei jedem Wetter vor die Türe gehen.  

 

Gute Konstitution

Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen, die einen gesunden und aktiven Lebensstil führen, auch über eine entsprechend gute Konstitution verfügen. Sie ist quasi die körperliche Konsequenz. Mit einer guten Konstitution ist, dem goldene Mittelweg gemäß, nicht der Modell-Athlet gemeint, sondern ein gesundes Maß zwischen Gewicht, Beweglichkeit und Ausdauer.    

 

Ruhe

Viele Menschen gönnen sich keine Pausen. Sie tun das Gegenteil: Sie stopfen ihren Alltag von morgens bis abends mit Geschäftigkeit voll. Selbst die Sonntage sind mit Geschäftigkeit ausgefüllt — dass diese Handlungsweise auch erfüllt, ist oft nicht gegeben. Wenn man aus der Geschäftigkeitsspirale nicht mehr hinauskommt, ist es zum Stress nicht mehr weit hin. Punktuell ist Stress als Antreiber wichtig, als Dauererscheinung jedoch, entpuppt er sich als Resistenzkiller.  

 

Schlaf

Regelmäßiger und ausreichender Schlaf bei guter Atmosphäre, das meint weder zu warm noch zu kalt und möglichst ohne Störfaktoren, ist elementar. Über die Schlafdauer ist viel diskutiert worden, letztlich hat es sich bei sieben bis acht Stunden eingepegelt. Neben der Dauer ist die Qualität des Schlafes entscheidend.

 

Soziales Leben

Die Art und Weise wie sich Familienleben und das soziale Umfeld gestaltet, hat ebenfalls Einwirkungen auf das Immunsystem. Krisensituationen wie sie Corona hervorgerufen hat, haben das bewiesen. Gerade jetzt ist es ratsam, die Spreu vom Weizen — gute von schlechten Freunden — zu trennen und auch in der Familie die Schwach- wie die Stärkenstellen anzugehen.  

 

Humor

Kinder lachen weit mehr als Erwachsene. Während ein Kind täglich lacht, gibt es Erwachsene, denen der sogenannte Ernst des Lebens das Lachen komplett aus ihrem Alltag verbannt hat. Beim Humor verhält es sich wie bei der Dankbarkeit: Je dankbarer ich bin, umso mehr finde ich, worüber ich dankbar sein kann; auch oder gerade in Krisenzeiten.  

 

Vor Augen führen — im Auge behalten

Der Post schließt mit einer Grafik, die, ausgedruckt und aufgehängt, helfen kann, die Aspekte deiner natürlichen Resistenz im wahrsten Sinn des Wortes im Auge zu behalten.

 

Affirmationen

Jeder Aspekt auf der Grafik ist mit einer Affirmation versehen. Affirmationen sind kurze Formeln in Ich-Form („Ich denke positiv“). Sie sind eindringlicher als neutrale Aussagen („Positives Denken ist hilfreich“) oder Gebote („Denken Sie positiv“). Es hilft allerdings nichts, sie nur herunterzuleiern oder etwas zu affirmieren, was einem nicht entspricht, zum Beispiel „Ich bin glücklich“ zu affirmieren, wenn man sich insgeheim eher unglücklich fühlt. Dann ist es ratsam, die Affirmation in eine Annäherung umzuwandeln, die dem eigenen Empfinden entspricht, zum Beispiel: „Ich bin von Tag zu Tag ein Stück/bisschen glücklicher.“

 

 



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Sonntag, 20. Dezember 2020

 

Flieg Robert, flieg!

Dieser im Corona-Jahr 2020 letzte Post besteht aus zwei Hälften: Einem kritischen Kommentar und einer dem Titel zugehörigen Kurzdoku mit bisher unveröffentlichtem Material. Er schließt den Kreis mit der Living Do eigenen Philosophie.




#besonderehelden

Eine Corona-Kampagne der Regierung unter „#besonderehelden“ machte bundesweit von sich reden. Die Diskussionen darüber sind medial bereits abgefrühstückt, geschuldet der schnelllebigen Alltagstaktung, die uns in die Oberflächlichkeit prügelt wie den Sträfling vom Wärter in die Zelle.

Nicht diskutiert wurde über die offen-latente Botschaft der Kampagne. Diese Botschaft hinter dem Plakativen ist es aber, die sich ins Unterbewusstsein drängt — und nachklingt, egal ob abgefrühstückt oder noch auf dem Butterbrot. Das trägt schwer psychologisch und soziologisch. Deswegen ist es Gegenstand dieses Posts.


Die Sache

Das Streitobjekt: Corona-Kampagne
Der Auftraggeber: Die Bundesregierung
Der Auftragnehmer: Medienprofis
Die Zielgruppe: Generation Z
Der Auftrag: „Kommunizieren Sie den jungen Leute da draußen, sie sollen zuhause bleiben, damit das Coronavirus sich nicht weiterverbreitet.“
Der Titel: #besonderehelden
Das Medium: Drei Video-Clips jeweils von circa 1 ½ Minuten Länge

Hier die Links zu den Clips:

1.  Tobi

2. Anton

3. Luise


Gen Z

Die Clips werden zwar von verschiedenen Alterskohorten gesehen, peilen aber eine ganz bestimmte an: Junge Erwachsene um die 20 — Die [Vertreter der] Generation Z, kurz Gen Z.

Unzählige Arbeiten, Studien, Artikel, … sind weltweit über diese Generation Z geschrieben worden. Als Nachfolger der Generation X und der Gen Y ist sie wie auch ihre Vorgänger, ein wesentlicher Faktor in der Bildung und damit in der Wirtschaft. Aus ihr generieren sich neue High Potentials wie auch Opfer des Leistungssystems.

Weder abgezielt auf die Schicht ,gehobene Bildungsbürger‘ noch auf deren Kontrapunkt ,sozial schwache Randgruppen‘, rekrutiert sich das Gros der Gen Z aus dem breiten Feld der Mitte.

Dieses soll mit den drei Clips als seinem Spiegel [!] abgeholt, getroffen, ja sogar motiviert werden.


Zerrspiegel

Drei Vertreter für den repräsentativen Querschnitt der Gen Z? Wir sehen den „faulen Tobi“, [20], einen Basecapfetischisten, der autistisch im PC-Game gefangen, kalte Ravioli aus der Büchse löffelt, weil „zu faul, sie mir warm zu machen“, und ein junges Pärchen, Luise [?] und Anton [22], der auf dem Sofa oder Bett liegend und TV zappend Chips ist, Cola trinkt oder frittiertes KFC-Aas vertilgt. Luise scheint sich noch nach draußen gewagt zu haben, um für sich und ihren salutierenden Freund eine Pizza zu besorgen, aber auch sie kapituliert letztlich, schließt das Fenster und nimmt kommentarlos hin, wie Anton den abgenagten Geflügelknochen hinter sich ins Eck wirft.

Das alles ist nicht cool. Nicht heldenhaft. Es ist: Erbärmlich.


A-soziale Isolation

Diese Darstellung soll die Gesinnung der Generation Z widerspiegeln? Deren Verständnis für a-soziale Isolation — Japans Hikikomori lassen grüßen — als heldenhaftem Gebaren zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Anton Lehmann: „Plötzlich war ich ein Held, ein Idol, ein Musterbürger.“

Neben Kindern unterrichte ich seit drei Jahrzehnten Jugendliche und junge Erwachsene = Vertreter der Generation Y als auch Z. Von den meisten — repräsentativer Querschnitt? — wusste und weiß ich um deren Hobbys, Ansichten, Meinungen, Berufsabsichten, … Eine so assige und unreflektierte Haltung wie in dieser Kampagne kolportiert, würde niemand von diesen an den Tag legen.


Ach, Humor?

„Urteile nicht über Dinge, die du nicht überreißt. Ist alles überspitzt. Alles überzeichnet. Das ist Humoreske und Melodram in eins. Humor, Alter, Humo-hor! Wenn du den nicht raushören kannst, dann gehörst du halt auch zu den armen Schweinen, vor die wir unsere Perlen nicht werfen wollen.“

Die Gegenrede an mich von der Agentur, die für das streitbare Machwerk verantwortlich zeichnet. Rein fiktiv, versteht sich. So fiktiv wie auch die geskripteten Worte der Protagonisten, die mit so viel Pathos vorgetragen werden, dass ich armes Schwein echt keinen Humor heraushören kann.


Einfach nix tun

Nein, eben nicht! Das ist die Crux dieser unsäglich schlechten Kampagne. Sie ist ein Schlag ins Gesicht derer — und diese sind zahlreich —, die wesentlich sensibler und kritischer sind als die drei Propagandisten dieser Scheinattitüde. Bewusstes nichts Tun zum Abschalten und Entspannen, das nicht nur überlasteten Workaholics als Therapie verordnet wird, wird hier nicht kommuniziert und nicht transportiert. Stattdessen wird Konsumieren suggeriert: Gaming (wo hat denn der faule Tobi das Geld für sein Equipment her …?) TV glotzen und Fastfood vertilgen.

Diese drei jungen Erwachsenen — der repräsentative Querschnitt der Gen Z … — werden als „besondere Helden“ betitelt, nicht obwohl, sondern gerade, weil sie der Lethargie zum Opfer fallen. Ein Makel wird zum heroischen Ideal umgedeutet: Ein scheinbarer Geniestreich abgehobener Werbeleute, die, der wahren Gen Z längst entwachsen und von ihr distanziert, nichts mit ihr gemein haben.     


Mentales und physisches Kontrastprogramm

Mit gleichem Aufwand hätte man drei Clips produzieren können, die das Gegenteil darstellen: Junge Erwachsene, die ihr erzwungenes zu Hause sein mit Sinn und Inhalt füllen — ich erspare es mir, hier die unzähligen Möglichkeiten dazu aufzulisten — und vielleicht mehr denn je nach draußen an die vielbesagte frische Luft gehen. Das hätte weit mehr der Realität entsprochen. Und entspräche es auch jetzt. Das belegen zahlreiche Jugendstudien. Drei davon habe ich hier verlinkt.


3 Studien zur Generation Z

https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/jugendstudie-2020-was-interessiert-und-bewegt-jugendliche-in-baden-wuerttemberg/

https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Service/2020+07+02+Jugendstudie+2020

https://www.tagesspiegel.de/wissen/sinus-jugendstudie-2020-generation-problembewusstsein/26030386.html

 

#besondererheld vs. Living Dojin

Der Begriff „Held“, ist inzwischen durch seinen inflationären Werbegebrauch zur Worthülse verkommen. Von uns — der Living Do-Community — wird er gar nicht verwendet.

„Living Do“ lässt zwei Übersetzungen zu und bedeutet auch beides: „Den Weg leben“ und „lebendiger Weg“. Living Dojin heißt der zweiten gemäß, wörtlich: „Lebendiger Wegmensch“ und steht für den — spirituellen — Wanderer.

Dass die Spiritualität eines jeden Living Dojin höchst unterschiedlich ist, versteht sich von selbst. Wichtig: Sie ist vorhanden! Und das — der Dreh- und Angelpunkt — unterscheidet ihn von den Charakteren der Clips.

Wie mögen keine Helden sein, #besonderehelden schon gar nicht. Wanderer jedoch sind wir alle. Vom ersten Tag an bis zum letzten. Unsere Wanderung ist der Alltag. Das Leben ist der Weg.

Wo uns unsere Wanderung — wie der Wind den Fliegenden Robert — letztlich hinbringen wird, wissen wir nicht. Wobei wir am zweiten Teil des Posts angelangt sind …



Der fliegende Robert

Der fliegende Robert ist eine Figur aus dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann, den er 1844 publizierte. Seit jeher gehört er zu meinen literarischen Lieblingsfiguren. Und er ist auch fester Bestandteil meiner Seminare.

Hier noch einmal seine Geschichte:




Skizzen einer Reise

In den Seminaren stelle ich nach der Lektüre die entscheidende Frage:
„Was glaubt Ihr, wohin hat der Wind den fliegenden Robert getragen?“

Hast Du Dir diese Frage jemals gestellt?

Die Antwort folgt jetzt. Erstmalig und exklusiv hier und heute in diesem Blog, in diesem Post. In einem dokumentarischen Abriss, entnommen und skizziert aus Roberts Niederschriften, die mir das Schicksal in die Hände spielte.

 





Die Regenschirmschule Lummerland

Nach einer turbulenten Reise unter, zwischen und manchmal auch über den Wolken, verschlägt es Robert auf eine Insel namens Lummerland. Dort will er eine besondere Schule für besondere Menschen eröffnen: Menschen, die wie er davonfliegen wollen, um neue Dinge zu sehen. Neue Dinge zu erfahren. Und neue Dinge zu machen. Er wird ihnen zeigen, wie man den richtigen Regenschirm dafür entwickelt, herstellt und damit fliegt.

Die idealen Räumlichkeiten in einer verlassenen Werkstatt gefunden, macht er sich voller Eifer an die Arbeit: Er fegt, räumt und putzt … Vom Schildermalermeister Mandulinus Mandelkern lässt er sich ein Werbeschild anfertigen, das er über dem Eingang anschraubt.




Frau Waas, die nur zwei Straßen und drei Maulwurfshügel weit entfernt, einen kleinen Laden umtreibt, in dem man alles bekommt, was man so braucht, besorgt ihm gegen Hilfsdienste Taffent und Leinwand, Zwirn und Nadeln für die Bespannung der Schirme. Für deren Griffe gibt sie ihm Geweihhorn der Rentiere, die ihr Santa Claus einmal bei einem seiner jährlichen Weihnachtsbesuche dagelassen hat. Peddigrohr und Fischbein für Gestell, Bügel und Sprossen beschafft er sich selbst aus den gewundenen Buchten an der Ostküste der Insel.

Auf einem blütenweißen Blatt Papier tippt er auf dem von Frau Waas erfundenen „Typographischen Schreibklavier mit Treppentastatur“, das erst viele Jahre später zur Schreibmaschine weiterentwickelt wurde, einen ermutigenden Appell für seine zukünftigen Schüler.

Auf ihm tippt er auch seine Erlebnisse, während er auf erste Schüler hofft. 

Diese wollen sich wider Erwarten und zu seinem wachsenden Gram nicht einstellen. Von Lukas und Jim, zwei Inselbewohnern, ernüchtert, sieht er ein, dass es für ihn auf Lummerland keine Zukunft gibt. Frau Waas‘ Angebot, ihren Laden zu übernehmen, schlägt er dankend aus: „Eine Krämerseele bin ich nicht.“

An einem günstigen Tag, an dem der Regen niederbraust und der Sturm das Feld durchsaust, lässt sich Robert frohgemut erneut vom Wind davontragen. Dieses Mal mit sturmfestsitzender Schiebermütze, Niederschriften und Appell sicher in der Jackentasche.

Über mehrere Stationen, wie der Insel Taka-Tuka-Land, auf der er mit Kapitän Efraims Vater gegen Piraten kämpft, Captagonien, Mamua Alt Guinea und den BHmas, auf denen er sich Wonderbratkartoffeln, Pumpselmusen und Tangarinen schmecken lässt, überfliegt er die Straße von Anián entlang der Langerhans‘schen Inseln bis nach Sussex, um sich mit dem zauberhaften Kindermädchen und schwebenden Schirmkollegin Mary auszutauschen. Leider muss er dort erfahren, dass diese nicht real existiert, sondern eine Erfindung der Schriftstellerin P.L. Travers ist, womöglich inspiriert durch seinen Schöpfer.

Letztlich wird er auf der großen und weiten Mentalinsel Budosa sesshaft und findet dort nach einer Durststrecke seine ersten Schirmschüler. Lange Jahre parallel mit den zwei Musen Karatina und Jujutsulia liiert, löst er sich von der resoluten ersten und entscheidet sich für die sanfte, der er bis heute die Treue hält.

In seiner Schirmschule hängt das Blatt mit dem Appell an seine Schüler, das ihn auf all seinen Reisen begleitet hat. Über die Jahre ist ihm das Weiß abhandengekommen, der Appell aber hat nichts an seiner Strahlkraft verloren. Unverändert steht dort geschrieben:

 

Lieber Schüler der Regenschirmschule Lummerland!

Du willst fliegen lernen. Das ist schön. Doch ohne den richtigen Schirm funktioniert es nicht. Der richtige Schirm ist für jeden anders und kann nur von einem selbst hergestellt werden.

Dazu brauchst Du Kenntnisse und Fertigkeiten.

Wenn Du Dir den Schirm nach Jahren eifrigen Werkens hergestellt hast, bist Du ein gutes Stück weit gekommen. Doch zum Fliegen brauchst Du mehr:

Du brauchst Mut. Du brauchst Hoffnung. Du brauchst Hingabe.

Mut bei stürmischem Wetter hinauszugehen. Hoffnung, dort und dann von der richtigen Bö erfasst zu werden. Und letztlich die Hingabe, sich vom Wind forttragen zu lassen.

Wenn Du das in Dir hast, steht Dir nichts im Wege, auch ein fliegender Robert zu werden.

Darum rufe ich dir zu:

Flieg Robert, flieg!




Wir sollten nicht müde werden, an unserem ganz persönlichen Schirm zu arbeiten. Denn die Winds of Corona werden auch im neuen Jahr weiterwehen.

 

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© Bilder: Axel Schultz-Gora [gmax], außer Nr. 1, Florida Entertainment GmbH, Nr. 5, Warner Bros.

Samstag, 28. November 2020

 

WARUM FINDET BUDO BARFUß STATT?

Und was hat das mit Punkrock und Corona zu tun? 




Budo, Punkrock, Corona ..„Wie geht das zusammen?“, fragst du dich, antwortest: „Gar nicht“, und bist dann umso mehr verblüfft, wenn du Einblick gewinnst in historische Zusammenhänge, von denen du bislang keinen blassen Schimmer hattest.

Licht ins Dunkel bringt dieser Abriss aus den gut versteckten Archiven des Living Honbu Dojo in Augsburg, Rubrik: What the masters know [but the students don't necessarily need to know]; gesonderte Textmaterialien mit persiflierendem Inhalt.     


1977  The Sex Pistols

Beim Londoner Musiklabel Virgin Records erscheint ein Album der Punkband „Sex Pistols“. Es trägt den Titel: „Never mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“.




Der Titel  des Albums Never mind the Bollocks wie auch der Name der Band Sex Pistols schlagen hohe Wellen. Sehr zur Freude ihres Managers Malcolm McLaren, der sich bei beiden Namensgebungen als deren genuiner Schöpfer ausgibt. Das vom Künstler Jamie Reid geschaffene Cover trägt ein Weiteres zur späteren Kultgeschichte des Werks bei.

McLarens Freude währt nur kurz. Ihm wird Plagiat in zweifacher Hinsicht vorgeworfen: Sowohl den Titel eines 1960 erschienenen Albums des zeitreisenden Schauspielers Rod Taylor habe er abgekupfert als auch dessen Bandnamen. Die Rechtfertigung McLarens es handele sich lediglich um ein epigonales Vorgehen, wird nicht akzeptiert.   

Reids Coverdesign hingegen bleibt unangetastet. Die Abweichungen von Taylors grafischer Komposition sind offenkundig.

McLarens Freude kehrt zurück und vergrößert sich sogar: Rod Taylor selbst ist es, der ihn rehabilitiert. Er sagt aus, bei einer Zeitreise im Advent 1977 hängengeblieben zu sein, wo er das Album im Schaufenster eines Plattenladen sieht. Taylor: "Ich kaufte die Platte nur wegen Weena. Der lila Streifen auf der Plattenhülle hatte die gleiche Farbe wie ihr sexy Kleid. Ich witterte meine Chance, damit bei ihr landen zu können."    





1960  The Time Pistols  

Taylor, der bereits 1896 bei den Pathé Frères in Paris wegen Tonträgeraufnahmen vorspricht, reist ins Jahr 1958, wo er sich mit dem Skriptwriter David Duncan trifft. Gemeinsam verfassen sie ein Drehbuch über Taylors Abenteuer.   

Das Drehbuch wird von den MGM-Studios gekauft, die  unverzüglich mit den Dreh-arbeiten beginnen. Taylor wird als Hauptdarsteller verpflichtet.  

1960 kommt der Film „Die Zeitmaschine“ in die Kinos. Den Soundtrack zum Film liefert Taylor. Dazu bringt er Musik aus dem Jahr 802.701 mit, wo er sich mit ein paar befreundeten Eloi zusammentut, um Protestsongs gegen das dortige Establishment der Morlocks zu propagieren. Er gründet die Band „The Time Pistols“ mit Weena als Frontfrau.  

Das Album trägt den Titel: „Never mind the Morlocks, Here’s the Time Pistols“.

 






2020  The Living Dojin

Auf die Frage seines Schülers, warum er Budo immer barfüßig betreibe und nie die selbstgestrickten Strümpfe seiner Schwester trage, wo er doch unter kalten Füßen leide, antwortet der Meister: „Never find the Wollsocks, Here’s the Living Dojin“.

 


Des Meisters Antwort - wie überhaupt dieser Post - legen zwei Schlussfolgerungen nahe: 

Punkrock und Budo haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun; auch wenn man die Sex Pistols nicht kennt.

Budo gepaart mit Humor kann durchaus etwas gewinnen: Das Hervorbringen bis womöglich Kultivieren eines optimistischen Geists — gerade in Umbruchszeiten wie sie uns durch Corona aufgebürdet werden.    

 

Montag, 30. Januar 2017

KOHELET - NICHTS NEUES UNTER DER SONNE





„Lieber Axel, ich habe seit Oktober nichts mehr von dir auf deinem Living Dō-Blog gelesen. Was ist los?“, werde ich gefragt, „fällt dir nichts mehr ein?“

„Ja und nein“, antworte ich.

TMI (Too much information)
Eingedenk des Informationsoverkills tue ich mich zunehmend schwer, etwas zu verfassen, von dem ich glaube, dass es erhellend sein möge und die Zeit des Lesers wert. Die Fülle, der für uns persönlich oft belanglosen Nachrichten, Mitteilungen, Berichte und Botschaften, die täglich auf uns einströmen, lähmt, schlimmstenfalls betäubt uns, zwingt uns zum gnadenlosen (Aus-)Mustern von Texten aller Art. Da laufen auch meine Posts Gefahr diesem zum Opfer zu fallen.

Alles ist gesagt
Mehr noch hemmt mich die Tatsache: Alle wesentlichen spirituellen Erkenntnisse der großen Meister, Denker und Lehrer des Ostens wie des Westens sind auskömmlich von Ihnen, beziehungsweise ihren Multiplikatoren, dargelegt worden. Danach kam, was kommen musste. Von Eklektikern aller Couleur wurden sie gelesen, studiert, verstanden und nicht verstanden, interpretiert, kommentiert, ergänzt, gekürzt, umformuliert, vereinfacht, verkompliziert, verfälscht, aus dem Zusammenhang gerissen, hingebogen, bejaht, negiert, gefeiert, angefeindet; letztlich wiedergekäut und wiedergekäut. Das alles trotz eines zumindest einer gewissen Schicht innewohnenden Bewusstseins: Alle unsere sprachlichen Mittel reichen nicht aus, um die Essenz des Seienden in ihrer universalen Gänze zu erfassen (s. u.: "kein Mensch kann alles ausdrücken", oder im Zen treffend: "Kein Verlass auf Worte"). 
Wofür also versuchen, noch etwas Eloquentes oben draufzupacken? Weshalb immer wieder das Gleiche neu formulieren? Geschweige denn im www, in einem Winzblog von Millionen?  
Ist es da für den geneigten Leser nicht lohnender, an die Quellen zu gehen, sich den originären Denkern und wahrhaften Lehrern zuzuwenden, als neuzeitliche Eklektiker zu bemühen?

Vorerst letzter Living Dō-Post
Aus dieser Erkenntnis heraus, möchte ich diesen vorerst letzten Living Dō-Post mit einer biblischen Quelle — Prediger Salomo oder auch Kohelet genannt — schließen. Die Maxime des Keep on going strong lebe ich weiter, um die graue Theorie bunt zu machen; also weniger in Texten als aktiv im Dōjō. Und im Alltag.

Kohelet
„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ erkennt Kohelet (Prediger Salomo). 
Je mehr und tiefer man ins Weltgeschehen eintaucht, umso mehr versteht man die Worte des biblischen Weisen. Auch die Geschichtsschreibung bestätigt ihn: Es kehrt alles wieder. Die Erscheinungsformen mögen sich ändern, aber im Kern bleibt es das Gleiche; weil auch wir im Kern des Menschseins die gleichen bleiben, selbst nach 45.000 Jahren Evolution. Natürlich haben wir uns (bildungs-)technisch weiterentwickelt. Aber das fragile System Mensch als Leib-Seele-Gebilde ist geblieben. Dieses System fällt seit jeher den immer gleichen, urmenschlichen, geistigen Problemen anheim, und es müht sich ebenfalls seither um deren Lösung, mittels Religion, Philosophie, Psychologie, Spiritualität, Esoterik, ... Ihm, dem Menschen als fleischgewordenes Paradoxon und Verdrängungsphänomen, gefangen in seiner allgegenwärtigen Ambivalenz und der Situation, die er sich daraus geschaffen hat, will das — wie uns die sozialen Geschehnisse der Welt beweisen — leider nur ansatzweise und nur in Minderheiten gelingen.

Vorspruch
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?

Wechsel, Dauer und Vergessen
4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.
8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.

Song: Blackbird (Paul McCartney, Beatles, 1968)









Dienstag, 18. Oktober 2016

WHAT'S YOUR NEXT MOVE? - Marlboro, die letzte





Aller guten Dinge sind drei. Ein letztes Mal soll hier im Living Dō-Blog die obige Marke oder überhaupt irgendeine Zigarettenmarke bemüht sein. Es geht hier aber nicht mehr um den streitbaren Suchtstängel. Und auch nicht um die diversen Warnungen auf der Packung — was an sich vielleicht sogar schon einen kleinen, satirischen Exkurs in die Parallelkonsumwelt wert wäre: Auf den Family-SUVs könnte „Schlechtes Rangieren kann zu Beulen führen“ stehen, und  auf den Kondompackungen „Kann Haut- und Kopfirritationen hervorrufen“. Auf Colaflaschen und Chipstüten stünde: „Kann zum Kauf größerer Kleidung veranlassen“, oder: „Kann Schönheitsdefizite erzeugen“
Es ginge auch direkter und weniger euphemistisch: „Macht sozial abhängig“ auf den Smartphones, und: „Führt zu Faulheit und zu flächendeckender Verblödung“ auf den Fernsehern. Letztlich müssten wir alle auf unseren Klamotten den eingewebten Hinweis tragen, oder besser gleich auf der Haut tätowiert: „Kann tödlich sein.“
Nein, es geht  um etwas anderes — Marlboro wirbt zurzeit wieder mit großflächigen Porträts für ihre Krebs- und Totbringer unter anderem mit der Frage: „What’s your next move?“.

Weiter denken
Diese Frage könnte von den Werbetextern als Wortspiel gemeint sein: „Was ist dein nächster Zug?“, um dann die Antwort zu implizieren: „Der an meiner Marlboro!“
Huah, wie geistreich. Dann kann ich den Post hier beenden.
Ein Living Dōjin jedoch kann aus der Frage „What’s your next move“ mehr herausholen als sich dem durch Werbeübermüllung  zur Ignoranz konditionierten Konsumenten zu erschließen vermag. Ihm kommt zum Beispiel in den Sinn, dass eingefleischte Brettspielnerds bei dieser Frage gedanklich brillante Züge einer Hou Yifan verknüpfen mögen. Oder, wer die chinesische Schachweltmeisterin nicht kennt, sich aber im Global Business zuhause wähnt, sie mit Handlungen Steve Jobs‘scher Dimensionen assoziiert.
Auf das elitäre Berufs- oder Geschäftsleben heruntergebrochen, kann die Frage nach dem next Move also durchaus eine nächste als erfolgversprechend gesehene Aktion meinen — eine Innovation, ein Event, eine Kampagne —, hervorgegangen aus taktisch gedachten Überlegungen.
Und auf das Leben jenseits weltherrschaftlicher Ambitionen eines Mark Zuckerberg oder eines Donald Trump bezogen? Da sieht die Realität meist anders aus. Sie kulminiert in zwei Extremen: Hyperpassivität und Hyperaktivität; deren Fragen lauten: „Warum wird kein next Move gemacht?“ Oder: „Warum werden lauter, aber eher unbedeutende next Moves gemacht?"   
Warum herrschen hier Lethargie und Apathie einerseits vor und Hyperaktivität bis zum Burn-out andrerseits?

Gleich und doch verschieden
Wir alle sind behavioristisch betrachtet, der Fünfheit ex- und intrinsischer Prägung unterworfen: (1)Anlagen - (2)Erziehung/Konditionierung  - (3)Umwelt - (4)Erfahrung - (5)subjektive Verarbeitung und Bedeutungshierarchie der Erfahrung.
In dieser Pentade liegt begründet, warum wir zwar alle verschieden sind, in unser psycho-sozialen Grundstruktur aber recht ähnlich.
Biologisch definiert, sind wir als Homo sapiens senso-motorische Wesen mit erworbenem Intellekt (der durch die rege Nutzung externer, digitaler Intelligenz sich messbar [s. https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Spitzer#Digitale_Demenz] wieder reduziert). Über Jahrtausende hinweg sicherten wir unsere Existenz und unser Überleben durch das aktive Tun mit dem Körper als Sammler, Jäger, Handwerker, …
Nach zwei Weltkriegen waren wir Jahrzehnte lang körperlich mit dem Aufbau und später mit dem Erhalt des Zerstörten beschäftigt.
Inzwischen ist alles aufgebaut. Die Berufswelt hat sich gewandelt und wandelt sich weiter. Unsere Existenz ist nicht mehr primär von (bisweilen harter) körperlicher Arbeit abhängig, sondern vom Konsum und dessen zwanghafter Aufrechterhaltung als unserer Wohlstandsgrundlage. Diese, sich durch uns selbst erzeugende und durch uns selbst zerfleischende Mechanik ist der schleichende Prozess vom erneuten Niedergang einer Hochkultur wie ihn die Historie immer wieder erlebt hat. 
Was hat das alles mit der „What’s your next move“-Frage zu tun?

Als Gefangener unseres Seins sind wir ständig auf der Flucht vor uns selbst
Das Los des Lebenden, Mensch oder Tier, ist es, sich über die gesamte Dauer seiner Existenz ununterbrochen mit ihm — dem Leben, zu beschäftigen. Man kann es nicht links liegen lassen, und wenn, dann rächt es sich bitter. Es rächt sich aber auch, wenn man es nicht in Ruhe lässt. Oder lässt es uns nicht in Ruhe?
Für beide, den Hyperpassiven wie den Hyperaktiven gilt der Zwitterfatalismus, wie ihn die Überschrift dieses Absatzes beschreibt. Lediglich deren konträre Bewältigungsmuster sind es, die sie, zumindest in dieser Hinsicht, so stark voneinander unterscheiden.
Bewusste Menschen wie unbewusste agieren in beiden vorgenannten Extremen Hyperpassivität und Hyperaktivität. So ergeben sich vier Formen.
Für den unbewussten Hyperpassiven gilt: Kein Plan, also auch kein Zug. Seneca wusste: „Wer den Hafen nicht kennt, für den weht nie der richtige Wind.“
Der unbewusste Hyperaktive hat ebenfalls keinen Plan, nur ist er der Flucht vor sich näher als seiner Gefangenschaft, deswegen ertrinkt er in Eifer, Eile, Emsigkeit.
Nicht weniger fatalistisch trifft es die Bewussten. Den Hyperpassiven unter ihnen hat die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, ganz im Camus’schen Sinn, zur Lethargie getrieben — weshalb und wozu etwas tun, wenn ihr ohnehin alles anheimfällt?
Bleibt noch der bewusste Hyperaktive. Dem wirkenden Konstrukt des Selbstbilds vom Macher geschuldet und der Tatsache, dass allein dessen Rettung, und sei sie zwanghaft, ihn noch am Leben erhält, bringt er triftige Rechtfertigungsstrategien für seine überrege Betriebsamkeit hervor.    

Orientieren - Optimieren - Organisieren
Wer weder zum einen Extrem gehört noch zum anderen, hat als Mischwesen gute Chancen auf ein ausgeglichenes Leben mit guten Moves. So hört man auf diversen Seminaren bisweilen diese Formel: „Aus deiner Vision und deinen Werten erwächst die Mission deines Lebens. Der Erfolg deines Lebens misst sich daran, wie unaufhaltsam du auf deiner Mission bist.“
Sind wir uns unserer Werte bewusst? Haben wir eine Vision, ein geistiges Bild vor Augen? Wollen wir noch etwas aufbauen? Haben wir noch Ziele, Wünsche, Träume, die wir mit eigenen Händen verwirklichen wollen?
Was wollen wir von uns selbst und unserem Leben?
Wer darauf keine Antwort weiß, geschweige denn, sich diese Fragen überhaupt stellt, und sich nicht mal seiner eigenen Werte bewusst ist, der macht keinen bedeutenden Move. Wer zwar Antworten hat, aber sich immer wieder von seinem Weg ablenken lässt, wird womöglich viele gute Moves machen, aber er läuft Gefahr sein Ziel aus den Augen zu verlieren - deswegen lautet die "D-Triade" aus den Acht Triaden des Living Dō: Orientieren - Optimieren - Organisieren. 

Ausgewogenheit
Tragisch wird es, wenn wir als dieses Mischwesen, das beides, Ruhe — kein Move — und Betriebsamkeit — ausgesuchte Moves — braucht, nicht ausgewogen leben können. Wenn wir uns Stille und Ruhe ersehnen, aber es beruflich wie privat nicht schaffen, uns diese Inseln zu organisieren. Wenn wir unter dem Hamsterrad-Syndrom leiden.
Bei Dauerstress — Moves am laufenden Band — wird sich unser Geist früher oder später melden. Er wird es, dreimal dürfen wir raten, über den Körper tun. Wir sind und bleiben Körperwesen, selbst wenn wir ihn zunehmend verleugnen, das meint, ihn schlecht zu ernähren und schlecht zu pflegen, ihn mitunter regelrecht zu vergewaltigen.

Jetzt - Die Königszeit
Das Vergangene war. Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt nur die Gegenwart. Sie ist die Königszeit. Der Anspruch aller Spiritueller und damit auch der Living Dōjin ist: Das Bewusstsein für die Königszeit zu schärfen. Eine Tätigkeit zu verrichten und dabei mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit (… es war so schön mit dem Partner …) oder in der Zukunft (… es wird so schön werden …) zu hängen, ist Verrat an der Gegenwart. Bei belanglosen Tätigkeiten mag das angehen, nicht aber, wenn wir etwas Wichtiges tun, wie zum Beispiel einen Menschen oder ein Tier pflegen. Davon abgesehen steigt ohnehin die Konzentration mit der persönlichen Bedeutungsschwere (s. die Pentade), die wir unserer momentanen Tätigkeit beimessen. Die Frage hier lautet also nicht nach dem nächsten Move, sondern nach dem jetzigen: „Welchen Move machst du gerade? Und vor allem: Wie machst du ihn?“  




Move!
Wichtig ist, dass wir uns überhaupt bewegen. Körperlich und geistig, und das ausgeglichen und bewusst. Tun um des reinen Tuns Willen, ohne nach dem Sinn zu fragen, hat mit Bewusstheit nichts zu schaffen. 
Umso besser, wenn wir zum erkannten Sinn noch die Ethik unserer Handelns erkennen, wenn wir bad Moves unterlassen und good Moves unternehmen.
Wie das geht? 
Keine Moves machen, die für einen selbst und für andere schlecht sind, sondern Moves machen, die für einen selbst und für andere gut sind. 
Und wie geht das? 
Nicht in Lethargie versumpfen, sondern immer wieder mal nach innen gehen, über sich selbst nachdenken, sich die Frage stellen: „Was will ich von mir und meinem Leben?“ Und Antworten finden. Je klarer die Antwort, desto klarer der Plan, desto wahrer der (next) Move.

Song: „Owner of the lonely heart“ (1983) von YES. Der Song beginnt mit: "Move yourself ..."